
Besprechung vom 06.01.2026
Adenauer, nüchtern betrachtet
Früher stritten Historiker leidenschaftlich über den ersten Kanzler. Drei neue Biographien anlässlich seines 150. Geburtstags zeichnen ein abgeklärtes Bild seiner Politik.
Lange Zeit blieb die "Ära Adenauer" umstritten. Einerseits verfestigte sich das Bild einer veritablen Erfolgsgeschichte. Andererseits hat die zeithistorische Forschung in den letzten Jahrzehnten neue und durchaus wieder kritische Fragen gestellt. Dagegen trat das Leben des Protagonisten selbst etwas in den Hintergrund, nachdem Hans-Peter Schwarz und Henning Köhler mit ihren großen Adenauer-Biographien das Feld abgesteckt hatten. Abhilfe schaffen nun gleich drei neue Lebensbeschreibungen, allesamt rechtzeitig zu Adenauers 150. Geburtstag vorgelegt. Empirisch neue Erkenntnisse wird man angesichts der überaus breiten Adenauer-Forschung kaum erwarten. Aber jeder der drei Autoren setzt eigene Akzente, sodass sich insgesamt eine aufschlussreiche komplementäre Lektüre ergibt.
Der Gattung einer klassischen Biographie am nächsten kommt Friedrich Kießling, Ordinarius für Neuere Geschichte an der Universität Bonn. Er konzentriert sich auf den weniger bekannten Adenauer bis 1945, während er Nachkriegs- und Kanzlerzeit knapper abhandelt. Zu Recht unterstreicht Kießling, dass man den "jungen", 1933 immerhin schon 57 Jahre alten Adenauer nicht primär unter dem Blickwinkel seiner Nachkriegskarriere betrachten dürfe. Vielmehr handle es sich um eigenständige Lebensabschnitte, in denen der ehrgeizige Aufsteiger zunächst zum ersten Beigeordneten der Kölner Stadtverwaltung, sodann 1917 zum Kölner Oberbürgermeister gewählt wurde.
Damit gehörte Adenauer zur Politprominenz der Weimarer Republik, in erster Linie als innovativer und "moderner" Kommunalpolitiker, zugleich aber auch auf der nationalen Ebene, so vor allem als Präsident des Preußischen Staatsrates. Die Vielgestaltigkeit des Kaiserreichs führt Kießling aus biographischer Perspektive gewinnbringend vor Augen. Als Katholik gehörte Adenauer nicht zum kulturellen Mainstream des wilhelminischen Deutschland, aber im katholischen Rheinland spielte das eine untergeordnete Rolle. Eine gute, durch kluge Heirat komplettierte Vernetzung im katholischen Establishment erleichterte Adenauer zweifellos den Aufstieg. Aber ohne seine große praktische Intelligenz und ungewöhnliche Arbeitskraft wäre Adenauers Kölner Karriere ebenso wenig vorstellbar.
Kießling verdeutlicht Adenauers ausgeprägte Fähigkeit, unterschiedliche Sichtweisen zuzulassen, zugleich aber Pragmatismus mit Zielstrebigkeit zu verbinden. Taktisches Geschick paarte sich mit einer Beredsamkeit, die "wie ein Landregen" wirkte, so eine zeitgenössische Stimme. Gut gestellte Fragen, etwa wie "katholisch" und wie "preußisch" Adenauer gewesen sei, beantwortet Kießling überzeugend mit einer Art Juste milieu. Einerseits tief im katholischen Milieu verwurzelt - so verlangte er von seiner zweiten Frau, die evangelisch war, die Konversion -, bewahrte Adenauer doch immer eine klare politische Distanz zum katholischen Klerus. Analog verhielt es sich mit Preußen und dem Reich: Adenauer identifizierte sich mit beidem als gleichsam guter Patriot, blieb aber dem nationalistischen Überschwang abhold.
Neben seinem kommunalen Hauptamt war Adenauer, ganz animal politicum, ständig reichsweit unterwegs, sehr häufig in Berlin, wo er das Präsidentenamt des Preußischen Staatsrates akribisch und gewissenhaft ausfüllte. Seine beiden sogenannten Kanzlerkandidaturen von 1921 und 1926 werden von Kießling zwar treffend an ihren faktisch ganz unspektakulären Ort verbannt, aber sie unterstreichen, dass der Kölner Oberbürgermeister innerhalb der Zentrumspartei zur national wahrgenommenen Figur avancierte.
