
Natascha Wodin, Autorin des Bestsellers Sie kam aus Mariupol und eine der großen Autorinnen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, erzählt in ihrem neuen Buch berührend, ehrlich und poetisch vom Altwerden und einer späten großen Liebe. Es geht um widersprüchliche Gefühle, um Nähe und Fremdsein in einer Beziehung und um die Gedanken an den näher rückenden Tod, den Schmerz des unaufhaltsamen Abschieds.
Was bedeutet es, wenn man sich in hohem Alter noch einmal verliebt? Wenn nicht mehr viel Zeit füreinander bleibt und man sich eigentlich schon im Alleinsein eingerichtet hat? In Natascha Wodins neuem Buch wagt die Erzählerin den Versuch, die Liebe über die Einsamkeit siegen zu lassen, ein letztmögliches Lebensexperiment, in dem sich die Fragen nach Liebe und Tod mit existenzieller Dringlichkeit stellen und die Mühen des Alters zum Alltag gehören. Die Geschichte des Paares ist der rote Faden im Text, einem Gewebe aus Erinnerungen, Reflexionen, Beobachtungen - aufgezeichnet an einem mecklenburgischen See mit Blick auf das Wasser und den gegenüberliegenden Horizont.
«Wie gut und ermutigend, dass es Natascha Wodin und ihre Bücher gibt!» Marko Martin, Welt am Sonntag
«Die Sprache Wodins nimmt dem, was sie erzählt, nicht den Schrecken. Im Gegenteil: Sie macht ihn spürbar, nachvollziehbar. Und gleichzeitig spendet ihre Kunst den so nötigen Trost.» Der Spiegel
Besprechung vom 05.12.2025
Wir sind ratlos gegenüber dem Alter
Zu ihrem achtzigsten Geburtstag beschreibt Natascha Wodin im Roman "Die späten Tage" Schmerzsymphonien, aber auch das Glück später Liebe.
Am 8. Dezember feiert Natascha Wodin ihren achtzigsten Geburtstag. Erst mit über vierzig begann die inzwischen hoch gelobte und mit vielen Preisen geehrte Autorin mit dem literarischen Schreiben. Ihr dramatisches, ungewöhnliches Leben ist die Folie all ihrer Romane.
Schonungslos und mit gnadenloser Offenheit gegenüber sich selbst zieht sie nun in ihrem jüngsten Roman noch einmal Bilanz. "Meine Eltern zeugten mich im letzten Kriegsjahr in einem deutschen Lager"; die Eltern, russisch-ukrainischer Herkunft, stammten aus Mariupol, wurden von den Nazis als Zwangsarbeiter nach Deutschland verschleppt und landeten nach Kriegsende in einem Lager für Displaced Persons. Eine Rückkehr in die Sowjetunion war unmöglich, man hätte sie als "Vaterlandsverräter" abermals ins Lager gesteckt.
Als Natascha Wodin zehn Jahre alt war, beging ihre Mutter Selbstmord, indem sie in den fränkischen Fluss Regnitz ging. Stalinismus, Krieg und Zwangsarbeit hatten ihr Leben zerrüttet. Für die junge Tochter setzte eine Zeit voller Grauen und Schrecken ein. Über ihre Herkunft wusste sie nichts, "nur, dass ich zu einer Art Menschenunrat gehörte, zu irgendeinem Kehricht, der vom Krieg übriggeblieben war". Der gewalttätige russische Vater verschwand irgendwann, das Kind wurde obdachlos, kam in ein katholisches Internat. Tiefe Verletzungen, traumatische Angsterfahrungen, Panikattacken und ein Gefühl der Minderwertigkeit zeichneten Wodins Lebensweg.
Wie eine Art Befreiung wirkte der Roman "Sie kam aus Mariupol" (2017), der die Spurensuche über die Herkunft ihrer Mutter mit feinen Bleistiftstrichen aufzeichnete. Die Ortlosigkeit, die Heimatlosigkeit bekamen einen sicheren Hafen - Natascha Wodin war literarisch der Durchbruch gelungen. Nun war sie eine Stimme geworden, die nicht mehr überhört werden konnte.
Das hat ihr Mut gemacht, ihr jüngster Roman über das Alter, "Die späten Tage", ist mit seiner ungehemmten Ehrlichkeit ein radikales und zugleich sehr zartes Geflecht der Gefühlswelten, die einem Menschen widerfahren, wenn es auf das Ende zugeht, und die vergangenen Tage wieder hochspülen. Das nächtliche Schreiben ist ihre Rettung: "Mein Schreibtisch ist der einzige Ort, an dem ich mein Alter, die Schmerzen, die Angst vergesse, obwohl ich darüber schreibe. Ich schreibe darüber, um nicht sang- und klanglos zu sterben."
