
Mobilitätsideen, die Lust auf morgen machen
Bestseller-Autorin Katja Diehl und Science-Fiction-Erzähler Mario Sixtus fragen, wie die Menschen in Zukunft autofrei und klimafreundlich unterwegs sein werden und entwerfen konkrete Zukunftsvisionen. In ihrem hoffnungsfrohen Buch bieten sie konkrete und detaillierte Antworten und somit Doping für unsere Vorstellungskraft. Die Rollen sind dabei klar verteilt: Mario Sixtus, als Autor und Science-Fiction-Filmemacher häufig im Übermorgen zu Hause, schreibt Kurzgeschichten einer optimistischen Zukunft. Katja Diehl macht als Mobilitätsexpertin den Realitätscheck: Was könnte von dieser Vision in naher Zukunft tatsächlich umgesetzt werden? Überraschende und inspirierende Geschichten, die Lust auf die Verkehrswende machen.
»Eine utopische Intervention von ansteckender Klarheit, die das scheinbar Unveränderbare mit einem Lächeln in Bewegung versetzt. « Samira El Ouassil
»Hätte, hätte, Fahrradkette? Von wegen! Katja Diehl & Mario Sixtus schauen auf menschenfreundliche Mobilität und entwerfen gemeinsam ein großes 'Wofür' statt über das 'Wogegen' zu streiten. - Lesen und Machen! « Maren Urner
Besprechung vom 05.02.2026
Tankstellen zu Cafés!
Utopisch unterwegs: Katja Diehl und Mario Sixtus nehmen Szenarien einer Zukunft in den Blick, die sich von der Dominanz des Autos losgemacht hat.
Das Auto kann Segen sein, aber auch Fluch. Es ermöglicht individuelle Mobilität und verspricht Freiheit. Auf der anderen Seite verursachen Autos Kosten - nicht nur für ihre Käufer und Halter, sondern auch für die Allgemeinheit. Weil sie öffentlichen Raum beanspruchen, weil für sie Straßen gebaut und instand gehalten werden müssen oder weil ihre Herstellung und Nutzung Treibhausgase verursachen und so zum Klimawandel beitragen, vor allem solange viele Motoren noch mit Benzin und Diesel laufen.
Geht es nach dem Autorenduo Katja Diehl und Mario Sixtus, sind Autos auch Suchtmittel, vergleichbar mit Zigaretten. Diese Abhängigkeit werde dadurch gefördert, dass Mobilität in Deutschland zu lange vom Auto her gedacht worden sei, heißt es in ihrem Buch "Picknick auf der Autobahn". Schlimmer noch aus Sicht der Autoren: "Es ist gewünscht, dass wir sie nicht hinterfragen, die Abhängigkeit vom Auto, dass wir nicht unser Gefangensein im fossilen Hamsterrad realisieren", schreiben Diehl und Sixtus und stellen eine menschenzentrierte Mobilität als Gegenmodell ins Schaufenster. In zehn Kapiteln arbeiten sie heraus, wie der Mensch und nicht das Auto in den Mittelpunkt der Fortbewegung gestellt werden könnte.
Jedes der Kapitel ist zweigeteilt. Vorangestellt sind Kurzgeschichten, in denen der Filmemacher, Drehbuchautor und Journalist Sixtus Mobilitätsszenarien für eine nicht so ferne Zukunft entwirft: von der App, in der Menschen Geld vom Staat erhalten, wenn sie zu Fuß gehen oder Rad fahren; von einem Berlin, in dem es innerhalb des S-Bahn-Rings verboten ist, private Autos auf öffentlichen Flächen abzustellen; von älteren Landbewohnern in Brandenburg, die dank autonomer Taxis auch ohne eigenes Auto unterwegs sein können; von ehemaligen Tankstellen in der Provinz, die zu Cafés und Coworking-Spaces werden. Im zweiten Teil der Kapitel klopft die Mobilitätsfachfrau Diehl das Ausgedachte auf seine Umsetzbarkeit ab.
