
This book combines photography and literature in
a unique project. Over a period of fifteen years, photographer
Alexander von Reiswitz captured randomly
selected people, who happened to be in the same place
at the same time, as fictional families in staged family
portraits. These encounters, photographed across various
countries and cultures on four continents, inspired new fictional narratives. Renowned authors were invited
to create stories based on the photographs, inventing
imaginary familial relationships and destinies for the
portrayed individuals. At the heart of the project is the
role of coincidence, which determines so much, after
all not least what we call the right moment, the instant
that in photography produces remarkable snapshots,
and in life brings people together or causes them to just
miss each other.
Alexander von Reiswitz (*1965 in Málaga) lives and works as
a photographer and architect in Berlin. His projects featuring
studio animal portraits, such as Zoogestalten and Animal Stars,
have been exhibited in numerous shows worldwide.
Inhaltsverzeichnis
Besprechung vom 11.10.2025
Alles erfunden
Der Berliner Fotograf Alexander von Reiswitz arrangiert überall auf der Welt Familienporträts - mit Menschen, die sich zuvor nie begegnet sind
Von Freddy Langer
Von Freddy Langer
Vater, Mutter, Kind. So geht Familie. Fast überall auf der Welt. Geht es den Menschen gut, sind es ein paar Kinder mehr. Geht es ihnen schlecht, können es mitunter noch mehr sein. Nach Kriegen fehlt der eine oder andere. Und in Zeiten des Übermuts und dem Wunsch nach Selbsterfüllung wachsen die ursprünglich überschaubaren Verbände bisweilen zu ausufernden Patchwork-Familien an. Eine Konvention hat sich dabei nie wirklich geändert: die Komposition der Familienfotografie. So nah, so vertraut sind uns diese Bilder, dass wir sie mit einem Blick begreifen. Die Generationenkluft macht die Rollen unverkennbar, und die Rollentradition gibt die Posen vor, also auch wer wen wie berührt. Fällt jemand aus der Rolle, landet man in der Familienpsychologie.
"Catching Strangers" nennt der Berliner Fotograf Alexander von Reiswitz eine Serie, für die er sich über zwanzig Jahre hinweg die wenigen notwendigen Kompositionsprinzipien dieser vertrauten Ikonographie zunutze gemacht hat, um Familienbilder nicht zu fotografieren, sondern zu erfinden - mit Menschen nämlich, die sich Minuten zuvor nicht einmal vom Sehen kannten. Sein Vorgehen ist dabei stets das Gleiche: die aufs Stativ geschraubte Mittelformatkamera richtet er auf einen sorgfältig gewählten Hintergrund. Dann spricht er Passanten an.
"Würden Sie für ein Bild, bitte, einen Großvater mimen?" Mit dieser Frage an einen älteren Herrn beginnt er am liebsten, um die Gruppen zusammenzustellen. Denn mit ihm an der Seite, sagt er, wecke er Vertrauen und schließe den Verdacht von Anzüglichkeiten aus, der entstehen könnte, wenn Fremde eine Privatheit spielen sollen, die später vielleicht mehr Geborgenheit vermittelt, als sie diese Menschen sonst im Leben verspüren. Hemmungslos zerpflückt er dazu Paare, Familien oder Gruppen. Hier sucht er die Mutter, dort die Kinder, da die Freundin des Sohns oder das Enkelchen. Lauter Fremde. Das ist die Bedingung. Und er staunt immer wieder darüber, wie schnell sie dennoch zusammenrücken, sich sogar in den Arm nehmen. Als tauge auch die erfundene Familie augenblicklich als Zufluchtsort. Wobei es erstaunlicherweise keinen Unterschied macht, wo in der Welt er fotografiert. Mütter geben, ohne zu zögern, für diese Bilder sogar ihre Babys aus der Hand. Und Omas verleihen für die Dauer der Aufnahme ihren Hund.
