
Über Nacht verändern sich die Straßen von Wolnopol: Dünen wehen über die Promenade, künstlich anmutende Wirbelstürme reißen Schneisen durch die ukrainische Küstenstadt. Was wie ein Naturphänomen wirkt, entpuppt sich schnell als existenzielle Bedrohung. Kommen die Stürme aus Russland? Können Menschen und Stadt ihnen standhalten?
Inmitten dieses Chaos macht Maksym Karriere - als Dealer von synthetischen Drogen. Sein Großvater Bohdan, der den Gulag überstanden hat, bringt ihm Schach bei und zitiert Puschkin. Seine Mutter Nadia, Herzchirurgin des Städtischen Klinikums, traut weder Staat noch Menschen. Wie Bohdan ist sie bemüht, Maksym die Spuren der sowjetischen Diktatur nicht einzuprägen.
Doch während die Stadt im Sand zu verschwinden droht, gerät auch die Familie ins Wanken. Obwohl Maksym sein Drogenbusiness noch als Spiel versteht, steckt er schon in einer gefährlichen Spirale zwischen Macht, Abhängigkeit und Gewalt.
Ulrike Almut Sandig spannt in ihrem neuen Roman einen konsequenten sinnbildlichen Bogen über die drängenden Fragen unserer Zeit: Wie sehr brauchen wir einander im Sturm? Und wie hoch ist der Preis unserer Freiheit?
»Eine Kraftspenderin für die Kriegszeit in der Ukraine. Ulrike Almut Sandig bringt einen frischen Wind in die Gegenwartsliteratur. «
Lerke von Saalfeld / FAZ
»Können Lyriker Prosa schreiben? Nein, sagt das Vorurteil. Ja, beweist Ulrike Almut Sandig. «
Der Spiegel
»Ulrike Almut Sandig ist eine Meisterin des Visuellen, in ihrem Werk gibt es zuhauf unvergessliche Bilder und stimmige Szenarien, in der Prosa wie in der Lyrik. «
Jan Wagner
Besprechung vom 20.02.2026
Die russische Bedrohung dringt überall hinein
Kraftspenderin für die Kriegszeit in der Ukraine: Ulrike Almut Sandigs Roman "Im Orkan"
"Ich bin ganz aus Sprache gemacht", erklärt die Schriftstellerin Ulrike Almut Sandig und fügt burschikos hinzu: "Ich habe so viele Wörter in mir wie dreihundert Jahre Vaterunser in Schleife."
Die 1979 im sächsischen Großenhain geborene Autorin ist ein Tausendsassa; auf dem Experimentierfeld der Sprache probiert sie jede mögliche Ausdrucksform aus und schreitet die Echoräume des Wörterklangs weit aus. Inzwischen hat sie fünf Gedichtbände, zwei Romane, drei Hörbücher, zwei Erzählungsbände und mehrere Hörspiele veröffentlicht, in ihrem "Poesiekollektiv Landschaft" performt sie gemeinsam mit dem ukrainischen Musiker Grigory Semenchuk Gedichte, Lieder, Musik, Geräusche und Bewegungstanz in lustigen Verkleidungen zu witzigen und gewitzten Szenen kurzweiliger Videoclips. Titel wie "Ich bin ein Feld voller Raps, verstecke die Rehe und leuchte wie dreizehn Ölgemälde übereinandergelegt" gehören zu ihrem übermütigen Reservoir. In ihrer Leipziger Studentenzeit hat Sandig Poesie auf Plakate und Postkarten geschrieben und sie an Bauzäunen in der Stadt fixiert - ihre Gedichte eroberten so den öffentlichen Raum als "augenpost".
Berührungsängste kennt Ulrike Almut Sandig nicht, sie will nahe heran an die Wirklichkeit: "Ich bin die Jägerin auf freier Flur." Sie kennt keine Tabus, sie sprengt und springt in die Realität, die sich allerdings ebenso flugs in Träume und Wahnbildern auflösen kann. "Einatmen. Ausatmen. Was alles ist hier. Sand liegt auf Nadia, Sand rinnt in Nadia, verstopft ihre Gehörgänge, ihre Nasenlöcher, ihre Kehle. Sand umgibt alles, woraus Nadias Körper sich zusammensetzt. Wie Sauerstoff fließt er in sie hinein und hält seine Hand über sie . . . Eben stand sie noch in der Küche und tat einen Strauß Pflaumenzweige aus Bohdans Garten in eine Vase, und im nächsten Moment ist alles vorbei, als wäre es nie geschehen. Das ganze Gebäude ist weg, weil eine Düne von der Höhe der New Yorker Freiheitsstatue über ihrem Block eingestürzt ist und ihn unter sich begraben hat."
