Auftakt einer düsteren Romantasy-Dilogie über Trauer, Identität und Macht
"Bitten" von Jordan Stephanie Gray bildet den Auftakt einer Romantasy-Dilogie und erzählt die Geschichte der siebzehnjährigen Vanessa Hart, deren Leben durch einen Wolfsangriff radikal erschüttert wird. Während ihre beste Freundin Celeste stirbt, überlebt Vanessa schwer verletzt und wird an den Hof der Wolf Queen gebracht, wo sie erkennt, dass sie selbst zu einer Werwölfin geworden ist. Zwischen Trauer, Schuldgefühlen und Identitätssuche muss sie sich in einer hierarchisch streng geregelten, magischen Gesellschaft zurechtfinden, in der Gehorsam, Herkunft und Machtverhältnisse eine zentrale Rolle spielen.Der Roman verbindet klassische Elemente der Romantasy mit einem Academy-Setting und thematisiert neben übernatürlicher Verwandlung insbesondere Prozesse der Trauerbewältigung, Selbstfindung und sozialen Anpassung. Die konsequente Erzählperspektive aus Vanessas Ich-Sicht ermöglicht einen engen emotionalen Zugang zu ihrer inneren Entwicklung. Ihre Impulsivität, Naivität und emotionalen Ausbrüche sind dabei ambivalent zu bewerten: Einerseits erschweren sie stellenweise die Identifikation, andererseits erscheinen sie angesichts ihres Alters, des erlittenen Verlusts und der abrupten Lebensveränderung psychologisch nachvollziehbar.Die Werwolf-Gesellschaft wird als klar strukturierte Machtordnung mit festen Regeln, politischer Intrige und kultureller Eigenlogik dargestellt. Im Academy-Setting werden Lernprozesse, Anpassungsdruck und die Aushandlung von Zugehörigkeit sichtbar. Die männlichen Figuren Sinclair Severi und Calix fungieren als Kontrastpole innerhalb dieses Systems und eröffnen Themenfelder wie verbotene Bindungen, Loyalitätskonflikte und persönliche Verantwortung. Die angedeutete Dreiecksdynamik bleibt im ersten Band bewusst unausgewogen, was die Spannung erhöht, jedoch psychologisch noch vertieft werden könnte.Stilistisch ist der Roman leicht zugänglich, bildhaft und flüssig erzählt. Einige narrative Entwicklungen erscheinen vorhersehbar, werden jedoch durch überraschende Wendungen im Schlussdrittel wirkungsvoll gebrochen. Der abrupte Höhepunkt wirkt zwar etwas verdichtet, erfüllt jedoch klar die Funktion eines Cliffhangers.Insgesamt bietet "Bitten" eine unterhaltsame, emotional aufgeladene Romantasy-Lektüre, die sich insbesondere für eine jugendliche bis junge erwachsene Zielgruppe eignet. Themen wie Trauer, Identitätsentwicklung, Machtstrukturen, Anpassungsmechanismen und moralischer Selbstbestimmung in fiktionalen Welten, werden hier angesprochen.