Ich weiß nicht, was genau mich an For Whom the Belle Tolls von Jaysea Lynn, übersetzt von Michaela Link, so sehr angesprochen hat, dass ich es unbedingt lesen wollte. Es war eine Mischung aus dem Klappentext (ja, vor allem der letzte Satz, der eigentlich nicht dem entspricht, was ich gerne lese (Spice), aber so viel Humor ausdrückt, dass ich nicht widerstehen konnte), der großartigen Gestaltung des Buchs (designed von Marie Grasshoff) und den wirklich sehr positiven Rezensionen auf Goodreads.
Ja, und dann kommt das Buch an und ich bin erst Mal überrascht. Und zwar von der Dicke. Knapp 850 Seiten. Puh. Humor schön und gut, aber über diesen Umfang hinweg könnte es schwierig werden. Aber wer weiß, vielleicht wird es ja gut. Und das wurde es tatsächlich! Nicht nur ist Lynns Schreibstil sehr eingängig und leicht zu lesen, die Geschichte selbst macht auch sehr viel Spaß. Und das obwohl, und das ist die nächste Überraschung, es schlichtweg keinen Spannungsbogen gibt. Kleine Höhepunkte (haha), das schon. Aber es gibt nicht dieses große Ereignis, auf das hingearbeitet wird. Nein, die Handlung plätschert dahin, ist sehr unaufgeregt und trotzdem Ich habe es gerne gelesen, mich nie gelangweilt. Ich weiß, dass es nicht allen Leser*innen so gegangen ist oder gehen wird, aber ich habe es wirklich genossen. Und bis knapp zur Hälfte des Buchs gab es auch nur eine halbe spicy Szene. Okay, das ändert sich dann total, aber da diese intimen Momente (zumindest während der, ähm, reinen Aktion) nicht handlungsrelevant sind, könnte man sie auch überspringen.
Die größte Überraschung des Buchs war für mich aber die so gar nicht vorhandene Toxizität. Wir befinden uns in der Hölle, aber alle Wesen dort sind so unfassbar respektvoll, zuvorkommend, lieb und haben kein Fitzelchen Bosheit in sich. Nicht mal der Angreifer gegenüber, die später im Buch eine Rolle spielen. Denn selbst die wurden gezwungen und können einfach nichts dafür.
Es gibt keine Szene, sei es eine S*xszene oder auch nur eine Umarmung, die nicht mit Zustimmung erfolgt. Ich kann gar nicht beschreiben, wie respektvoll miteinander umgegangen wird, wie Grenzen akzeptiert werden, die persönliche Entfaltung, die Wünsche der Mitwesen. Einem kleinen Mädchen werden keine Lügen erzählt, sondern versucht, die Dinge auf Augenhöhe zu erklären. Es war einfach nur schön und wholesome zu lesen, wie eine Gemeinschaft sein kann, geprägt von gegenseitigem Respekt.
Und selbst wenn die Geschichte voller Green Flags ist, spielt das Setting der Hölle eine große Rolle. So kommen dorthin Menschen, die Verbrecher*innen sind und anderen Menschen Böses angetan haben. Auch die Figuren selbst haben teilweise schlimme Erfahrungen gemacht. Diese werden mitunter expliziter beschrieben, deshalb möchte ich dich bitten, auf die Content Notes zu achten (die ich dir auch gerne zukommen lassen kann).
All das wird gekrönt von einem wirklich tollen Humor, der zwar oft (!) in die schlüpfrige Richtung geht, aber einfach perfekt zu den Figuren in der Hölle passt. Sie sind alle sehr freizügig und sehen S*x als etwas Natürliches an, etwas, das nicht versteckt oder verheimlicht werden muss.
Ich habe alle Charaktere liebgewonnen, ihre Art, miteinander umzugehen. Einzig die S*xszenen waren mir ein bisschen too much. Aber das ist okay, der Rest der Geschichte hat es für mich sowas von rausgerissen. Große Empfehlung für alle, die gerne Bücher in diese Richtung lesen und sich nicht davon abhalten lassen, dass es keine tempo- oder actionreichen Szenen gibt.