Anders als Kießling legt Holger Löttel den Schwerpunkt seiner knapp gehaltenen Biographie explizit auf Adenauers Amtszeit als Bundeskanzler. Als langjähriger editorischer Leiter der Rhöndorfer Ausgabe wohl der intimste Kenner des Adenauer'schen Nachlasses, profitiert Löttel davon, wenn er innen- und außenpolitische Konstellationen der unmittelbaren Nachkriegs- und der Kanzlerzeit anschaulich analysiert. Souverän und quellennah führt er den Leser durch die Stationen des abermaligen Aufstiegs Adenauers zwischen rheinischem Netzwerk und neu gegründeten CDU-Zonen- und -Landesverbänden, dem Vorsitz im Parlamentarischen Rat und den ersten Wahlen zum Bundestag. Strategie und Taktik eines bewussten Weges zur Macht werden plastisch herausgearbeitet, so etwa die Rolle des Parteiführers gegenüber den Ministerpräsidenten, die zunächst den Ton angaben, aber auch die klare Frontstellung gegenüber der Sozialdemokratie Kurt Schumachers. Eine parlamentarische Regierung ohne die SPD war schon das Ziel des berühmten Rhöndorfer Gesprächs am 21. August 1949, als der Kanzler in spe seinen Parteigranden die verbreitete Idee einer Großen Koalition ausredete.
Löttel unternimmt instruktive exemplarische Ausflüge, so etwa, wenn er den dramatischen Bruch mit seinem deutschlandpolitischen Gegner Thomas Dehler und der FDP schildert. Zugleich unterstreicht er auch den innovativen Charakter der Adenauer'schen Konzepte. In der Außenpolitik, Adenauers bevorzugtem Tätigkeitsfeld, betraf dies die für die deutsche Geschichte gänzlich neue Politik der Westbindung ebenso wie die entschlossene Hinwendung zu de Gaulles Frankreich. Innenpolitisch am wirksamsten waren die "Heimholung" der knapp 10.000 in der Sowjetunion verbliebenen deutschen Kriegsgefangenen, die der Kanzler 1955 mit seinem dramatischen Moskaubesuch erreichte, sowie die Rentenreform von 1957. Die für die Bundestagswahl gewählte Parole "Keine Experimente" widersprach daher auf geradezu paradoxe Weise Adenauers Rolle als Neuerer der (bundes-)deutschen Politik.
Norbert Frei, Emeritus der Universität Jena, der ebenfalls den Schwerpunkt auf die "Zeit nach der Katastrophe" legt, hebt ebenfalls die "modernen" Züge in Adenauers Kanzlerschaft hervor. So führte der Kanzler 1953 zusammen mit seinem Amtschef Otto Lenz einen hoch professionalisierten Wahlkampf mit starken amerikanischen Einflüssen. Und die Rentenreform habe gezeigt, wie es Adenauer gelang, "im selektiven Zugriff auch manche Themen der Innenpolitik quasi im Alleingang voranzubringen".
Zu Adenauers politischer Strategie gehörte es, seine beachtlichen politischen Neuerungen mit weitestmöglicher vergangenheitspolitischer Beruhigung zu erkaufen. Zwar zweifellos ein Opfer des NS-Unrechtsstaates, verstand es Adenauer doch, wenngleich am Ende nur mit knapper Not, seine bürgerliche Existenz über die Zeit zu retten. Der Preis, den er dafür zahlte, bestand, wie Frei farbig darstellt, im kompletten politischen Stillhalten bei gleichwohl beständigem Bangen um die eigene Zukunft. Adenauer kann daher als ein sprechendes Beispiel für die Möglichkeit der inneren Emigration gelten, die er indes mit der vollständigen Verweigerung jeglicher oppositionellen oder gar Widerstandstätigkeit verband.
Die Frage, wie diese Erfahrungen Adenauers Blick auf den Nationalsozialismus nach 1945 prägten, gehört zu den umstrittensten Aspekten seiner Biographie. Frei führt die Distanziertheit vor Augen, mit der Adenauer - selten - des Holocausts gedachte, dabei stets um das Bild der Deutschen im Ausland besorgt. Dies bewegte ihn dazu, deutsche Schuld und Verantwortung wohldosiert zu akzeptieren und innenpolitisch das Wiedergutmachungsabkommen mit Israel durchzusetzen. Dem stand die schon damals skandalöse Personalpolitik nicht entgegen, mit der Adenauer ehemalige Mittäter des NS-Regimes amnestierte, deckte und förderte. Der "Fall Globke", den Frei eingehend analysiert, war in dieser Hinsicht nur die Spitze des Eisbergs. Den innenpolitischen Hauptgegner, ja "Todfeind" sah Adenauer dagegen in der Sozialdemokratie. Nicht nur gab er sich keinerlei Mühe, unter bewährten Sozialdemokraten ein "reineres Wasser" für den personellen Neuaufbau zu suchen. Vielmehr ließ er neben den Kommunisten auch die Sozialdemokraten systematisch ausspionieren, häufig unter Missbrauch der Organisation Gehlen und des BND. Darin, dass sie dies kritisch bilanzieren, stimmen alle drei Autoren im Anschluss an die Forschung überein.