Der Wechsel zwischen "Fiction" und "Facts", wie es im Buch heißt, funktioniert als Konzept, auch wenn Sixtus' Prosabeiträge bisweilen holzschnittartig und ein wenig ausufernd daherkommen. Der Abgleich mit Realität und Machbarkeit in Diehls Passagen transportiert dagegen die eigentliche Stärke des Buches: Es regt die Leser an, über das eigene Mobilitätsverhalten nachzudenken, vielleicht sogar gerade dann, wenn sie große Autoanhänger sind.
Besonders gut gelingt das durch Passagen, in denen mit Daten und Fakten argumentiert wird. So erfährt der Leser zum Beispiel, dass in Berlin allein gut 230.000 öffentliche Parkplätze existieren, und staunt vermutlich über die schiere Zahl. In zweiter Konsequenz fragt er sich vielleicht ähnlich wie die Autoren, ob das nicht ganz schön viel Platz ist, der vor allem stehenden Fahrzeugen überlassen wird. Ähnlich verhält es sich mit der angeführten Rechnung, dass zum Beispiel in München die Kosten für einen Anwohnerparkausweis weit unter den tatsächlich anfallenden Ausgaben der Stadt für die Bereitstellung eines Parkplatzes liegen. Wie kann das sein in einer Marktwirtschaft?
Erhellend sind auch die Schilderungen, wie international mit Fragen der Verkehrswende umgegangen wird, in Frankreich, den Niederlanden oder in Südkorea. Mitunter wird in Klimaschutzdebatten hierzulande ja der Eindruck erweckt, Deutschland bewege sich mit seinen Entscheidungen allein auf weiter Flur, forciere zu strenge Maßnahmen und werde damit zur deindustrialisierten Lachnummer der Welt. Die von Diehl und Sixtus angeführten Beispiele zeichnen ein anderes Bild: von Staaten und Millionenstädten, die sich auf den Weg begeben haben, die mit Herausforderungen anzugehen, die zu viel Autoverkehr hervorrufen.
Schuldig bleibt das Buch Antworten, wie mit Anpassungsschwierigkeiten umzugehen ist, die mit der postulierten Verkehrswende einhergehen, etwa wegfallenden Arbeitsplätzen in der Autoindustrie. Und an vielen Stellen verdeutlichen die Autoren, dass sie nicht nur beschreiben wollen, sondern eine Agenda verfolgen. Beispielhaft zeigen das Sätze wie: "Wer eine globale Klimagerechtigkeit anstrebt, muss die Systemfrage stellen", womit die Abschaffung des Kapitalismus gemeint ist. Oder: "Die erste Regel der Verkehrswende lautet: Wege gar nicht erst antreten!" Immerhin unterscheidet letztere Aussage Diehl und Sixtus von Politikern oder Autoindustrievertretern, die diese Art von Ehrlichkeit in der Debatte um die Verringerung des Kohlendioxidausstoßes im Verkehrssektor zu oft vermissen lassen.
"Wie wir in Zukunft unterwegs sein werden" lautet der Untertitel von "Picknick auf der Autobahn", was in der Absolutheit der Aussage jedoch zu viel verspricht. Das wissen auch die Autoren, wenn sie am Ende des Buches konstatieren: "Wir zeigen in utopischen Wandmalereien eine nahe Zukunft, wie sie sein könnte, wenn wir weniger Wagen wagen." Ein "könnte" im Untertitel hätte also gereicht. Zumal manche der ersonnenen Mobilitätsideen in Diehls und Sixtus' Buch zwar bestechend und durchaus reizvoll klingen, es aber doch unwahrscheinlich scheint, dass sie allzu bald zur Realität werden. MARTIN GROPP
Katja Diehl und Mario Sixtus: "Picknick auf der Autobahn". Wie wir in Zukunft unterwegs sein werden.
S. Fischer Verlag,
Frankfurt am Main 2025. 223 S., geb.,
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