Wieso die Menschen so bereitwillig mitspielen, begreift Alexander von Reiswitz selbst nicht so recht. Wollen sie höflich seine Erwartungen erfüllen? Oder nehmen sie ihre neuen Rollen mit Freude an, weil sie sich problemlos darin wiedererkennen? Womöglich setzen sie sich dem Spiel auch mit solchem Engagement aus, um einen Eindruck davon zu erhaschen, was ebenfalls hätte sein können. Glaubwürdig jedenfalls wirkt jede der in mehr als einem Dutzend Ländern inszenierten Aufnahmen, ob sie nun am Straßenrand in New York einen älteren Herrn mit einem kleinen Buben an der einen und einem Hund an der anderen Hand zeigt oder ob auf der alten Brücke in Olten in der Schweiz acht Menschen vermeintlich für ein Andenken an den Familienurlaub posieren. In St. Petersburg stehen zwei Frauen und ein Mann sogar wie in stiller Trauer versunken vor einem fremden Grab. Ganz bei sich und ganz bei den anderen.
Wissen wir nichts von Reiswitz' Spiel, glauben wir gleich auf den ersten Blick verwandtschaftliche Ähnlichkeiten zu sehen, in den Gesichtern, der Mimik, der Gestik, der Haltung. Vielleicht ist dies das Geheimnis des Fotoapparats: dass er uns Posen aufdrängt. So wollen wir uns sehen, so soll man sich an uns erinnern. An diese Art von Fotos wird gewöhnlich Ewigkeitsanspruch gestellt. Denn darum geht es im Familienfoto mehr als in jeder anderen Gattung der Fotografie: um Erinnerung. Sie sind arrangierte Andenken - an ein Fest, einen Ausflug, einen Feiertag. Das Familienbild dokumentiert weniger, als dass es idealisiert. Umso deutlicher zeigt sich der Anflug von Melancholie, der über jedem dieser Bilder schwebt und für den die Älteren schon vor dem Moment der Aufnahme die ebenso banale wie gern verkündete Erkenntnis parat haben, dass man so jung nie wieder zusammenkomme. Tatsächlich ist die Vokabel "damals" oft die erste, die einem später in den Sinn kommt, wenn man sieht, wie die Mutter neben den Kindern kniet, der Großvater die Hand auf die Schulter des Enkels legt und die Tochter im Teenageralter aus der Reihe tanzt, um mit ihrem exzentrischen Auftritt zu betonen, wie wenig sie bereit ist, so zu tun, als ob das Leben harmonisch verliefe.
"Schau", wird man später beim Betrachten der Bilder sagen. "Weißt du noch?" Auch wenn man eines Tages vielleicht gestehen muss, dass sich das Abbild jenes Moments an die Stelle der Erinnerung geschoben hat. Nie jedoch werden sich die Personen, die Reiswitz für seine "Familienaufstellungen", wie er sie nennt, über diese Bilder beugen und beginnen, von damals zu erzählen. Denn nie, so darf man vermuten, werden sich diese Personen je wiedersehen. Nur ein einziges Mal hat er mitbekommen, dass die Menschen Telefonnummern ausgetauscht haben, bevor sie zu ihren Partnern zurückgekehrt sind.
Reiswitz' Familienporträts sind erlogen, und doch blitzt in ihnen ein Moment von Wahrheit auf. Ihr Thema ist die Zufälligkeit des Lebens. Auch das stimmt melancholisch. Wenn aber Reiswitz sagt, er spiele Gott, ist jegliche Sentimentalität verflogen. Dann klingt das fast zu kühl, aber vielleicht muss es so sein. Denn mit seiner Arbeit deutet er unverhohlen an, dass das Schicksal für diese Menschen auch einen anderen Weg hätte vorsehen können. Dennoch lehnt er einen Gedanken strikt ab: den einer Friedensbotschaft, wonach wir alle eine große Familie sind.
Und wenn es nun doch echte Familien gewesen wären? Was dann? Wer sind sie, weshalb waren sie an diesem Tag zusammen, wohin waren sie unterwegs? Mehr als zwanzig, teils prominente Schriftsteller haben für den Bildband "Catching Strangers" in wunderbar amüsanten, überraschenden, nachdenklichen oder tragischen Kurzgeschichten ihre Antworten auf diese Fragen gegeben und verankern damit die erfundenen Familien durch eine weitere Ebene von Fiktion in unserer Erinnerung.
Alexander von Reiswitz: "Catching Strangers". Mit einer Einleitung von Nadine Barth, einem Vorwort von Florian Koch und Kurzgeschichten von mehr als zwanzig Schriftstellern.
Hatje Cantz Verlag, Berlin 2025. 224 S., Abb., geb.
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