Der Roman Die glücklichste Familie der Welt von Anna Brynhildsen soll von einem Wochenendausflug nach Berlin handeln, dabei erzählt er viel mehr als nur das: Mats, seine sechzehnjährige Tochter Evi und ihre zwölf Jahre ältere Cousine Sara reisen nach dem Tod von Mats Mutter nach Berlin, um sich den Stolperstein mit dem Namen ihrer Familie Wolff und das Grab seines Großvaters Max zu besuchen.
Die jüdische Familie ist nicht streng gläubig, jedoch scheint Irmas Tod bei Mats etwas ausgelöst zu haben, was ihn zu seinen Wurzeln zieht.
Irma und ihre Schwester Nina wurden durch einen Kindertransport von Berlin nach Schweden gerettet, ihre Eltern blieben in Deutschland zurück. Der Vater starb eines natürlichen Todes, die Mutter und Großmutter verschwanden in einem Konzentrationslager.
Mats möchte die hinterlassenen Briefe, durch welche Irma mit ihren Eltern noch Kontakt halten konnte, dem Jüdischen Museum in Berlin spenden, was seine Tochter Evi ablehnt, denn sie würde die Briefe ihrer Großmutter lieber behalten.
Bevor es jedoch auf diese gemeinsame Reise geht, die Mats sehr wichtig ist, führt uns Brynhildsen in die gegenwärtige Familiengeschichte ein: Sara trifft sich seit einigen Jahren regelmäßig mit ihrem Onkel Mats in einer Kneipe, wo die beiden sich auf den aktuellen Stand bringen, über Probleme bei der Arbeit und in der Uni sprechen, aber sich auch um Evi sorgen. Immer wieder wird betont, wie krank Evi sei, doch keiner handelt, sondern wartet ab, dass die Zeit die Wunden heilt, was zum Glück auch passiert, bevor es einmal beinahe fast zu spät ist.
Die Beziehung zwischen Sara und Mats ist freundschaftlich, sie gibt Sara viel Halt, welcher ihr in ihrem Leben fehlt, da ihre Eltern sich getrennt hatten als sie zwölf war, was sie immer noch mit sich herumträgt.
Zu Evi hat Sara ein sehr festes Band, sie sind wie Schwestern, jedoch fühlt sich Sara für Evi krankhaft verantwortlich, sie hat Angst um sie, würde sie am liebsten in Watte packen. Sie weiß, was Evi noch nicht weiß: Es gibt einen weiteren Grund für die Reise und warum Mats unbedingt möchte, dass Sara mitkommt und für Evi da ist. Er wird ihr etwas offenbaren, was sie aus der Bahn werfen und sie wieder krank machen könnte.
Evi ihrerseits hat zu ihrem Vater eine Beziehung, von der sie meist genervt ist. Ihr sind nicht die gleichen Dinge wichtig, wie ihm. Manchmal geraten sie deswegen an einander, weil sie sich nicht verstanden oder gehört fühlt.
Für alle drei Figuren aus dem Roman ist das nicht nur eine Reise nach Berlin, sondern in die Vergangenheit. Es ist aber auch ein Denkanstoß und Neuanfang.
Sprachlich und stilistisch unterscheiden sich die zwei ineinander verflochtenen Zeitstränge: Die Geschichte der Familie Wolff aus Pyritz, die in Berlin der 1930er-Jahre weitergeht, lässt sich flüssiger lesen und ist anschaulicher als die aktuellen Erzählungen. Der Zeitstrang während der Reise ist komplizierter und lässt sich auch nicht so flüssig lesen und ich denke, dass dies beabsichtig ist. Die Leser sollen über die Passagen stolpern und über jeden Absatz ausführlich nachdenken.
Meiner Meinung nach ist dieser Roman ein wichtiges Werk zur Aufarbeitung, aber auch eine Hilfestellung zur Haltung gegenüber Vergangenem und transgenerationalen Traumata. Der Titel Die glücklichste Familie der Welt ist zwar trügerisch, aber er gibt Hoffnung und Lichtblicke auf die Zukunft.