Ein großes Glück wird Wodin zuteil, sie verliebt sich in hohem Alter: in einen noch einmal sechs Jahre älteren Mann, den sie im Roman Friedrich nennt. "Die Liebe ist das Einzige, was im Leben zählt, alles andere ist vergeblich. Ich musste achtzig Jahre alt werden, um das zu verstehen." Natascha Wodin hat einige unerfreuliche Ehen hinter sich, als Katastrophe beschreibt sie auch in den späten Tagen ihr achtjähriges zerstörerisches Zusammenleben mit dem Schriftsteller Wolfgang Hilbig.
Nun hat sie eine späte, liebevolle Zuflucht gefunden, aber auch die ist gefährdet. Die Autorin traut den euphorischen Altersbeschreibungen nicht, die ein immer beschaulicheres, gelasseneres Dasein verheißen. Ihre Erfahrung ist eine andere, das Leben wird schwerer, anstrengender, komplizierter: "Ich glaube, dass niemand weiß, wie man alt wird. Niemand hat uns das gesagt, niemand hat uns darauf vorbereitet. Alle werden vom Alter überrumpelt und sind ratlos auf einem fremden, unergründlichen Gelände, von dem man nicht weiß, ob es Wirklichkeit ist oder ein Traum."
Sie will nichts beschönigen, sie will das Tabu brechen, die Sorgen und Beschwernisse zu verheimlichen. Auch deshalb ist ihre neue Liebe so kostbar, weil sie keine Lügen mehr zulässt. Der Körper macht nicht mehr mit, es treten ungeahnte Empfindlichkeiten auf. Wieder regt sich die Angst, schon bald alleingelassen zu werden. Friedrich wird schwächer und schwächer. Jeden Morgen packt sie der Schock, er könnte eines Tages nicht mehr aufwachen. Das alte und alternde Liebespaar umhegt und pflegt sich, immer in der Gewissheit, den Schatz des Lebens gemeinsam auszukosten, sich gegenseitig Halt zu geben.
Eingeflochten in die fortlaufende Erzählung werden kürzere, aber auch ausführliche Erinnerungen an ihr früheres Leben: der absurde Kampf um ihren Vor- und Nachnamen, die sie zum Künstlernamen gewählt hatte und dem sich die Behörden mit aggressiver Vehemenz entgegenstellten, ihre Freundschaften, ihre Liebschaften, das Schicksal der Eltern, ihr Beruf als Übersetzerin in Moskau, bevor sie sich ganz dem Schreiben widmete und für sich den Zauber der Sprache entdeckte. In dem Bewusstsein, nicht mehr viel Zeit zu haben, greift Natascha Wodin noch einmal tief in die schwarzen Löcher ihrer Vergangenheit. Sie ist dankbar über ihren späten literarischen Erfolg, der ihr nicht in die Wiege gelegt war. Freude und Trauer mischen sich jedoch in einem komplexen Wechselspiel von Nüchternheit und fast ekstatischen Zuständen. Sie übersteht, wie sie es nennt, ihre "Schmerzsinfonien", um das Leben mit Friedrich so lange wie möglich erleben zu dürfen.
Nicht zufällig sind ihr die Vögel die liebsten Tiere: Schwäne, Schwalben, Krähen, sie bewegen sich mit höchster Eleganz und Souveränität in den Lüften und im Wasser, sie brauchen die Berührung mit der Erde nicht. So bewegt die Autorin sich auch in ihren sprachlichen Gefilden der Worte. Die Sprache fließt und schwingt, manchmal ist sie rau, manchmal zärtlich verspielt. Wodin beherrscht eine fein abgestimmte Klaviatur gemischter Töne.
Bilder und Metaphern aus der Natur inspirieren sie. In einem kurzen Einschub, ganz unvermittelt, teilt sie dem Leser mit: "Seit jeher warte ich im Frühjahr auf den Duft der blühenden Linden. Jetzt ist er da. Ich sitze am offenen Fenster, atme den hypnotischen Duft ein und stelle mir die obligatorisch gewordene Frage: Wie oft noch?" Am Ende des Romans hält sie sich wieder in ihrem geliebten Schreibhaus an einem kleinen mecklenburgischen See auf. Sie hat - wie stets - die Nacht durchgearbeitet. "Friedrich war aufgestanden, um mir zu sagen, dass er müde ist. Auch ich bin müde. Draußen dämmert es schon. Aber ich werde, bevor ich ins Bett gehe, noch auf die Krähen warten, die bald aus ihren Schlafbäumen am anderen Seeufer herüberkommen müssen, wie jeden Tag im ersten Licht." LERKE VON SAALFELD
Natascha Wodin:
"Die späten Tage". Roman.
Rowohlt Verlag, Hamburg 2025. 288 S., geb.
Alle Rechte vorbehalten. © Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt am Main.