Von Ursula K. Le Guin hatte ich schon viel gehört, aber noch nie hatte ich was von ihr gelesen. Der Tag vor der Revolution war für mich sozusagen der Einstieg und es hat mir super gefallen. Die Geschichten sind sehr unterschiedlich. Manchmal handelt es sich um Science-Fiction-Texte, in denen man fremde Welten kennenlernt, manchmal sind es auch Texte, in denen die Autorin auf unglaublich unterhaltsame und direkte Weise ihre Meinung kundtut. Science-Fiction lese ich nicht oder Darf ich mich vorstellen? zum Beispiel fand ich großartig. Sowohl ihre Argumente an sich, als auch wie sie sie in einen Text gießt, schaffen ein einzigartiges Leseerlebnis. Ich auf jeden Fall habe oft schmunzeln müssen und habe mich sehr über ihre Gedanken zu den beiden Themen gefreut.
Der Tag vor der Revolution sammelt 25 Science-Fiction-Storys von Ursula K. Le Guin und wurden von Karen Nölle übersetzt. Damit ist dieses Buch mit seinen 654 eBook-Seiten sehr umfangreich, gibt aber auch einen guten Überblick über das Schaffen der Autorin. Die Kurzgeschichten wurden alle zwischen 1967 bis 1996 geschrieben. Man könnte sie alle nacheinander lesen, so wie ich es gemacht habe, aber auch für immer mal zwischendurch sind diese Texte gut geeignet. Manche sind etwas kürzer, andere bestehen aus 50 Seiten, also perfekt für wenn man mal unterwegs ist oder Abends in Ruhe den Tag ausklingen lassen möchte.
Die Geschichten sind alle sehr direkt geschrieben. Sie halten sich nicht auf mit langen, belanglosen oder komplizierten Beschreibungen. Sie nehmen den Leser ohne Umschweifen mit, erzählen, was nötig ist, um alles verstehen zu können und stellen die Protagonisten, ihre Fragen und Gedanken im Vordergrund. Dadurch, dass man alles durch die Augen eines Protagonisten erlebt, die unsere Art von Leben nicht kennt, wird man aus seiner eigenen Perspektive herausgerissen und dazu gebracht alles mal aus einen anderen Blickwinkel zu betrachten. Das hat mir sehr gut gefallen, weil man so anfängt über vieles, was man als selbstverständlich betrachtet nachzudenken. Man wird konfrontiert mit anderen Gesellschaften, die andere Denkweisen und Kulturformen haben. Das Ekumen und seine Rolle fand ich da sehr interessant. Sie reisen nach fremden Planeten, versuchen da Beziehungen mit der lokalen Bevölkerung zu knöpfen, aber so wenig wie möglich zu urteilen oder sich einzumischen. Trotzdem merkt man in zum Beispiel Ein Mann des Volkes, dass dies nicht immer so einfach ist und egal wie, es immer einen persönlichen Einfluss auf die Geschehnisse gibt.
Einige Gesellschaftsformen, die beschrieben werden, gefielen mir eigentlich auf den ersten Blick recht gut. Es hörte sich alles so positiv an. Daher fand ich es großartig, dass Ursula K. Le Guin dann aber auch Texte geschrieben hat, die zeigen, dass nicht alles daran zu positiv ist. Viele Denkweisen der Planeten, die wir kennenlernen sind unglaublich starr. Es gibt für alles Regel und Strukturen, die man nicht einfach aufbrechen kann, weil man dann als eine Aufsässige gesehen wird. Das fand ich zum Beispiel sehr schön beschrieben in Berglandbräuche. Ein dramatischer Text, der zeigt, wozu solches starres Denken führen kann. Ich fand es eine wunderschöne Geschichte, die mich aber tieftraurig gemacht hat.
Zum Glück gabs aber auch andere Texte, die mich mit einem wirklich guten Gefühl zurückgelassen haben, wie zum Beispiel Noch eine Geschichte oder Ein Fischer am Binnenmeer. Da steht die noch unausgereifte Theorie des Churtens im Mittelpunkt und ein junger Mann, der aus seinem dörflichen Leben ausbricht, studieren geht und eigentlich lange nicht merkt, dass ihm etwas fehlt. Das Ende war schlüssig und mochte ich sehr. Das Ganze wird auch von ihm erzählt, was dazu führt, dass man ihm sehr nahe kommt und seine Gedanken und Gefühle gut nachvollziehen kann.
Alle Texte zu beschreiben, wäre einfach zu viel. Bei vielen Geschichten aber habe ich nach dem Lesen noch ein paar kurze Notizen gemacht, weil sie mich so beschäftigt haben und ich meine Gedanken über das Gelesene loswerden musste. Es ist halt so, egal welchen Text man in diesem Buch liest, sie gehen immer ein auf gesellschaftliche Strukturen und stellen die Frage, ob es tatsächlich so sein muss. Sie zeigen verschiedene Perspektiven und als Leser wird man dazu ermuntert selbst darüber nachzudenken. Missstände werden beschrieben, aber so, dass man versteht, wo sie herkommen und es wird klar gemacht, dass man zwar Sachen ändern kann, es aber von innen heraus passieren soll und vieles Zeit braucht. Trotzdem sind die Kurzgeschichten nie belehrend oder trocken. Im Gegenteil. Man wird als Leser mit an die Hand genommen und die Möglichkeit gegeben sich mal eine andere Perspektive anzuschauen, während man das Gefühl hat ein Abenteuer zu erleben.
Insgesamt mochte ich dieses Buch sehr und ich freue mich viele neue Welten aus der Feder von Ursula K. Le Guin kennengelernt zu haben. Ich habe auf jeden Fall vor noch einige Romane von ihr zu lesen, weil ihre Kurzgeschichten mich neugierig gemacht haben und ich einige der Welten, die ich hier kennenlernen durfte, näher betrachten möchte. Der Tag vor der Revolution ist meiner Meinung nach super geeignet um Ursula K. Le Guin und ihr literarisches Schaffen kennenzulernen, aber auch für Kenner ist dieses Buch empfehlenswert, da einige der Texte noch nie ins Deutsche übersetzt worden sind.