
Die Herrenfriseurin Wera hat ein Problem: Ihr Mann, Jockey, ist tot. Jetzt muss sie sich um die Beerdigung kümmern. Es fehlt ihr an allem, doch besonders das Wichtigste muss sie auftreiben: Schuhe für den Sarg. Also macht Wera sich auf den Weg zu alten Kunden und Bekannten, zu Weg-
gefährten und verflossenen Liebschaften. Sie durchstreift die ganze Halbwelt der Stadt - und damit ihr vergangenes Leben. So wie sie sich all die Jahre durchgeschlagen hat, kommt sie auch jetzt an ihr Ziel: mit Friseurinnenschläue und einem losen Mundwerk. Wir begegnen einer Frau, die alles gesehen hat. Und unter deren Schlagfertigkeit sich die Trauer versteckt.
Mit Wera hat Zyta Rudzka eine trotzige Lebenskünstlerin geschaffen: Weder Armut noch Schicksalsschlag brechen ihren Willen. Dem Unglück begegnet sie mit scharfer Zunge, und auch in der Liebe fehlen ihr nie die Worte. Ihr Sprachwitz schöpft aus dem Erfindungsreichtum derer, die von der Hand in den Mund leben müssen - und der Kunst der Literatur. In ihrer meisterhaften Übersetzung zieht Lisa Palmes alle Register.
Besprechung vom 04.10.2025
Eine Stimme für all die wehrhaften Frauen
Die Heldin in Zyta Rudzkas Roman "Lachen kann, wer Zähne hat" widerspricht allen Klischees - und erfüllt alle literarischen Erwartungen.
Wera ist Herrenfriseurin. Oder besser: Sie war Herrenfriseurin und hatte einen Mann, der als Jockey arbeitete. Sie hat mit ihm viele Jahre gelebt, mal in Wohlstand, mal in Armut, doch jetzt steht sie ohne ihren Laden und zudem ohne ihren Mann da. Ersteren hat sie verloren, Letzterer ist gestorben, und sie hat ein Problem: Sie muss für den Verstorbenen Schuhe besorgen. Das Problem ist ernster, als es klingt, denn "Schuhe für einen Toten finden ist schwer", und sie hat weder Geld noch etwas, was sich für einen nennenswerten Betrag verkaufen ließe. Also sucht die Witwe nacheinander all ihre alten Bekannten, Kunden und Geliebten auf, um Schuhe für den verstorbenen Jockey zu bekommen, und ruht nicht eher, bis sie die passenden gefunden hat. Und weil danach auch noch eine Reihe von anderen Besorgungen dran sind, die zu einem anständigen Begräbnis gehören, wird ihre Schuh-Eskapade zum endlosen Durchstreifen der Stadt und damit auch zu einer Wanderung auf den Spuren ihres vergangenen Lebens.
Wera ist die Hauptfigur des Romans "Lachen kann, wer Zähne hat", im Original erschienen 2022, für den die sechzigjährige Warschauer Schriftstellerin, Dramatikerin und Psychotherapeutin Zyta Rudzka den renommierten Nike-Preis und viele andere Auszeichnungen bekam. Zu Recht: Es ist keineswegs einfach, eine Figur zu schaffen, die zynisch, vulgär und gierig ist, die nur nach eigenen Regeln lebt, die auf nichts und niemanden Rücksicht nimmt, die keinen Augenblick lang Mitgefühl sucht oder um Sympathie buhlt - und dennoch die Aufmerksamkeit des Lesers durchgehend fesselt.
Zyta Rudzka, der eigenwillige Star der polnischen Literatur, schafft das. Sie zwingt dem Leser vom ersten Satz an ihren unverwechselbaren, kompromisslosen Erzählstil auf, schert sich den Teufel darum, ihn möglicherweise mit der Lebensweise oder Sprache ihrer Figur vor den Kopf zu stoßen, hat keine Angst, ihn durch Erzähltempo und narrative Lücken zu verwirren. Sie schreibt völlig jenseits von literarischen Trends und gesellschaftlichen Stereotypen, um ihr Ziel zu erreichen: das Porträt einer Frau, die, arm, allein und eher auf der unteren Stufe der gesellschaftlichen Leiter stehend, dennoch stark ist und unkonventionell agiert. "Wera ist unverwüstlich", sagt sie selbst über ihre Heldin: "Sie zelebriert ihren Verlust nicht. Sie weigert sich, Witwe oder Opfer zu sein. Sie liebt, wen sie will, und lebt, wie sie will. Darin liegt ihre Stärke. Ich treffe immer wieder solche Frauen - ich wollte ihnen eine Stimme geben."