Keine Aufregung erzeugen dagegen die einst mit großer Leidenschaft ausgetragenen älteren Kontroversen über Adenauers Deutschlandpolitik. Für manche Kritiker der 1970/80er-Jahre war der Kanzler eine Art rheinischer Separatist, der im "ersten Anlauf" 1920 bis 23 (H. Köhler) scheiterte, mit der Bundesrepublik dann aber sein kongeniales Paradigma fand und sich de facto gegen eine Wiedervereinigung entschied. Aus der Sicht von heute genügt es indes, festzuhalten, dass sich Adenauer nach dem Ersten Weltkrieg "nach allen Seiten und für alle Eventualitäten zu wappnen suchte" (Frei), "in höchster Not" zu "fieberhaften Sondierungen in verschiedene Richtungen" bereit war (Kießling) und sich in ein "diplomatisches Krisenmanagement" begab, "das ihn stellenweise auf dünnes Eis führte" (Löttel).
Entsprechend nüchtern beurteilen alle drei Autoren auch die Westbindungspolitik: als starke und um der Freiheit willen notwendige Innovation, die aber nach ihrer Implementierung kaum mehr deutschlandpolitischen Spielraum gewährte. Gegen Ende der 1950er-Jahre wusste Adenauer denn auch keine Antwort mehr auf die sich verfestigende Teilung und die Tatsache, dass die deutsche Frage allmählich von der internationalen Agenda verschwand. Symbolisch hierfür war es, dass Adenauer nach dem Mauerbau mehr als eine Woche verstreichen ließ, ehe er nach Berlin reiste. Dies, zusammen mit seiner grotesken Fehlkalkulation, als er 1959 mit dem Bundespräsidentenamt kokettierte, und der Spiegel-Affäre von 1962 waren unverkennbare Zeichen der teils quälenden "Kanzlerdämmerung", die von allen drei Autoren nüchtern konstatiert wird.
Bleibt am Ende Adenauers Verhältnis zur Demokratie. Dieses war in der Weimarer Republik zeittypisch für den linken Flügel des Zentrums und das republikanisch gesinnte Bürgertum. Rechtsstaatlichkeit und Gesetzestreue waren die leitenden Prinzipien; in diesem Sinne hielt Adenauer die Demokratie - bemerkenswert genug - für die "allein mögliche Regierungsform" in Deutschland. Anhänger und Skeptiker des Parlamentarismus zugleich, misstraute er aber wie so viele andere auch dem Wahlvolk und lehnte ein aus heutiger Sicht modernes, individualistisch und grundrechtlich fundiertes Demokratieverständnis ab. Dem entsprach wohl auch Adenauers kurzfristig wohlwollendes Urteil über den italienischen Faschismus Ende 1932. Zum gleichen Zeitpunkt empfahl er taktisch eine Koalition des Zentrums mit der NSDAP als "klassisches Zähmungskonzept", wie Kießling überzeugend urteilt. Alternativ befand Adenauer sogar Papens Plan für hilfreich, den Reichstag aufzulösen und die verfassungsgemäßen Neuwahlen für eine Weile "aufzuschieben": ein im Grunde staatsstreichartiges Verfahren, vor dem Hindenburg zurückschreckte, das aber möglicherweise Chancen geboten hätte, Hitler von der Macht fernzuhalten.
Solche autoritären Versuchungen, mit der Adenauer in der finalen Krise der Weimarer Republik keineswegs allein stand, erklären vieles von seinem patriarchalischen Autoritarismus, den er später - bisweilen mit taktischer Tücke - in der bundesrepublikanischen "Kanzlerdemokratie" entwickelte. So bleibt bei allen drei durchweg gut lesbaren Biographien das historisch abgelagerte, nüchterne Bild eines großen Staatsmannes, dessen bedeutende Leistungen ebenso unbestritten sind wie seine Schattenseiten. Größere Leidenschaften indes erzeugen sie heute nicht mehr. ANDREAS WIRSCHING
Friedrich Kießling: Adenauer. Dreieinhalb Leben - Biografie.
Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2025. 544 S., 30,- Euro.
Norbert Frei: Konrad Adenauer. Kanzler nach der Katastrophe. Biographie.
Verlag C.H. Beck, München 2025. 317 S., 29,90 Euro.
Holger Löttel: Konrad Adenauer. Leben in Zeiten des Umbruchs.
BeBra Verlag, Berlin 2025. 208 S.
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