Der Roman spielt in einer fiktiven ukrainischen Küstenstadt namens Wolnopol - Erinnerungen an Mariupol drängen sich auf -, nur verwüstet kein Krieg das Land, sondern feinkörniger Sand dringt in alle Poren und Ritzen der Gesellschaft. Zunächst ganz unauffällig, Düne um Düne schwappt in die Straßen, bis es immer gefährlicher und lebensbedrohlicher wird. Der Sand ist das Synonym für Krieg, der Sand kommt leise, der Krieg nimmt mit einem Schlag alles in Besitz und untergräbt alles Leben unter sich. Die Sandstürme werden von Russland gesteuert: "Der Sand, den Russland als Waffe einsetzt, ist nicht nur Kulisse. Ich mache mit ihm die Gewalt spürbar, die in alles eindringt: Fenster, Körper, Familien, Träume."
In dieser sterbenden Stadt, die vollkommen gesichtslos bleibt, leben der alte Bohdan, der zwölf Jahre im Straflager war, aber nichts darüber erzählt, sich nicht erinnern will, und seine Tochter Nadia, die praktizierende Ärztin ist und sich um ihren Sohn Maksym sorgt. Dieser ist erst vierzehn Jahre alt, als er mit seiner Drogenkarriere beginnt. Mahnungen der Mutter und seiner Freundin, als Dealer nicht selbst zu konsumieren, verhallen. Maksym will "business" machen mit schwarzem Pulver, das er an seine Mitschüler, aber auch an eine andere Klientel verhökert. Der Schulbesuch interessiert ihn nicht. Das geht nicht ohne Gewalt ab, aber zu solch heftigen Gewaltorgien wie in Sandigs erstem Roman "Monster wie wir" (2020) kommt es nicht. Hier toben keine Monster, es sind eher stille Menschen, die sich im Unmöglichen einzurichten versuchen.
"Einatmen, ausatmen" ist der durchgehende Lebensfaden, an den sich die Menschen klammern. Halt gibt auch ein eingeflochtenes Märchen, "Maksyms Traum", in dem der Junge in eine Traumlandschaft unter der Erde zum Waldgott Ach Ach Ach gelangt, "wie in den alten Zeiten", und wie in alten Zeiten geht das Märchen trotz mancher Abenteuer glücklich aus. Märchen, vor allem die der Grimms, sind für Sandig ein elementarer literarischer Stoff, den sie immer wieder verarbeitet.
Nicht zufällig ist die Ukraine Schauplatz des Geschehens. Mit diesem Land verbindet die Autorin eine tiefe Solidarität und Freundschaft. Das vom Krieg gebeutelte und geschändete Land besucht sie immer wieder, knüpft Verbindungen zu Künstlerinnen und Künstlern und engagiert sich bei der deutsch-ukrainisch schreibenden Schriftstellergruppe "Eine Brücke aus Papier". Als Klangkünstlerin ihrer Lyrik hat sie sich eine große Gemeinde mit internationalen Verflechtungen geschaffen. Viele Preise und Stipendien ehren Sandigs künstlerisches Werk.
In der Lyrik hat sie ihren unverwechselbaren Stil gefunden, tritt mutig, rebellisch und doch mit einer zarten Poesie auf, die viele feine Töne zulässt. Sprachlich changierte sie schon immer zwischen Lyrik und Prosa, jonglierte mit den verschiedensten Stimmungen, liebte die Wechsel der Tempi und Schwingungen. Die Genres gleiten ineinander über. Kein Zufall, dass zu Beginn des Romans "Im Orkan" der Großvater Bohdan das Gedicht "Der Sturm" von Puschkin zitiert - nicht auftrumpfend, er murmelt es nebenbei, als ob es ganz natürlich zum Leben und in diesen Kontext gehörte.
Ulrike Almut Sandig bringt einen frischen Wind in die Gegenwartsliteratur. Sie persönlich hat den Klappentext für ihren neuen Roman verfasst und stimmt die Leserschaft mit einer klaren Botschaft ein: "Ich wollte einen Roman schreiben, der Hoffnung schenkt. Und davon erzählt, wie sehr wir einander helfen können, wenn es darauf ankommt. Der Krieg ist zu groß, zu schmerzhaft, zu chaotisch, als dass er sich eins zu eins abbilden ließe. Stürme, die eine ganze Stadt unter Sand zu begraben drohen - ich wähle also eine Bildsprache, die die klaustrophobischen Erfahrungen der Belagerung etwas spürbar macht. Im Orkan lässt greifbar werden, wie sich Realität und Traum, Grauen und Hoffnung in menschlichen Ausnahmezuständen verbinden. Mein Buch schenkt seinen Leser:innen - hoffentlich - Wut und Kraft." Das tut es. LERKE VON SAALFELD
Ulrike Almut Sandig: "Im Orkan". Roman.
Schöffling & Co,
Frankfurt am Main, 2026. 224 S., geb.
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