
Wie Gemeinsames Wissen unsere Gesellschaft bildet - die erste umfassende Theorie
Von der Börse über internationale Beziehungen bis hin zu privaten Verabredungen: Tagtäglich treffen wir Annahmen darüber, was andere Menschen wissen und denken, und richten unser Handeln danach aus - oft, ohne uns dessen bewusst zu sein. Steven Pinker befasst sich in seinem neuen Buch damit, wie wir den Wissensstand anderer Menschen einschätzen. Anhand von zahlreichen Beispielen aus der Spieltheorie, der Geschichte und unserem Alltag zeigt er so klar wie unterhaltsam, dass unsere alltäglichen Interaktionen auf komplexesten Überlegungen beruhen - und warum diese Tatsache unser Zusammenleben entscheidend prägt.
Besprechung vom 10.01.2026
Ich weiß, dass du weißt, dass ich weiß, dass du weißt . . .
Zu steil geratene These: Der Kognitionspsychologe Steven Pinker meint aus gemeinsamem Wissen viel für das soziale Miteinander ableiten zu können.
Nehmen wir an, ich weiß, dass vor mir auf der Straße ein rotes Auto ohne ersichtlichen Grund anhält. Ich weiß es, weil ich es sehe. Nehmen wir weiter an, dass auch du weißt, dass vor dir auf der Straße ein rotes Auto ohne ersichtlichen Grund anhält, denn du siehst es auch - du fährst schließlich direkt neben mir. Wir sehen es beide und wissen es beide, wir haben, in der Terminologie des kanadisch-amerikanischen Kognitionspsychologen Steven Pinker, privates Wissen. Weiter können wir davon ausgehen, dass wir beide wissen, dass der jeweils andere weiß, dass ein rotes Auto ohne ersichtlichen Grund stehen geblieben ist, denn wir beide haben unser eigenes Fahrzeug angehalten. Wir haben reziprokes Wissen der Form "Ich weiß, dass du weißt": Wir schließen das aus dem Verhalten, das wir jeweils am anderen beobachten. Reziprokes Wissen allerdings ist noch kein gemeinsames Wissen, denn hierzu fehlt noch eine kognitive Schlaufe.
Gemeinsames Wissen haben wir erst, wenn wir jeweils sagen können: "Ich weiß, dass du weißt, dass ich weiß." Wie man an dieser Formulierung erkennt, hat gemeinsames Wissen eine komplexe Struktur, denn man könnte noch weitere Schlaufen anhängen: "Ich weiß, dass du weißt, dass ich weiß, dass du weißt, dass ich weiß", aber wir ziehen an diesem Punkt vor, ein "etc." hinzuzufügen, um einen gewissen kognitiven Schwindel zu vermeiden. "Wenn alle wissen, dass alle wissen . . .", so lautet der Titel des jüngsten Buchs von Pinker. Gemeinsames Wissen ist mehr als das Wissen, das wir teilen - ich weiß es, und du weißt es -, es ist auch mehr als ein Wissen, das wir vom jeweiligen Wissen des anderen haben - ich weiß, was du weißt, und du weißt, was ich weiß -, es ist ein Wissen, das sich auf jenen Teil des Wissens des anderen richtet, der sich auf unser Wissen über sein Wissen richtet. Man könnte es auch so formulieren: Was weißt du über das, was ich über dein Wissen über mein Wissen weiß?
Pinker glaubt, dass gemeinsames Wissen einen enormen Einfluss auf unser Zusammenleben hat. Das macht der Untertitel des Buchs deutlich: "Gemeinsames Wissen und sein verblüffender Einfluss auf Geld, Macht und das tägliche Leben". Als theoretische Größe dient es einerseits dazu, zahlreiche Phänomene des sozialen Lebens zu erklären, gleichzeitig aber entfaltet es nach Pinker eine eigene Kraft in uns allen und verändert unseren Umgang miteinander. So könnten wir uns als Autofahrer in der eben beschriebenen Situation mit einer an den anderen gerichteten Geste darüber verständigen, dass wir wissen, dass der andere weiß, dass wir wissen, dass er weiß, und gemeinsam ein Ausweichmanöver starten. Gemeinsames Wissen, so die zentrale Pointe Pinkers, hilft uns, Handeln zu koordinieren.
Natürlich glaubt Pinker nicht, dass wir unser Handeln im Alltag mit übermäßig komplexen Gedankenkaskaden der Form "Ich weiß, dass du weißt, dass ich weiß etc." koordinieren. Wir verfügen vielmehr über vielfältige und manchmal ganz einfache Wege, um uns gemeinsames Wissen anzuzeigen, oder setzen es intuitiv schlicht voraus. Von Gesten war schon die Rede, aber wir können auch sprachlich andeuten, dass wir über gemeinsames Wissen verfügen, oder nutzen ein auffälliges Lachen, um anderen zu signalisieren, dass wir uns beispielsweise über das allzu selbstgewisse Gehabe eines anderen lustig machen. "Lachen", so Pinker, "erzeugt gemeinsames Wissen, das eine Konvention von Dominanz, Status oder Prestige in Frage stellt".
