Fast ein Leben hat mich von der ersten Seite an gefangen genommen und das lag vor allem am wundervollen Schreibstil der Autorin. Kiran Millwood Hargraves Sprache ist so bildhaft, so sorgfältig komponiert, dass man das Gefühl hat, jedes Wort sei mit Bedacht gewählt. Sätze wie lichtblau überpinselt zeigen, wie sie mit Sprache malt und Stimmungen schafft, die einen sofort in die Geschichte ziehen. Besonders beeindruckend fand ich, wie lebendig das Paris der 1970er Jahre vor mir aufstieg: das studentische Leben, die Enge der gesellschaftlichen Normen und der Mut, gegen sie zu leben. Die Atmosphäre ist so dicht, dass man das Gefühl hat, selbst durch die Straßen zu schlendern und die Spannung zwischen Freiheit und Konvention zu spüren.
Die Charaktere sind komplex und widersprüchlich und genau das macht sie so interessant. Laure wirkt anfangs abgeklärt, doch unter dieser Fassade brodelt eine tiefe Unsicherheit. Ihre Reise aus dem Alkoholismus heraus ist einer der emotionalsten Handlungsstränge des Buches. Ich habe mit ihr gelitten, mit ihr gehofft und war oft kurz davor, ihr zuzurufen, dass ihre Beziehung zu Gabrielle sie nur tiefer in die Abhängigkeit zieht. Umso befreiender war es, zu sehen, wie sie sich langsam aus diesem toxischen Kreislauf löst. Michel hingegen ist eine dieser stillen, aber unersetzlichen Figuren der gute Engel, der Laure Halt gibt, ohne sie zu beengen. Seine Präsenz wirkt wie ein Gegengewicht zu all dem Chaos, das die anderen Charaktere umgibt.
Mit Erica hatte ich dagegen meine Schwierigkeiten. Anfangs mochte ich ihre Naivität und ihre Offenheit für das Leben, doch im Laufe der Geschichte wurde sie für mich immer schwerer greifbar. Ihre Passivität, die Art, wie sie sich treiben lässt erst von ihren Gefühlen, dann vom Geld ihres Mannes hat mich oft ratlos zurückgelassen. Ja, ihre Liebe zu Laure ist nachvollziehbar, fast schon bestimmt. Doch warum sie weiterhin trinkt, warum sie so ausrastet, obwohl sie doch weiß, was sie verlieren könnte, blieb für mich ein Rätsel. Ihr Versuch, an einer Freundschaft zu Laure festzuhalten, fühlte sich für mich an wie ein verzweifelter Versuch, etwas festzuhalten, das längst vorbei ist.
Das Buch lebt von den verpassten Chancen, den Was-wäre-wenn-Fragen, die uns alle beschäftigen. Die Geschichte von Laure und Erica ist eine über Wege, die sich trennen, über Entscheidungen, die ein Leben prägen, und über die schmerzhafte Erkenntnis, dass nicht jede Liebe ein Happy End verdient. Gerade weil das Ende absehbar war, wirkte es auf mich besonders echt so, wie das Leben nun einmal ist: nicht immer gerecht, nicht immer befriedigend, aber immer lehrreich.
Alles in allem ist Fast ein Leben ein wunderbares Buch, das mit seiner sprachlichen Schönheit und emotionalen Tiefe überzeugt. Es bleibt jedoch ein wenig hinter seinen Möglichkeiten zurück, vor allem, weil mich das Ende mit gemischten Gefühlen zurückließ. Aber vielleicht ist genau das der Punkt: Manchmal sind es die unvollkommenen Geschichten, die uns am meisten berühren.