
Was, wenn die Schuld bestimmt, wer wir sind? - John Boynes »Die Elemente«
Eigentlich hat Evan Keogh alles. Als gefeierter Fußballprofi lebt er ein glanzvolles Leben in der Londoner High Society. Ein Leben, von dem viele träumen. Doch dann muss er sich vor Gericht in einem Missbrauchsskandal verantworten. Und der Prozess fördert in Evan zutage, was er am liebsten längst vergessen hätte: die eigene Vergangenheit. Er realisiert, dass er vor Jahren nicht nur vor der Enge seiner Heimatinsel geflohen ist, sondern vor sich selbst. . .
»Erde« erzählt die Geschichte eines einsamen Jungen, der von seinem Ruhm nichts wissen will, und den die Ansprüche anderer zu einem Menschen gemacht haben, den er selbst nicht ausstehen kann.
»Absolut fesselnd« Sunday Independent
»Erde« ist Teil 2 von John Boynes großem Erzählprojekt »Die Elemente«.
Besprechung vom 23.12.2025
Die Insel der Schicksale
Der irische Bestsellerautor John Boyne erzählt in vier Kurzromanen von einem Eiland im Atlantik: einem Fluchtpunkt für Menschen, die schwer an ihren Verletzungen tragen.
Eine kleine Insel vor der irischen Westküste, sturmumtost und karg, kaum vierhundert Seelen zählend: Dieser abgelegene Ort ist Fluchtpunkt all der weltumgreifenden, verschlungenen Geschichten, die uns John Boyne in seinem neuen Werk erzählt. Von Dublin über London bis nach Boston oder Sydney spinnt er die Erzählfäden, umspannt damit die halbe Welt, ganz unterschiedliche Milieus und zwei Generationen. Doch alle sind mit der Atlantikinsel auf die eine oder andere Weise schicksalhaft verknüpft, ein Auszeitort, der Menschen in der Krise gleichermaßen anzieht, wie er Menschen, die dort leben, immer wieder in die Krise stürzt. WLAN gibt es hier nur in einem Pub, eine reguläre Fährverbindung gibt es nicht. Wer reisen will, muss sich mit einem der lokalen Fischer absprechen und auf gutes Wetter hoffen. Denn den elementaren Naturgewalten, "dem dissonanten Zusammenspiel von Wasser, Erde, Feuer und Luft", wie es eingangs heißt, sind alle gleichermaßen ausgesetzt.
Diese vier Elemente geben dem Erzählprojekt denn auch die Titel sowie Leitmotive. Vier Kurzromane hat Boyne in den zurückliegenden zwei Jahren geschrieben, Variationen über ein gemeinsames Thema von Schuld und Trauma, die im englischen Original im Halbjahresabstand publiziert wurden und nun auf Deutsch, wunderbar übersetzt von Nicolai von Schweder-Schreiner und Maria Hummitzsch, als Quartett vorliegen. Über einige der Schauplätze und - noch wichtiger - die handelnden Figuren sind alle vier Bände, die man durchaus auch einzeln lesen könnte, miteinander verlinkt. So entsteht ein großer Erzählreigen, bei dem stets eine Nebenfigur des vorigen zur Hauptfigur des folgenden Teils aufrückt und ein erheblicher Reiz der Lektüre darin liegt, solche Verbindungen vorauszuahnen und sich dann doch erneut von ihnen überraschen zu lassen. Das kennt man beispielsweise aus "Short Cuts" von Robert Altman, der für sein filmisches Meisterwerk einst Raymond Carvers Kurzgeschichten zu einem solchen Reigen fügte. Boyne macht sich das Verfahren für seinen Elementenzyklus sehr gekonnt zu eigen.
"Wasser" spielt ganz auf der Insel und erzählt von einer Frau in ihren Fünfzigern, die nach existenziellen Erschütterungen dorthin flieht, um ihr Leben und sich selbst neu zu erfinden. "Erde" führt uns in die Welt der Reichen, Mächtigen und Fußballstars, in welcher sich ein junger Mann, der von der Insel stammt, ein neues Leben aufzubauen sucht und doch irgendwann feststellen muss, dass er die Insel lebenslänglich in sich trägt. "Feuer" erzählt von einer erfolgreichen, anerkannten Chirurgin, Spezialistin für Verbrennungswunden, die ein derart schweres Trauma aus früher Jugend unverwunden mit sich führt, dass es sie zu unfassbaren Grausamkeiten treibt. "Luft" beginnt am Flughafen von Sydney und erzählt von einer langen Flugreise, die nach etlichen Verwicklungen und langen sprachlosen Gesprächen einen Vater und den halbwüchsigen Sohn zu einem Besuch auf die Insel führt. Viele Jahre und eine Generation nach der Flucht, mit der "Wasser" einsetzte, entwirren und verknüpfen sich nunmehr die Schicksalsfäden, und es schließt sich ein Kreis.
