Lina ist eine junge Frau Anfang 30, ist in Salzburg aufgewachsen und hat in Wien studiert, wo sie jetzt auch wohnt und gerne mit ihren vielfältigen Freundinnen und Freunden Partys feiert, aber auch auf Demonstrationen geht und sich generell für links-feministische Anliegen einsetzt. Außerdem hat sie schöne Familienerinnerungen an ihre Kindheit in der Gemeinschaft der nach dem 2. Weltkrieg aus dem Balkan nach Österreich geflüchteten Donauschwaben, einer seit langem in und um Belgrad lebenden deutschsprachigen Gemeinschaft, die sich nach ihrer Vertreibung 1945 überwiegend in Salzburg und Oberösterreich ansiedelten und ihr Brauchtum weiter pflegten. Auch an die mittlerweile schon verstorbenen Großeltern, die zur NS-Zeit junge Erwachsene waren, hat Lina positive Erinnerungen, etwa an den Opa als freundlichen alten Mann, der gestorben ist, als sie ein Kind war.
Aber was war eigentlich die Rolle der Donauschwaben während der NS-Zeit? Offiziell wird in der Gemeinschaft hauptsächlich die Opferrolle kultiviert: man sei nach Kriegsende von den kommunistischen Jugoslawen böse verfolgt und vertrieben worden. Und was man selbst während dem Krieg gemacht habe? Ja, da wären die Männer halt im Krieg gewesen. Auf welcher Seite? Ja, auf deutscher natürlich, das sei ja auch verständlich, immerhin sei man davor als Minderheit unterdrückt worden.
Für Lina zerbricht ihre heile Welt, als sie erfährt, dass der Großvater nicht nur irgendeine unbedeutende Rolle im Krieg gehabt habe oder gar zwangsverpflichtet worden sei, sondern bei der SS gewesen sei. Dass die Donauschwaben als Gruppe sehr eifrige Anhänger der NS-Ideologie waren, bei der Durchführung diverser Kriegsverbrechen eine bedeutende Rolle gespielt haben und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch von dem Konzentrationslager bei Belgrad, den Massenerschießungen und dem mörderischen Gaswagen, der durch Belgrad fuhr, auf jeden Fall gewusst und so einige von ihnen auch aktiv dazu beigetragen haben.
Aber was genau war die Rolle des Großvaters dabei? Lina beginnt, den noch lebenden Verwandten, insbesondere ihrer Mutter, Fragen zu stellen, auch auf die Gefahr hin, das Verhältnis zu dieser zu gefährden. Sie sucht in der Universitätsbibliothek nach wissenschaftlichen Werken zur Rolle der Donauschwaben während der NS-Zeit und findet nur sehr wenig, ebenso bei den Brauchtumsvereinen, die eher ein positives Bild ihrer Gemeinschaft pflegen wollen. Doch gelegentlich finden sich doch Hinweise, etwa hat der Großvater der Sozialversicherung gegenüber penibel genau all seine Tätigkeiten, inklusive der zu Kriegszeiten und bei der SS, angeführt, um diese als Pensionsjahre geltend machen zu können. Auch beim deutschen Militärarchiv stellt Lina einen Nachforschungsauftrag und schließlich entscheidet sich Lina auch noch für eine Reise nach Belgrad, in die alte Heimat der Großeltern, um ihre Suche zu vervollständigen.
Das Buch liest sich sehr authentisch und interessant. Im Zentrum steht mit Lina eine junge Frau, die einerseits voll und ganz in der heutigen Zeit verwurzelt ist und deren nahe Beziehungen zu Freundinnen und Freunden spürbar sind. Gut gefallen hat mir dabei, wie Lina ihren Forschungsprozess und auch das, was das alles emotional mit ihr macht, mit ihrem sozialen Umfeld zu teilen versucht und dabei auf Unterstützung, aber auch auf Grenzen und Herausforderungen stößt.
Sehr interessant waren auch die Informationen zu Lebensweise, Brauchtum und Rolle in der NS-Zeit der Donauschwaben, hier merkt man, dass die Autorin sorgfältig recherchiert hat und man dadurch aus diesem Roman einiges Neues zu diesem spannenden Thema lernen kann.
Psychologisch sehr glaubwürdig dargestellt finde ich auch die Zerrissenheit Linas zwischen einerseits der Liebe zu ihrer Familie und den positiven Erinnerungen an ihre Kindheit und an die Gemeinschaft der Donauschwaben und andererseits ihr Entsetzen darüber, als sie immer mehr deren Rolle in der dunkelsten Zeit des 20. Jahrhunderts realisieren muss.
Besonders gut gefällt mir auch die detaillierte Beschreibung von Linas Forschungsprozess, aus dem man bei Interesse eine Anleitung ableiten könnte, um selbst Nachforschungen zur Rolle der eigenen Vorfahren in dieser dunklen Zeit anzustellen.
Insgesamt handelt es sich um ein sehr gut geschriebenes, psychologisch und dramaturgisch glaubhaft und interessant geschriebenes, historisch bildendes und autobiografisch fundiertes Werk, das für einen Debütroman eine sehr hohe Qualität hat und dem ich verdiente 5 Sterne gebe.