Sebastian Grave ist ein Unsterblicher. Seinen Körper teilt er sich mit einem Dämon, seinen Haushalt führt (mehr schlecht als recht) ein Sukkubus. Er selbst ist ein Hexer, der sich nebenbei mit Wissenschaft befasst. Als er von grässlichen Morden in Frankreich erfährt, beschließt er, dorthin zu reisen, nicht ahnend, dass er sich mitten im Roten Winter wiederfinden wird.
20 Jahre später taucht ein junger Franzose bei Sebastian auf. Unverkennbar ist die Ähnlichkeit zu seinem früheren Gefährten Antoine, mit dem er damals den Roten Winter erlebte. Als Sebastian erfährt, dass die Bestie von damals offensichtlich zurück gekehrt ist und Antoine ihn um Hilfe bittet, schließt er sich dem jungen Jaque an und reist zurück ins Herz des Grauens.
Denn er hat noch eine offene Rechnung zu begleichen ...
Das erste Mal stolperte ich über dieses Buch in einem Rezesnionsvideo bei YouTube, damals noch auf englisch. Da ich mich für die Bestie von Gévandan interessiere, bzw. für das Rätsel, das sie hinterlassen hat, war ich sofort Feuer und Flamme. Durch Zufall fand ich das Buch in der deutschen Übersetzung auf einer der üblichen Second-Hand-Seiten und schlug sofort zu. Ich wollte unbedingt wissen, was Sullivan da geschrieben hatte.
Ich bereue den Kauf nicht, ganz im Gegenteil. Ich bin überrascht, wie gut der Roman ist. Immerhin sprechen wir hiier über ein Erstlingswerk, und da sind oft noch Ecken und Kanten drin. Hier dagegen fand ich nichts dergleichen, es wurde zu einem wahren Diamanten der Horror-Literatur geschliffen, wenn man mich fragt. Selten habe ich einen so guten Horror gelesen!
Womit wir gleich bei einer Kontroverse sind: Im Internet habe ich mittlerweile oft gelesen und gehört, dass andere den Roman der Fantasy zuordnen. Das wundert mich nicht, immerhin geht es um einen Hexer, also mehr oder weniger einem Zauberer. Dennoch empfand ich den Roman von Seite 1 an als historischen Horror, und das nicht nur anhand der hohen Opferzahl oder der Massaker, die beschrieben werden.
Einigen gefällt der Stil nicht. Das kann ich nachvollziehen, wenn ich diese Meinung auch nicht teile. Sebastian hat tausende von Jahren hinter sich, natürlich hat er eine andere Sicht auf die kurzlebige Menschheit. Dass er sehr zynisch und ironisch ist, ergibt sich für mich nur allein aus der Tatsache, wie viele Menschen er selbst mittlerweile verloren hat, und nebenbei noch, dass er ein Hexer ist und durch eine Zeit wandern muss, in der der Glauben an Hexen noch sehr lebendig ist. Im Gegenteil hätte es mich gewundert, wenn Sebastian ein reiner Gutmensch gewesen wäre.
Das Zusammenspiel zwischen ihm und seinem "Gast" Sarmodel ist herrlich zu lesen. Die beiden benehmen sich stellenweise wie ein altes Ehepaar, während sie an anderen nahtlos zusammenspielen und der eine den anderen stützt. Eine nachvollziehbare Zweckgemeinschaft, über deren Ursprung man als Leser allerdings nur sehr wenig erfährt. Vielleicht wird dies an anderer Stelle einmal beleuchtet, es wäre auf jeden Fall interessant und der Autor stellt am Ende mehr Abenteuer mit seinem skurilen Dreiergespann in Aussicht.
Die Handlung selbst ist blutig, sehr blutig. Sullivan nimmt sich einige künstlerische Freiheit mit den Angriffen und der Anzahl der Opfer der Bestie von Gévandan. Das tut dem Vergnügen des Lesens jedoch keinen Abbruch. Ich fand es faszinierend, wie detailfreudig Sullivan gerade in den grausamen Szenen wurde.
Die Liebesgeschichte zwischen Sebastian und Antoine ist von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Sowohl Sebastian wie auch der Leser wissen das. Trotzdem ist sie mit viel feinem Einfühlungsvermögen geschrieben worden, wenn auch nicht zu detailreich - eine Wohltat in der heutigen Zeit, in der die Autoren scheinbar mehr an Bettspielen denn an Handlung interessiert sind. Am Ende, gebe ich zu, weinte ich über die letzten zwei Kapitel der beiden, so wunderschön war der Abschied.
Die Handlung dehnt sich über drei Erzählstränge: Der rote Winter, 20 Jahre später und eine, erst einmal eigenständig erscheinende rund um Jean d'Arc. Wie die Fäden dann zusammengeführt werden war wirklich spannend. Das Bild wurde plötzlich erst größer, dann immer vollständiger bis zum großen Höhepunkt.
Der Roman endet offen. Man erfährt nicht, was weiter mit Jaques geschieht nach dem, was im Gévandan passiert ist. Sebastian und er scheinen wieder zurückkehren zu wollen in das Haus des "Professors", zumal Sebastian eine Nachricht erhalten hat, laut der seine Rückkehr dringend ist. Ob es eine Fortsetzung geben wird mit dem derzeitigen Cast weiß man als Leser nicht. Sullivan aber stellt weitere Abenteuer seines Dreigespanns in Aussicht in seiner Danksagung.
Alles in allem ein hervorragender Erstling, wie er selten ist. Ich konnte das Buch kaum aus der Hand legen und fand mich nicht nur unterhalten, sondern auch bestens amüsiert. Sicher kein Roman für jeden, man muss schon allein aufgrund der hohen Opferzahlen und den blutigen Beschreibungen ein wenig abgehärtet sein, aber in meinen Augen ein Kunstwerk und ich hoffe ehrlich, dass es eine Fortsetzung geben wird.