So setzen wir gemeinsames Wissen zur Handlungskoordination nicht einfach nur voraus, wir können es auch schaffen. Pinker erklärt auf diese Weise das Phänomen des Cybermobbing. Ist jemand etwa der Meinung, dass ein anderer sich falsch verhalten hat, kann er versuchen, sein "Wissen" in den sozialen Medien breit zu streuen. Auch kann er deutlich machen, dass die Person für ihr angebliches Fehlverhalten bestraft werden sollte. Springen genug andere auf den Zug auf, gibt es einen Shitstorm, der, wie wir wissen, Existenzen vernichten kann. Cybermobbing lebt davon, dass alle ein gewisses Wissen über das Wissen aller anderen teilen: alle wissen, dass alle wissen, dass alle wissen (etc.). Aber dieses Wissen ist nicht einfach da, man muss es schaffen und hat mit den sozialen Medien ein mächtiges Werkzeug, um es herzustellen.
Man sieht daran, wie Pinker das Konzept des gemeinsamen Wissens einsetzt. Er ist fest davon überzeugt, dass es eine Kraft sozialer Koordination besitzt, die wir noch genauer verstehen müssen. Wie weit er hier geht, zeigt das Kapitel über Cancel-Culture, das sich, wie angemerkt werden muss, vor allem mit linker Cancel-Culture an den Universitäten beschäftigt und die machtvollen rechten Cancel-Kulturen der Gegenwart außen vor lässt. Warum wollen wir missliebige Meinungen unterdrücken? Für Pinker kann es nur einen Grund geben: "Was die Zensoren und Cancel-Befürworter in Angst und Schrecken versetzt, ist anscheinend nicht, dass eine brisante Idee gedacht oder gar ausgedrückt wird, sondern dass sie gemeinsames Wissen werden könnte." Gerade weil gemeinsames Wissen Einfluss ausübt, wenn es einmal vorhanden ist, kann es Situationen geben, so muss man Pinker hier verstehen, in denen man versucht, seine Ausbreitung zu durchkreuzen.
Doch hier zeigt sich eine erste Schwäche des Ansatzes von Pinker. "Brisante Ideen" sind kein Wissen. Nehmen wir eine dieser Ideen, die Pinker auflistet und deren Diskussion in seinen Augen durch akademisches Canceln verhindert wird: "Gibt es für Männer von Natur aus ein Motiv zur Vergewaltigung?" Wer diese Frage akademisch nicht diskutieren will, hat vermutlich unterschiedliche Gründe. Man kann sie für wissenschaftlich widerlegt halten. Man kann den Begriff des Natürlichen, der hier im Spiel ist, problematisch finden, denn naturalistische Argumente haben jahrhundertelang die Benachteiligung und Unterdrückung von Frauen legitimiert. Man kann fragen, was hier Motiv heißen soll. Kurz, es geht um die epistemische Qualität der Forschungsfrage, die man in akademischen Kontexten zweifellos zur Diskussion stellen kann. Pinker könnte vielleicht sagen, man hätte hier Angst, dass eine Diskussion der Frage wissenschaftlich valable Wahrheiten ans Tageslicht bringt. Aber dazu müsste er seinen Wissensbegriff viel genauer bestimmen und etwa wahres Wissen von falschem Wissen unterscheiden, was er durchgängig unterlässt.
Dafür zahlt er einen Preis, denn häufig geht es in seinem Buch gar nicht um gemeinsames Wissen, sondern um gemeinsame Überzeugungen, das Beispiel des Cybermobbings macht das deutlich. Warum ist das wichtig? Weil viele seiner Fallbeschreibungen im Lichte dieser Unterscheidung unpräzise werden. Wenn ich etwa weiß, dass du weißt, dass ich weiß, dass du ein rassistisches Weltbild hast, dann ist ganz offen, was daraus folgt. Vielleicht kritisiere ich deine Einstellung öffentlich. Eine starke negative Wirkung kann erst entstehen, wenn ich deine Einstellung teile und nach weiteren Verbündeten suche, aber dann handelt es sich um gemeinsames Wissen von gemeinsamen Überzeugungen, die natürlich als Überzeugung falsch oder moralisch problematisch sein können. Eine genaue Beschreibung ist dann nicht "ich weiß, dass du weißt", sondern "ich weiß, dass du glaubst"; und du kannst wissen, dass ich weiß, dass du glaubst. Immerhin dieses Wissen kann man dann als wahr oder angemessen beschreiben, aber, das ist der Punkt, man wird es noch nicht als gemeinsames Wissen beschreiben.
Doch die große Wirkung, die gemeinsames Wissen nach Pinker entfalten soll, kann dieses Wissen oft nur über den Umweg gemeinsamer Überzeugungen oder geteilter Normen entfalten. Wissen als bloßes Wissen scheint nicht schon die Kausalkraft zu haben, die Pinker ihm zuschreibt. Es ist eben wichtig, was wir voneinander wissen und wie wir zu dem stehen, was wir voneinander wissen, und nicht, dass wir etwas über das Wissen des anderen wissen.
So vermag das Buch in seinen kognitionspsychologischen Hauptthesen nicht zu überzeugen, Pinker verlässt sich zu sehr auf die Kraft seiner Fallbeschreibungen, von denen im Übrigen viel zu viele aus der abstrakten Welt der Spieltheorie stammen, und unterlässt es, seine wesentlichen systematischen Annahmen stärker auszuarbeiten. Positiv gewendet: Das Buch ist ein erster Schritt in einer Debatte, die weitergeführt werden sollte. Mehr aber nicht. MARTIN HARTMANN
Steven Pinker: "Wenn alle wissen, dass alle wissen . . .". Gemeinsames Wissen und sein verblüffender Einfluss auf Geld, Macht und das tägliche Leben.
Aus dem Englischen von M. Wiese. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2025. 416 S., Abb., geb.
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