Was zeichnet ein gutes Kinderbuch aus? Es sollte kindgerecht, insofern auch altersgerecht sein, es sollte die Fantasie anregen, aber auch die Möglichkeit eröffnen, Fragen zu stellen, und natürlich sollte es auch spannend geschrieben sein, die junge Leserin, den jungen Leser in die Geschichte hineinziehen und so dazu motivieren, zum nächsten und übernächsten Buch zu greifen, und so die Welt aus Perspektiven kennenzulernen, die das eigentliche Leben nicht unbedingt bietet. Filme in diesem Bereich bieten zwar auch Spannung und möglicherweise wichtige Information an, aber der eigenen Fantasieentwicklung wird hier wenig Raum gegeben, da die rasche Abfolge der Ereignisse, eine solche intellektuelle, persönlich zu erbringende Leistung zumindest erschwert.
Kann dieses Buch die oben genannten Erwartungen erfüllen? Kurz gesagt: Auf jeden Fall. Der Autorin gelingt es die jungen Leser*innen (und auch die Vorleser*innen) in den Bann zu ziehen. Für ausreichende Spannung ist auf jeden Fall gesorgt. Darüber hinaus wird ein Fantasieraum geschaffen, der nicht zur vielseitige, in diesem Fall blumenreiche Bilder erzeugen kann, sondern auch zahlreiche Fragen aufwirft. Kann es so etwas wie sprechende Pflanzen oder Tiere geben, oder gibt es gar handelnde Pflanzen, zumal wenn sie auf Kleidungsstücken auftauchen? In diesem Widerstreit entwickelt sich eine Geschichte, die je nach Alter des Kindes entweder das eine (Fantasie und Spannung) oder das andere (Spannung gespickt mit skeptischen Fragen) in den Vordergrund rückt. Für die begleitenden Erwachsenen bleibt insofern genügend Raum ihr Kind, ihrer Kinder entsprechend zu unterstützen.
Die Akteure der Geschichte, Pflanzen, Tiere und Menschen werden so dargestellt, dass sie sowohl einen Blick in die Vielfalt der Natur und deren Zusammenwirken ermöglichen wie auch einen differenzierten Blick auf das Gute und Böse des Menschen erlauben. So findet sich denn Emilia, die Hauptperson des Buches, in der neuen (entwicklungsgeschichtlich prägenden) Rolle eine Aufgabe zu erfüllen, für die sie sich noch zu jung fühlt. Es gilt also Ängste zu bekämpfen, sich mit der Rolle anzufreunden und schließlich, in die Aufgabe als neue Pflanzenflüsterin, die für den Schutz einer einzigartigen Pflanze (es gibt nur doch dieses eine Exemplar) zu sorgen hat, hineinzuwachsen. Wie gut, dass ihr hierbei Dodo (eine Dronte), eine eigentlich ausgestorben Tierart, die aber durch das Ausbrüten eines entsprechenden Eies wieder zum Leben erweckt werden konnte, zur Seite steht. Zum Glück kann Dodo sprechen, auch wenn hierbei die Sprache manchmal verrutscht, denn immerhin muss das Ei ja einige Jahre irgendwo herumgelegen haben: Meine Augenweide, es gibt eine wichtige Postille. Wir dürfen keine Zeit verlieren, sonst ist die Kutsche abgefahren, japste der Vogel.
Die Nicht-so-freundlich-gesinnte-Welt, das sind hier die Räuber, die es auf seltene, einzigartige Pflanzenarten abgesehen haben, so wie auf Fabulosa Miracula (hier hätte man, quasi nebenbei, gleich in die wissenschaftlich korrekte Schreibweise einführen können: Fabulosa miracula kursiv geschrieben), die allerletzte ihrer Art. Auch sie kann zum Glück sprechen (und sich sogar unsichtbar machen), jedenfalls mit Emilia. So gewappnet, kann eigentlich nichts mehr schief gehen. So landet sie (eher gleitet sie durch eine Pflanzenrutsche) schließlich am anderen Ende des Ozeans in der Sommerschule, um hier als Patin ihrer Pflanze die Abenteuer zu bestehen, die jedes Kinderherz höherschlagen lassen.