Man kann ziemlich viele Dinge im Leben allein tun. Aber um begehrt zu werden, braucht man einen anderen Menschen.
Puh. Gentleman war für mich ein einziger Fiebertraum. So ein Buch, bei dem man sich denkt: Ich sollte vielleicht wegschauen und dann liest man trotzdem immer weiter.
Im Mittelpunkt steht Marieke. Seit Jahren mit Vik zusammen, Mutter von Zwillingen, Alltag, Routinen, Müdigkeit. Dann der Umzug aufs Land, sein Traum, nicht ihrer. Statt frischer Luft und Neuanfang fühlt sich plötzlich alles nur noch leerer an. Gespräche werden oberflächlich, Nähe verschwindet, Erotik existiert kaum noch. Und genau diese Leere konnte man beim Lesen regelrecht greifen.
Marieke spürt, dass ihre Bedürfnisse komplett auf der Strecke bleiben. Nicht nur emotional, sondern auch körperlich. Und genau da wird das Buch unbequem. Provokant. Ehrlich. Denn sie beginnt, sich mit Escorts zu treffen, erst ohne echte Verbindung, bis Rocco auftaucht. Gentleman, aufmerksam, liebevoll. Oder vielleicht einfach verdammt gut in seinem Job?
Die Dynamik zwischen Marieke und Rocco fand ich gleichzeitig faszinierend und unangenehm. Ich habe mich die ganze Zeit gefragt: Wie viel davon ist echt? Wie viel spielt er nur für Geld? Diese Ambivalenz hat mich komplett durch das Buch getragen.
Was ich allerdings sagen muss: Das erste Drittel war mir zu ausführlich. Der Umzug, der neue Alltag, die beruflichen Veränderungen, das hätte für mich deutlich kompakter sein dürfen. Erst ab der Mitte kam diese richtige Sogwirkung, ab da bin ich nur noch durch die Seiten geflogen. Die Kapitel haben dafür genau die richtige Länge gehabt.
Und dieses Cover?! Ich liebe es. Hält man das Buch normal, wirkt die Frau darauf lustvoll und erregt, perfekt passend zu der intensiven Beziehung mit Rocco. Dreht man das Cover um, sieht sie plötzlich traurig, bedrückt und verloren aus. Genau diese zwei Seiten spiegeln das Buch perfekt wider!
Sympathisch fand ich die Charaktere übrigens kaum. Eine richtige emotionale Bindung hatte ich zu niemandem. Aber vielleicht macht genau das dieses Buch so interessant, weil es nicht gefallen will. Es zeigt Beziehungen nicht romantisiert, sondern müde, kompliziert und teilweise schmerzhaft ehrlich.
Ein Kritikpunkt bleibt für mich definitiv Vik. Warum er sich so zurückgezogen hat, warum zwischen den beiden keinerlei körperliche Nähe mehr existiert, wurde mir zu wenig ausgearbeitet. Gerade ihm hätte ich mehr Raum gewünscht. Und auch das Ende ging mir persönlich etwas zu schnell.
Trotzdem: Dieses Buch bleibt im Kopf. Weil es Tabuthemen anspricht, die man selten so direkt liest. Weibliches Verlangen. Einsamkeit innerhalb einer Beziehung. Das Bedürfnis, begehrt zu werden. Und die Frage, wie weit man geht, wenn man sich selbst langsam verliert.