
Besprechung vom 22.11.2025
Es kann hier wie dort passieren
Dorothy Thompson berichtete den Amerikanern vom Aufstieg Hitlers. Jetzt sind ihre Reportagen aus den Dreißigerjahren als Buch erschienen.
Woche für Woche lesen sie zehn Millionen Menschen, sechs Millionen hören sie im Radio. Insgesamt hundertachtzig Zeitungen drucken ihre Texte. Sie nimmt die "Rolle der aufgeklärten Amerikanerin" ein. Zum "Feind" hat sie Hitler und die durch ihn verkörperte Neuordnung Europas erklärt. Wenn sie als einflussreiche Stimme der Öffentlichkeit ihres Landes gilt, dann liegt das einzig an der "öden Uniformität des amerikanischen Denkens". Nur dort wird sie als Stimme der "antiautoritären Agitation" ernst genommen. Deutschland hingegen musste sie 1934 als "unerwünschte Besucherin" verlassen.
Solch vergiftete, hier paraphrasierte Notizen, die der Journalistin Dorothy Thompson gewidmet waren, fanden sich im August 1942 in der sich intellektuell gebenden NS-Wochenzeitung "Das Reich". Das Blatt sah sich offenbar in der Pflicht, Thompson ausführlich im Ton raffinierter Polemik zu würdigen, weil ihre Stimme Gewicht hatte. Weniger seriös verbrämt hatte Propagandaminister Joseph Goebbels über die prominente Meinungsführerin bereits Anfang April 1942 in sein Tagebuch regelrecht hineingeflucht, wie "beschämend und aufreizend" es sei, "dass so dumme Frauenzimmer" sich überhaupt gegen eine "geschichtliche Größe wie den Führer" zu Wort melden dürften.
Thompson war den Nationalsozialisten ein Dorn im Auge - und dies bereits, seit die Deutschlandkennerin als Auslandskorrespondentin ab Mitte der Zwanzigerjahre in Berlin gewirkt hatte. Im Jahr 1931 konnte sie sogar ein Interview mit Adolf Hitler führen, das 2023 erstmals auf Deutsch unter dem Titel "Ich traf Hitler!" im Verlag "Das vergessene Buch" erschienen ist. Sowenig sie sich vorstellen konnte, wie ein von stupender Mittelmäßigkeit geprägter Mann wie Hitler überhaupt an die Macht gelangen könnte, besaß sie doch ein feines Sensorium für die krisenhaften Herausforderungen der späten Weimarer Republik.
Ihre nun veröffentlichten Reportagen aus den Jahren 1931 und 1932 knüpfen daran an und sind Zeugnis einer Zeitdiagnostik erster Güte. Die elf von dem Berner Germanisten Oliver Lubrich versammelten und in einem Nachwort kundig eingeordneten Texte wurden im Zeitraum vom Mai 1931 bis September 1932 zuerst in der weitverbreiteten Wochenzeitschrift "Saturday Evening Post" veröffentlicht. Es sind bemerkenswert lange und eingehende Analysen, die Erkenntnisse aus eigenen Beobachtungen und Gesprächen mit historischem, wirtschaftlichem und psychologischem Wissen kombinieren.
Statt einfacher Rezepte und Eindeutigkeit zog Thompson es vor, widersprüchliche Konstellationen aufzudecken. Gleich ihre ersten beiden Stücke handeln von "Armut de luxe", in denen sie auf der einen Seite von einer modernen Infrastruktur, "glitzernden Straßen" und einer blühenden Kunstszene berichtet, auf der anderen von sozialen Ängsten und einer höchst depressiven politischen Stimmung. Realität und Gefühlswelt klafften, wie sie einigermaßen besorgt wahrnahm, merkwürdig auseinander. Sie erkannte Anzeichen einer mentalen Krise, die sie als besonders gefährlich erachtete. Den "Krieg in den Köpfen der Menschen" hielt sie für derart prägend, als hätten sich die blutigen Kampfhandlungen "erst vor wenigen Monaten ereignet". Deshalb lehnte Thompson auch das Diktum von der "Nachkriegszeit" ab.
Sie zeichnete das Bild einer multiplen, schwer entwirrbaren Krise mit sozialpsychologischen, wirtschaftlichen und politischen Anteilen. Die letzten beiden kamen für sie in exzessiver Bürokratisierung und Regulierung zum Ausdruck. Für die dem Kapitalismus zugeneigte Amerikanerin diktierte der Staat in Deutschland zu viel und überforderte sich dadurch selbst. Sie kritisierte überdehnte Sozialsysteme, Eingriffe in den Mietmarkt und einen ausufernden öffentlichen Dienst. Ebenso irritiert zeigte sie sich über ein Subventionswesen für private Industrien und Betriebe. Der Unternehmer sei in einem "stark sozialisierten" Deutschland "zu Tode gehätschelt" worden.
Die politisch damals konservativ zu nennende, später zunehmend liberale Autorin bevorzugte das nüchterne, bisweilen auch harte Urteil. Womöglich ist ihr aufgrund dieses Stils Reichskanzler Heinrich Brüning sympathisch gewesen, sosehr sie ein Republikschutz mit den Diktaturmethoden eines Notverordnungsregimes beunruhigte. Trotz mancher Zweideutigkeit wirkt er bei ihr eher wie der letzte Retter und nicht wie ein Niederringer der Demokratie. Über dieses Urteil lässt sich vortrefflich streiten. Ebenso über ihre Einschätzung des Nationalsozialismus als Bewegung des Kleinbürgertums oder die These, die Entwaffnung Deutschlands nach Versailles hätte erst den Militarismus angeheizt. Abermals sah sie eine fatale psychologische Eigendynamik am Werk, die radikale Erlösungshoffnungen anstachelte und den Boden für autoritäre Lösungswege bereitete.
Man kann Thompsons Texte gleich in mehrfacher Weise mit Gewinn lesen - ob als historische Dokumente einer klugen, dabei so urteilsstarken wie irrtumsanfälligen Beobachterin in der Endphase der Weimarer Republik oder als - abschreckende - Parabel für unsere Gegenwart. Thompson hatte nicht nur Deutschland als Paradebeispiel einer kippenden Demokratie im Blick, sondern warnte zugleich vor einem weltweit um sich greifenden neuen Nationalismus, Fremdenhass und Populismus. Fein sarkastisch intoniert zeugt davon ihr Artikel zum "Grauhörnchenkomplex".
Anlässlich einer Teegesellschaft Gustav Stresemanns hatte sie ihren zweiten Ehemann, den Schriftsteller Sinclair Lewis, kennengelernt, der 1930 als erster Amerikaner den Literaturnobelpreis erhalten sollte. In seinem fünf Jahre später veröffentlichten Buch "It Can't Happen Here" warnte er vor politischer Radikalisierung und einer Wende zur Diktatur in den Vereinigten Staaten. Ohne Zweifel profitierte er dabei von den Eindrücken Dorothy Thompsons aus Deutschland rund um das Schicksalsjahr 1933 - als alarmierendes Fanal: Es kann hier wie dort passieren - damals und heute. ALEXANDER GALLUS
Dorothy Thompson: "Das Ende der Demokratie". Reportagen aus Deutschland 1931-1932
Herausgegeben von Oliver Lubrich. Aus dem Englischen von Johanna von Koppenfels. Verlag Das vergessene Buch, Wien 2025. 420 S., geb.
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