Rebekka Frank hat für ihren Roman Spiegelland mit dem Teufelsmoor eine ausgesprochen faszinierende Landschaft als Schauplatz gewählt. Auch das nahegelegene Künstlerdorf Worpswede und seine Bewohner finden in einer der Zeitebenen Eingang in die Handlung. Erzählt wird eine Familiengeschichte, in der sich Gewalt gegen Frauen wie ein roter Faden durch die Generationen zieht angesiedelt in den Jahren 1756, 1999 und 2025.
Im Jahr 1756 steht die selbstbewusste und freidenkende Moormagd Aletta vor einer begrenzten Lebenswahl: Heirat oder ein Dasein als unverheiratete Tante im Haushalt ihres Bruders. Andere Perspektiven sind Frauen nicht eröffnet. Obwohl der wohlhabende Stoffer, den sie seit ihrer Kindheit kennt, um sie wirbt, entscheidet sie sich für das entbehrungsreiche Leben an der Seite ihres Bruders und ihrer Schwägerin. Gemeinsam wagen sie den Versuch, ein Stück Moor urbar zu machen und sich dort niederzulassen gewalttätige Konflikte mit dem Nachbarort und mit Stoffer sind vorprogrammiert.
1999 flieht Cato mit ihrer Tochter Kira vor der Gewalt ihres Ehemannes Sven in das Haus im Moor, das sie kürzlich von ihrer Großmutter geerbt hat. In der Hoffnung, dort unentdeckt zu bleiben, versucht sie, an ihre früheren Erfahrungen als Journalistin anzuknüpfen und für den Lebensunterhalt zu sorgen. Doch früher oder später muss sie sich den rechtlichen Auseinandersetzungen stellen und den Kampf um das Sorgerecht für ihre Tochter aufnehmen.
Im Jahr 2025 hat der 14-jährige Elias etwas getan, das ihn und seine Mutter Kira zutiefst erschüttert. Er flieht zu seiner Großmutter Cato, die ihm ohne Vorbehalte Zuflucht gewährt. Im Moor begegnet er zufällig der gleichaltrigen, sehr reflektierten Tara, mit der er Freundschaft schließt. In Gesprächen mit ihr und seiner Großmutter beginnt Elias, sich zu öffnen und sein eigenes Verhalten zu hinterfragen.
Die Verknüpfung dieser drei Zeit- und Handlungsebenen ist hervorragend gelungen. Motive werden geschickt aufgegriffen und weitergeführt, sodass kaum Brüche entstehen. Besonders eindrucksvoll und informativ ist die Schilderung des harten Lebens von Aletta und ihren Mitstreitern.
Etwas zu positiv wirkt hingegen zunächst Catos Situation unmittelbar nach ihrer Flucht, auch wenn die weitere Entwicklung sowie die rechtlichen Aspekte sehr realitätsnah dargestellt sind. Weniger fesselnd empfand ich den aktuellen Handlungsstrang um Elias, auch wenn er für die Gesamtaussage des Romans eine wichtige Rolle spielt.
Trotz dieser kleineren Kritikpunkte habe ich das Buch sehr gern gelesen und kann mir gut vorstellen, auch weitere Werke der Autorin zu entdecken.