Charles Lewinsky ist einer der wandelbarsten, vielseitigsten Romanciers der Gegenwartsliteratur. Seine Themen sind vielfältig: Mal setzt er fiktive Figuren in eine historische Kulisse, mal fabuliert er völlig frei, mal hangelt er sich an interessanten Biografien entlang. Letzteres tut der Autor in diesem Roman, dessen Protagonist der berühmte Filmproduzent Curtis Melnitz (1979 - 1962) sein soll. Er hat rein gar nichts mit dem Onkel Melnitz aus Lewinskys großem Roman "Melnitz" zu tun, in dem Jahrzehnte jüdischen Familienlebens in der Schweiz abgebildet werden. Das ist "eine andere Geschichte".Los Angeles, 1959: Der 80-jährige Curtis Melnitz leidet unter Schlafstörungen und Albträumen. Sein Hausarzt lehnt es mittlerweile ab, Barbiturate zu verschreiben. Stattdessen soll sich Curtis einer Psychoanalyse unterziehen, um seine schlafraubenden Traumata zu überwinden. Doch der Senior sträubt sich. In 37 Sitzungen schildert er sein Leben. Angefangen mit der Kindheit, dem frühen Tod der Mutter, dem Suizid des Vaters. Aufgewachsen ist Curtis bei lieblosen Verwandten. Immer fließt reichlich Zeitkolorit ein, was den Erzählungen Authentizität verleiht. Curtis muss sich wiederholt durchschlagen. Glückliche Zufälle, Ideenreichtum, Ehrgeiz und einflussreiche Freunde helfen ihm, etwas zu erreichen im Leben. Von Rückschlägen lässt er sich nicht unterkriegen.1905 emigriert Melnitz in die USA. Über den Journalismus entdeckt er die Faszination zum Film, bekommt bei Charlie Chaplin eine Anstellung und erklimmt die Karriereleiter bis hin zum gefragten Filmagent und -produzent. Curtis weiß Anekdoten über zahlreiche Showsternchen zu erzählen, er pendelte lange zwischen Deutschland und der Traumfabrik Hollywood hin und her. Auf der einen Seite der Glimmer des Films, auf der anderen Wirtschaftskrise, Hungersnot, der Aufstieg der Nationalsozialisten und schließlich der Krieg.Im Zuge der Sitzungen fasst Curtis Vertrauen zu seinem Therapeuten Dr. Cowan, der während des gesamten Romans niemals direkt zu Wort kommt und dadurch die Rolle des passiven Zuhörers einnimmt. Sobald Curtis sich seinen neuralgischen Erlebnissen nähert, lenkt er ab oder blendet aus, denn aufrührende Erinnerungen möchte er für sich behalten. Doch genau die sind es, die ihm die Albträume bescheren - ein Teufelskreis!An den Ton des betagten Zynikers Curtis Melnitz muss man sich gewöhnen. Auch seine unvollendeten Sätze, seine Ablenkungen vom eigentlichen Thema, seine beißende Ironie lassen einem das Lachen im Hals gefrieren. Im Vorteil sind all jene Leser, die den Erzähler ebenso wenig ernst nehmen, wie er sich selbst ernst nimmt, und die sich über ihn amüsieren können. "Eine andere Geschichte" ist ein unterhaltsames, ein kurzweiliges Buch. Ein wenig ausgedehnt hat Curtis seine Filmgeschichten, da fühlt er sich zu Hause, daran erinnert er sich gern. Seinen schmerzhaften Erinnerungen, aus denen auch seine Verbitterung herrührt, mag er sich lange nicht stellen. Auch die Malaisen des Alters werden nur angerissen, lieber schwadroniert er über seine Glanzzeiten. Irgendwann kommt der Patient aber doch noch zu des Pudels Kern.So richtig warm bin ich mit diesem Zyniker Melnitz nicht geworden. Er erzählt das meiste mit großer Distanz, lässt keine Gefühle zu. Das hat sich auf mich als Leserin übertragen. Trotzdem habe ihm gerne zugehört, wie er durch die Zeit springt, mal hier und mal da verweilt, die große Zeit des Films wieder auferstehen lässt.Charles Lewinsky erzählt gewohnt souverän, präzise und wortgewandt, man spürt den Spaß des Autors an seiner Figur. Fans der amerikanischen Filmwelt des 20. Jahrhunderts werden gewiss noch stärker Feuer fangen bei der Lektüre.