Lina, ein Kind der 1990er Jahre, blickt als junge Frau zurück auf ihre Kindheit. Sie wuchs auf in einwer Welt aus alten Traditionen, in einer donauschwäbischen Gemeinschaft, die sich damals in Salzburg angesiedelt hatte, als sie vertrieben wurden. Zwar erinnert sich Lina gerne an Feierlichkeiten und die schönen Trachten, doch: Mein Wissen über die Donauschwaben besteht vor allem aus Fragezeichen, Widersprüchen und Dingen, die sich mir entziehen.
Als Lina erfährt, dass ihr Opa ein Mitglied bei der SS war, ist das ein Schock für sie.
Nein, nicht Wehrmacht, Lina, sagt meine Mutter und schüttelt ihren Kopf, bei der SS war der Opa, das waren sie alle aus Semlin, soweit ich weiß. Aber was das genau war, du, keine Ahnung.
Bei der SS.
Die Worte stoßen etwas an in mir, machen eine Reihe von Bildern, von Fragen, von Ausrufezeichen auf. Mir wird plötzlich klar, dass dies das erste Mal ist, dass ich nach dem Im-Krieg-gewesen-Sein meines Großvaters frage. Dass ich diese diffuse Beschreibung bisher einfach hingenommen habe, ohne an Unterscheidungen zu denken, was ein Im Krieg-gewesen-Sein zu dieser Zeit bedeutet haben kann.
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Und, frage ich etwas zögerlich weiter, fühle mich plötzlich weniger souverän, wie war das so von der Überzeugung her, also, gab es da schon einen Glauben an Hitler-Deutschland oder wie war das?
Meine Mutter und ich sehen uns an und wissen in dem Moment beide, dass in meiner Frage ein War der Opa ein Nazi? steckt, das ich versuche, auf diese Art abzufedern, ungelenk.
Na ja, du, da hat man ja gar nicht so viel gewusst damals, dort in Belgrad. Also man hat sich halt entschieden: als Deutscher für das deutsche Heer. Und nachdem sie eben vorher schon so diskriminiert wurden dort
Im Zwiespalt zwischen der Liebe zu ihren verstorbenen Großeltern und ihrer eigenen Politisierung macht sie sich auf die Suche nach Antworten. Ihre Recherche bringt sie bis nach Belgrad. Und die Konfrontation mit ihrer Mutter wird zu einer schweren Belastungsprobe ... doch Lina will nicht aufgeben.
Heim holen behandelt ein sehr emotionsbeladenes Thema, das ich sehr spannend finde. Daher war ich etwas enttäuscht, dass der Erzählstil etwas distanziert ist. Auch Lina selbst blieb etwas schwammig für mich als Mensch. Das Ende des Buchs war ebenfalls recht nüchtern. Ich hätte hier etwas anderes erwartet. Für mich war Heim holen ein thematisch interessanter Debütroman, dessen Umsetzung mich leider nicht ganz abholen konnte.
Vielen Dank an den Residenz Verlag und an NetGalley für dieses Rezensionsexemplar!