Interessanter Stoff, mittelmäßige Umsetzung
Es gehört zu den stillen Ironien der Windsors, dass die vielleicht faszinierendste Gestalt dieser bis zur Erschöpfung durchleuchteten Familie kaum jemand kennt. Prinzessin Alice von Battenberg, verheitatete Prinzessin von Griechenland und Dänemark - Mutter von Prinz Philip, Schwiegermutter Elisabeths II., Großmutter des heutigen Königs Charles III. - hat in ihrem Leben mehr Umbrüche, Grenzüberschreitungen und Zumutungen versammelt, als ein Drehbuchautor sich zu erfinden trauen würde. Dass Irene Dische diesen Stoff aufgreift, ist ein Glücksfall. Dass daraus kein rundum gelungenes Buch geworden ist, ist das eigentliche Ärgernis dieser Besprechung.Denn das Material trägt mühelos. 1885 in Windsor Castle gehörlos geboren, lernte Alice, in fünf Sprachen von den Lippen zu lesen; sie heiratete nach Griechenland und wurde Prinzessin eines Hauses, das Revolutionen und Exil kaum überstand. Verarmt schlug sie sich in Paris durch, geriet in eine religiös-erotische Ekstase, die ihre Umgebung erschreckte, wurde - Sigmund Freud stand Pate bei der Diagnose - als schizophren in eine Anstalt am Bodensee gesperrt und entkam von dort unter abenteuerlichen Umständen. Während ihre Töchter in Deutschland ranghohe Nationalsozialisten heirateten und ihr einziger Sohn mutterlos in England aufwuchs, versteckte sie im besetzten Athen eine jüdische Familie vor dem Holocaust und gründete am Ende einen Orden und eine Suppenküche. Eine irdische Heilige, hielten die einen sie; eine Verrückte, die anderen. Reicher lässt sich ein Frauenleben des 20. Jahrhunderts kaum denken.Dische begegnet dieser Fülle mit einer klugen Grundentscheidung: Sie lässt Alice selbst sprechen, in einem einzigen, ungestümen Monolog, der deftig, mitunter vulgär und fast durchweg komisch ist. Die Prinzessin betet sich in lautstarke Verzückung, kommentiert die eigene Familie mit grimmigem Witz und behauptet ihre Deutungshoheit über ein Leben, das andere längst für sie sortiert hatten. Diese Stimme hat Kraft, und in ihren besten Momenten ist der Roman genau das, was er sein will: die Rückeroberung einer Biografie durch die Frau, der man sie weggenommen hatte.Und doch trägt das Buch nicht bis zum Schluss. Auf gerade einmal 155 Seiten soll ein Jahrhundertleben Platz finden, und man spürt fortwährend, wie der Text unter dieser Last ins Hetzen gerät. Ereignisse werden angerissen und fallen gelassen, ganze Lebensabschnitte huschen vorbei, während anderes - oft das Nebensächlichere - auffällig breit ausgestellt wird. Diese Schwerpunktsetzung bleibt schwer nachvollziehbar; sie folgt weniger einer erkennbaren erzählerischen Notwendigkeit als der sprunghaften Laune der Erzählerin, was als Kunstgriff durchgehen mag, in der Summe aber eher fragmentarisch als kunstvoll wirkt.Am deutlichsten zeigt sich die Schwäche dort, wo der Roman den Leser mit seinen Personaltableu allein lässt. Fürstenhäuser, Onkel, Cousinen, verschwägerte Dynastien von den Romanows, die Hessen bis zu den WIndsors ziehen in solcher Dichte vorüber, dass man ohne Nachschlagewerk kaum noch weiß, wer hier mit wem verwandt, verfeindet oder verheiratet ist. Was eine Einladung zum Weiterlesen sein könnte, kippt so in eine Bringschuld: Ohne parallele Recherche bleiben zu viele Bezüge, Anspielungen und Wendungen schlicht undurchsichtig. Ein Roman aber sollte seine Welt selbst tragen und nicht darauf angewiesen sein, dass man nebenher den halben Gotha konsultiert.So bleibt am Ende der zwiespältige Eindruck einer verschenkten Möglichkeit. Der Stoff ist grandios, die Erzählstimme reizvoll, die Absicht ehrenwert - und trotzdem fügt sich das alles nicht zu jenem Roman, den dieses außergewöhnliche Leben verdient hätte. Prinzessin Alice macht neugierig auf Alice von Battenberg. Nur eben, und das ist das Verdikt, mehr auf die historische Frau als auf das Buch, das Irene Dische von ihr erzählt.