Wera "liebt, wen sie will": Auch in dieser Hinsicht sorgt Rudzka dafür, dass ihre Protagonistin einen starken Eindruck hinterlässt. Sie liebt Männer und Frauen, nimmt sich jeden, den sie in die Finger kriegen kann, ist nicht zimperlich in der Wahl ihrer Liebestechniken ("Ich versenkte meine Hände in ihren Haaren, als wärs ein Eimer Wasser, bis zu den Ellenbogen"). Und sie hat offensichtlich keine Hemmungen, die erotischen Höhepunkte in allen Details und ohne unnötige Ausschmückungen zu schildern: "Sie spritzte. Spritzte so heftig, als hätte ein Blitz ins Geschäft eingeschlagen und alle Flaschen wären hin, der Wodka schwappte uns bis zum Hals."
Wera nutzt jede Gelegenheit, um auf ihre Kosten zu kommen, und kann dabei sehr komisch sein. Köstlich, wie sie sich stets weigert, sich bei irgendjemandem einzuschmeicheln oder irgendeinem Muster zu entsprechen, oder wie sie versucht, aus alten unbeglichenen Rechnungen noch Kapital zu schlagen. Einzigartig ist auch ihre Sprache: Umgangssprachlich und doch knapp, präzise, ohne jede Spur von Geschwätzigkeit. Messerscharf und voller Witz, schneller Assoziationen und Wortspiele ("Totenschuhe und Schuhe fürs Leben, das sind zwei Paar Schuhe"). Zyta Rudzka jongliert gern mit Mehrdeutigkeiten, was sie immer wieder an die Grenze zur Effekthascherei bringt, die sie aber dank ihres literarischen Könnens niemals überschreitet.
Rudzkas Protagonistin Wera hat aber bei alldem auch etwas Tragisches an sich. Ihre Einsamkeit, die sie mit einem "stocktauben" Hund teilt, ihr Sprachwitz, mit dem sie ihre Trauer überspielt, ihr verzweifeltes Bemühen, die Würde zu bewahren - all das setzt sich zu ihrem zweiten, sehr traurigen Gesicht zusammen. Ihre Wanderung durch die Stadt, bei der sie sich von der Welt verabschiedet, die sie kannte und in der feste, klare Regeln herrschten, ist "ein steiniger Weg, unwirtliches Gelände, Löcher, Schlamm, Staub". Selbst die Topographie ihrer alten Gegend ist anders geworden. In ihrem ehemaligen Laden hat sich ein Barbier breitgemacht, die benachbarte Buchhandlung ist auch weg: "Da hamse die Bücher in Schubkarren rausgeschleppt und eine 'Klinik des Lächelns' aufgemacht. Mit nem blutigen Finger hat wer ans Schaufenster geschmiert: Lachen kann, wer Zähne hat."
Wera trägt immer ihre Schere bei sich, obwohl sie keine Friseurin mehr ist. Vielleicht weil sie weiß, dass Haare als Symbol von Energie und Lebenskraft gelten und ihr Abschneiden mit dem Tod assoziiert wird. Sie ist "voller Verachtung für den Tod und seine Arschkriecher", doch vorsichtshalber hat sie ihren Beruf an den Nagel gehängt und trotzt dem Unvermeidlichen, solange sie kann, mit der Kraft ihrer deftigen Sprache. MARTA KIJOWSKA
Zyta Rudzka: "Lachen kann, wer Zähne hat". Roman.
Aus dem Polnischen von Lisa Palmes. Friedenauer Presse, Berlin 2025. 252 S., geb.
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