
Das Buch der Stunde: Daniel Marwecki beschreibt die Welt, wie sie sich gerade vor unseren Augen verändert - und spendet mit seiner klugen und menschenfreundlichen Analyse Trost durch Verstehen
In den Trümmern der Kriege in Gaza und der Ukraine zeichnen sich die Konturen einer neuen Welt ab. Donald Trump ist der westliche Abstiegsmanager, der die USA von einem Imperium zurück in einen Nationalstaat verwandelt - zum Leidwesen eines traurigen Europas, das ahnungslos in die neue, multipolare Welt hineinstolpert. Im Schatten all dessen entfaltet die Dekolonisation - verspätet - ihre Wirkung.
»Marwecki vollbringt das Kunststück, den westlichen Abstieg nicht als Untergangsgeschichte zu erzählen. Frei von Phrasen und Illusionen, stiftet die Lektüre nicht nur reiche Erkenntnis - sie macht auch Mut. « Per Leo
Besprechung vom 01.12.2025
Wenn der Westen nicht mehr führt
Zwei Bände über China und die neue Weltordnung
Gibt es etwas Verbindendes zwischen dem dramatischen wirtschaftlichen Aufstieg Chinas, der wiederholten Wahl Donald Trumps zum amerikanischen Präsidenten, dem russischen Angriff auf die Ukraine, der Selbstverzwergung Europas, der industriellen Revolution, der Zukunft der NATO und der Entwicklung des sogenannten Globalen Südens? Oder etwas, das vielleicht keine konkreten kausalen Ketten zwischen den erwähnten Sachverhalten etabliert, aber dennoch zwischen ihnen sinnstiftend vermittelt und so Orientierung in einer Zeit bietet, die vielen unübersichtlich erscheint.
Marina Rudyak und Daniel Marwecki geben mit ihren beiden Büchern Hilfestellung. Rudyak ist Sinologin an der Universität Heidelberg und hat unter dem Titel "Dialog mit dem Drachen" ein vorzügliches Buch verfasst darüber, wie China "tickt". Und wie sich Deutschland gegenüber der Volksrepublik verhalten sollte. Sie blickt zurück und schildert Episoden in der Geschichte des riesigen fernöstlichen Landes, die bis heute prägend sind. Beispielsweise beschreibt sie das für Peking demütigende 19. Jahrhundert, in dem nicht nur die beiden Kolonialmächte Frankreich und Großbritannien dort militärisch wüteten. Sie analysiert, wie China und Russland zueinander standen und stehen. Von einer harmonisch-stabilen Freundschaft, wie dieses Verhältnis heute bisweilen beurteilt wird, kann jedenfalls keine Rede sein, im Gegenteil. Und sie erläutert, welche Interessen China in Afrika verfolgt, die jüngere Geschichte des Konfliktes um Taiwan, das Verhältnis zu Amerika, Europa und speziell Deutschland.
Rudyak, die jahrelang in China gelebt hat und fließend Chinesisch und Russisch spricht, gibt überdies wertvolle Einblicke ganz anderer, aber nicht minder bedeutender Art. Sie legt etwa dar, wie China kommuniziert, wie wichtig Symbolik ist, was es beispielsweise bedeutet, wenn Peking ein anderes Land offiziell als Freund oder die Beziehung zu demselben als freundschaftlich auszeichnet. Und wie China überhaupt die Welt und seine Rolle darin empfindet. Natürlich geht sie auch ausführlich auf die machthabende und jede Konkurrenz unterdrückende Kommunistische Partei (KP) ein, wie sie funktioniert und wie es um den Parteivorsitzenden Xi Jinping steht, der schon länger im Amt und einflussreicher als seine unmittelbaren Vorgänger ist. Für Außenstehende ist gerade dieser Machtapparat häufig schwer zu interpretieren, weil sich die KP von Parteien westlicher Prägung merklich unterscheidet, Parteitage anders ablaufen, die Nachfolge von Führungspositionen anders geregelt wird und Ämter innerhalb der Partei oft wichtiger sind als bedeutende Posten in Ministerien oder die Minister selbst. Rudyak empfiehlt der deutschen Regierung dringend, einen viel intensiveren und konstruktiveren Austausch mit der chinesischen Führung zu pflegen, als dies in den vergangenen Jahren der Fall war und gegenwärtig der Fall ist. Und dies gerade weil China eben kein traditioneller Verbündeter mit ähnlichem Politik- und Wirtschaftsverständnis ist, sondern Wettbewerber, systemischer Konkurrent, potentiell wichtiger Kooperationspartner und ein großer Absatzmarkt.
Der an der Universität von Hongkong lehrende Politikwissenschaftler Daniel Marwecki hat einen anderen Ansatz. Er diskutiert in seinem sehr lesenswerten Buch "Die Welt nach dem Westen", wie sich die politische und wirtschaftliche Macht gegenwärtig rund um den Globus neu verteilt. Mit seiner Formulierung "nach dem Westen" möchte er einerseits betonen, dass etwas Neues anbricht. Andererseits verweist er damit darauf, dass beide großen gesellschaftlichen Steuerungsentwürfe, der marktwirtschaftliche wie der sozialistische, in ihren aktuellen Ausprägungen ihren Ursprung im Westen haben.
Marwecki liefert historische Überblicke und politische Analysen zugleich. Er erläutert, wie sich der wirtschaftliche Aufstieg Chinas und anderer ostasiatischer Länder vollzog und warum er erfolgreicher verlief als die Entwicklung Südamerikas. Ebenso spürt er den Ursprüngen des westlichen Machtzuwachses nach und räumt mit manchen Industrialisierungsmythen auf. Dabei skizziert er etwa Ideen des deutschen Ökonomen Friedrich List und wie dieser sich vom ersten amerikanischen Finanzminister Alexander Hamilton inspirieren ließ. Zölle und andere Abschottungsideen sind keine Erfindung der Gegenwart. Marwecki stellt heraus, dass rein planwirtschaftliche Systeme nie dauerhaft erfolgreich waren, reine Marktwirtschaften aber nur in Lehrbüchern existier(t)en. Er denkt darüber nach, ob Donald Trump der "Abstiegsmanager" Amerikas ist. Und er behandelt die populäre Frage, ob sich die USA und China in einer sogenannten Thukydides-Falle befinden - angelehnt an den Altertumskonflikt zwischen dem aufstrebenden Athen und der etablierten Militärmacht Sparta.
Zu den Vorzügen beider Bücher zählt, dass sie nicht hadern. Und dass sie aus einer ergebnisoffenen Perspektive schreiben, die gravierende Veränderungen nicht als vorübergehende Anomalie betrachtet. Sondern als einen meist durchaus chancenreichen Gang der Dinge - auch wenn andere nun womöglich mehr den Ton angeben als in der zurückliegenden Zeit seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges. ALEXANDER ARMBRUSTER
Marina Rudyak: Dialog mit dem Drachen, Campus Verlag, Frankfurt/New York 2025, 240 Seiten, 28 Euro.
Daniel Marwecki: Die Welt nach dem
Westen, Ch. Links Verlag, Berlin 2025, 288 Seiten
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