Was er einschließt, ist zutiefst verstörend. So gut wie alles in den vier Romanen dreht sich um Verbrechen, zumeist Sexualverbrechen, seriellen Missbrauch, Vergewaltigungen von sehr jungen Opfern, Mädchen wie Jungen, dazu Folter, Selbstmord, sexuelle Ausbeutung, Erpressung, Zuhälterei und weitere Gewaltakte bis hin zu Brandstiftung und Mord. Kaum etwas also lässt der Autor aus, wenn er seine Protagonisten, allesamt Versehrte, durch die Hölle schickt. Doch weist er ihnen dabei ganz verschiedene Rollen zu; das Spektrum reicht von Tätern sowie Mittätern über Mitwisser und solche, die es wissen sollten oder könnten, aber nie wahrhaben wollten, bis hin zu Mitfühlenden und Mitleidenden, aber auch Gefühl- und Ahnungslosen und Gepeinigten, die noch als Opfer furchtbar schuldig werden. Auf diese Weise werden jeweils auf recht knappem Raum von rund 150 Seiten Schreckenshorizonte aufgerissen, die gewiss für deutlich längere Erzählstrecken gereicht hätten. Bei Boyne tritt daher alles Schicksalhafte sehr gedrängt und heftig in Erscheinung.
Am eindringlichsten gelingt dies in "Wasser". Die klamme Abgeschiedenheit der Insel und das scheinbar stillgestellte Leben, das die wenigen Bewohner zwischen ein paar Rindern oder Schafen führen, bilden einen starken Widerpart zu den erdbebengleichen Vorkommnissen der zurückliegenden Zeit, deren Erschütterungen die Besucherin verzweifelt zu entkommen sucht. Doch immer wieder sucht das Vergangene sie heim. Während sie die Inselwelt erkundet und allmählich zu ahnen beginnt, was für Gewalten oder Abgründe sich darin verbergen, überkommt sie ständig die Erinnerung an ihr zurückgelassenes Leben, das sich auf diese Art für uns schrittweise enthüllt. Man liest das atemlos und angespannt in einem Zug.
Dieses Erzählprinzip, zwischen dem gegenwärtigen Geschehen und dem vergangenen kapitelweise abzuwechseln, setzt sich auch in den drei Folgebänden fort. Doch mit dem Schauplatzwechsel in die Metropolen fehlt Band zwei und drei viel von der subtilen Bannkraft jener Insel, die Band eins so bezwingend macht. Auch wenn die Handlung spannend bleibt, werden doch die folgenden Geschichten deutlich drastischer, ihre Effekte greller und die Schockmomente gröber. Erst mit Band vier, der ganz auf eine Vater-Sohn-Beziehung setzt und wieder auf die Insel zurückführt, gewinnt auch die Erzählweise erneut etwas von der souveränen Kraft des Anfangs.
Keine Frage, der irische Bestsellerautor John Boyne, Jahrgang 1971, ist ein Erzählprofi, der kein heißes Eisen scheut und keiner Kontroverse aus dem Weg geht. Vor zwei Jahrzehnten gelang ihm mit "Der Junge im gestreiften Pyjama", einem Holocaustroman aus Kinderperspektive, der sich unbekümmert vom Anschein der Geschichtsklitterung zeigte, ein internationaler Sensationserfolg. Mittlerweile umfasst sein Werk mehr als zwei Dutzend Titel. Auch in den jüngsten vier zu den vier Elementen zeigt sich seine Könnerschaft erneut. Die Pointen weiß er zu setzen, die Cliffhanger zu kalkulieren, die Figuren zu trimmen und die Dialoge zu schärfen, sodass alles wie geölt funktioniert und größtmögliche Wirkung entfaltet. Doch ebendeshalb wirkt das ganze Vierer-Unternehmen seltsam technisch, eher wie ein Krafttraining oder eine Erzähletüde.
Dabei sind die Fragen, denen sich diese Geschichten stellen, wahrhaft erschütternd und existenziell: "Es gibt Witwen und Witwer. Und es gibt Waisen. Aber es gibt kein Wort für Eltern, die ihr Kind verloren haben. Vielleicht, weil es so unnatürlich ist." Solche Lebenslagen, für die uns alle Worte fehlen, nimmt sich Boyne im Elementenquartett vor. Und solche Momente darin sind es, wie hier die Reflexionen der Erzählerin in "Wasser", die noch lange nachhallen. TOBIAS DÖRING
John Boyne: "Wasser". Roman.
Aus dem Englischen von Nicolai von Schweder-Schreiner. Piper Verlag, München 2025. 156 S., geb., 18,- Euro.
John Boyne: "Erde". Roman.
Aus dem Englischen von Nicolai von Schweder-Schreiner. Piper Verlag, München 2025. 142 S., geb., 18,- Euro.
John Boyne: "Feuer". Roman.
Aus dem Englischen von Maria Hummitzsch.
Piper Verlag, München 2025.
160 S., geb., 18,- Euro.
John Boyne: "Luft". Roman.
Aus dem Englischen von Maria Hummitzsch.
Piper Verlag, München 2025.
160 S., geb.
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