Direktor Kleeberger will vor allem Ruhe. Nichts soll die Gäste, das Leben überhaupt stören. Und dann muss er von Max Planck, einem prominenten Gast seines altehrwürdigen Etablissements, erfahren, dass es keine absolute Ruhe gibt, dass sie nur "im Vergleich zu etwas anderem" herrscht.
Der alte Kleeberger ist konsterniert. Die Anpassungsleistung, die er zu gewärtigen hat, verlangt ihm einiges ab und bringt sein Hotel an den Rand des Ruins. Und alles fängt mit einer simplen Beschwerde an.
Davon erzählt Daniel Mellem ebenso erfrischend wie kurzweilig in seinem Hotelroman. Es ist 1920. Im hessischen Bad Nauheim soll die große Tagung der deutschen Naturforscher stattfinden. Über 2600 Teilnehmer sind angemeldet, darunter viele Nobelpreisträger. Max Planck ist da und Philipp Lenard, ein erklärter Gegner Albert Einsteins. Im Wartesaal zum Badehaus 8 soll es zum Disput zwischen den beiden Antipoden der Physik kommen, leider nicht in den mit Sole gefüllten Wannen des Kurbades, wie Max Planck scherzhaft anmerkt.
Mellem erzählt die Geschichte ganz aus der Sicht und in der Diktion des 68-Jährigen, dem die Tradition des Hotels und der Bestand ewiggültiger Gesetze über alles gehen. Sein stetes Bemühen um das Wohl seiner Gäste bringt ihn aber in arge Bedrängnis.
Nicht nur die nobelpreis-gewürdigten Berühmtheiten Planck, Einstein und Lenard bevölkern das Hotel und werden als Menschen lebendig. Eine resolute Dame, die sich "Madame" nennen lässt und kein Blatt vor den Mund nimmt, kommt jedes Jahr in den "Rastenden Kranich" und ins Kurbad, um für ein paar Wochen ihrem Ehemann zu entfliehen. Sie wirft dann gern einen Blick auf jüngere Herren und trinkt ein Gläschen Wein mehr, als ihr guttut. Ein altes Ehepaar, das vor allem dauernd etwas auszusetzen hat, wird in entscheidenden Augenblicken nicht ernst genommen. Eine Hauswirtschafterin ringt sich durch, zu kündigen und ihrem Chef ein paar Wahrheiten ins Gesicht zu sagen. Und eine sehr zarte Liebesgeschichte gibt es obendrein.
Im Hintergrund wabert der Antisemitismus der wenig später sogenannten "deutschen Physik", deren Aushängeschild Philipp Lenard ist.
Warum hat mir der Roman so ausnehmend gut gefallen? Er verpackt das Schwere in eine so leichte Hülle. Er geht so liebevoll mit seinen Charakteren um (vielleicht abgesehen von Lenard). Er trifft den Ton der Zeit und der Menschen.
Ein großes Vergnügen! Dazu muss man auch weder die spezielle noch die allgemeine Relativitätstheorie verstehen.
Mehr auf dem Blog: www.kultursalon.blog