
Besprechung vom 23.01.2026
Alles außer dem Hund
Lisa Ridzén fragt nach dem Finale des Lebens
Es gehört Mut dazu, einen Roman über das Altwerden und Sterben zu lesen, denn beides ist bekanntlich nicht für Feiglinge gemacht. Im Debüt der Schwedin Lisa Ridzén, einem Werk mit dem sentimentalen Titel "Wenn die Kraniche nach Süden ziehen", erlebt der neunundachtzigjährige Bo seinen letzten Sommer. Er kann nicht wissen, dass es so ist. Doch er fühlt es und sehnt sich auch zuweilen danach. Als Leser spürt man das ebenfalls, weil der Roman aus seiner Perspektive in der Ich-Form geschildert wird. Das ist das Eigentümliche: Eine Autorin von Mitte dreißig versetzt sich in die Gedanken eines fast neunzigjährigen Mannes, und zwar bis in den Augenblick seines Todes hinein. Sie kennt seinen Alltag, seine Sehnsucht nach Körperwärme, seine Trauer, seine Liebe, seine Scham, seine Angst, seine Wut, seinen Stolz.
Dass diese Illusion funktioniert, verdankt Ridzén unter anderem den Notizen, die sie entdeckte: In den Hinterlassenschaften ihres Großvaters lag ein Journal, in dem die Altenpflegerinnen, die ihn mehrfach täglich umsorgten, seinen Zustand und die von ihnen geleistete Unterstützung vermerkten.
Aus ähnlichen, aber wohl fiktiven Einträgen zimmerte Ridzén die stabile Struktur des Romans. Die Kapitel sind nach einem Wochentag mit Datum benannt, Trennblätter enthalten Miniaturen wie: "Bo liegt im Bett, er scheint nicht ganz auf der Höhe zu sein. Möchte Haferbrei zum Frühstück. Ich erinnere ihn an den Atemtrainer. Viel trinken ist wichtig. Medikamentengabe. Johanna."
Die Einschübe bewahren den Roman davor, in Bedächtigkeit zu erstarren. Bo lebt allein in einem abgelegenen Haus. Er hat nur noch seinen Hund Sixten, der gelegentlich ausbüchst, und Erinnerungen, die bei 47 Jahren im Sägewerk und einer glücklichen Ehe ebenfalls nicht vor Aufregung strotzen. Zu den Höhepunkten zählen Besuche des Sohnes oder der Enkeltochter oder Telefonate mit einem Freund. Auch an solchen Tagen macht das Gedächtnis unkontrollierbare Sachen, die Hand nicht mehr mit und die Blase sowieso, was sie will. Die Augen fallen ihm zu.
Lisa Ridzén interessiert sich für jedes Detail. Wenn sie nicht literarisch schreibt, ist sie Doktorandin in Soziologie, spezialisiert auf "Männlichkeitsnormen" (etwa: "Intersectional Perspectives on Northern Swedish Rural Men's Working Life Narratives"). In dieser Hinsicht ist auch der Roman ein Forschungsprojekt: Die Autorin studiert die Gefühlswelt ihres Protagonisten, was mit dessen Verhältnis zum strengen Vater beginnt und in seinem Bedürfnis endet, dem eigenen Sohn Hans, mit dem er oftmals über Kreuz lag, ein versöhnliches "Du weißt doch, dass ich stolz auf dich bin" entgegenzuflüstern.
Durch den Grundkonflikt der Geschichte, die fürsorgliche Entmündigung, die Hans vorantreibt, fällt dieser Satz gar nicht so leicht. Hans meint, dass der Hund nicht mehr gut für Bo ist und Bo auch nicht mehr gut für den Hund. Er versteht Vaters Bedürfnisse nicht und wird ihm später auch die Küchenbank nehmen, auf der Bo seit dem Umzug seiner Gattin ins Demenzheim schläft.
Die starken Gefühle für Fredrika, die Liebe seines Lebens, kommen in Bos innerem Monolog durch etliche an Fredrika gerichtete Gedanken in der Du-Form zum Ausdruck. Gleichzeitig liebt er auf eine kameradschaftliche Weise auch Ture, der homosexuell ist. Glaubt jedenfalls Bo. Die Telefonate zwischen den Kollegen von einst, beide vereinsamt und von Pflegedamen umgeben, zählen zu den ergreifendsten Absätzen des Buches. Weil so viel ungesagt bleibt.
"Ergreifend" ist indes kein Merkmal literarischer Qualität. Die Sprache ist es - ganz klar und mit viel Wahrheit darin. Das ausbalancierte Verhältnis zwischen eher beschreibenden und emotionalen Passagen. Das Einfühlvermögen und die Aufmerksamkeit, der sie den Grenzen der Kommunikation zwischen den Generationen zuteilwerden lässt (auch Moa Herngrens Roman "Schwiegermutter" hat von ihnen gerade erzählt). Lebensklug fragt sie die Leser, wie sie selber mit ihren Alten umgehen und im Alter umsorgt werden wollen. Und ob es nicht jetzt schon Zeit wär für den rettenden Hund. MATTHIAS HANNEMANN
Lisa Ridzén: "Wenn die Kraniche nach Süden ziehen". Roman.
Aus dem Schwedischen von Ulla Ackermann. btb Verlag, München 2026. 384 S., geb.
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