Ein Buch, das einen nicht nur still und stumm durch die Seiten führt, sondern auch innerlich bewegt
Mit "The Way I Used to Be" von Amber Smith habe ich seit Längerem mal wieder ein Buch gelesen, das mich nicht nur still und stumm durch die Seiten geführt, sondern auch innerlich ziemlich bewegt hat. Was passiert mit einem Menschen, wenn er gezwungen ist, seinen Schmerz jahrelang zu verstecken?Aber kommen wir zuerst einmal zum Inhalt: Alles, was Eden will, ist die Uhr zurückdrehen. Um diesen Tag noch mal zu leben. Sie würde alles anders machen. Nicht über seine Witze lachen und ignorieren, wie er sie an diesem Abend ansah. Und sie würde definitiv ihre Schlafzimmertür abschließen. Aber Eden kann die Zeit nicht zurückdrehen. Also begräbt sie die Wahrheit, zusammen mit dem Mädchen, das sie mal war. Sie tut so, als bräuchte sie keine Freunde, keine Liebe, keine Gerechtigkeit. Als ihre Welt aus den Fugen gerät, wird klar: Die einzige Person, die Eden retten kann ... ist Eden.Bitte beachtet vorab unbedingt die Triggerwarnungen, denn in diesem Buch werden unter anderem Themen wie körperliche Gewalt, Vergewaltigung, Suizidgedanken sowie Alkohol- und Drogenkonsum behandelt.Schon der Schreibstil hat mich direkt abgeholt. Sehr flüssig, klar, fast schon leise, und genau dadurch unglaublich eindringlich. Ich bin regelrecht durch die Seiten geflogen, auch wenn mir hier und da ein paar kleine Rechtschreibfehler aufgefallen sind.Die gesamte Geschichte wird aus der Ich-Perspektive von Eden erzählt, und genau das macht sie auch so intensiv. Man ist nicht einfach nur dabei - man wird förmlich in ihren Kopf hineingezogen, in ihren Schmerz und in ihre Zerrissenheit. Wie lange kann man ein Geheimnis mit sich herumtragen, ohne daran zu zerbrechen? Man spürt unentwegt Edens inneren Kampf, dieses ständige Hin- und Hergerissensein zwischen dem, was war, und dem, was nach außen sichtbar ist...Die Nebencharaktere fand ich insgesamt ebenfalls recht gut gelungen, allen voran Josh, der mir besonders positiv und sympathisch in Erinnerung geblieben ist. Bei Edens Familie hatte ich hingegen häufig ein komisches Gefühl, da viele Reaktionen extrem kühl und somit schwer nachvollziehbar wirkten.Insbesondere Edens Highschool-Zeit ist sehr erschütternd mitzuerleben. Als Leser begleitet man Eden über mehrere Jahre hinweg und sieht Schritt für Schritt, wie sich dieses einst fröhliche Mädchen verliert und wie aus ihr jemand wird, der nicht mehr lebt, sondern Tag für Tag nur noch irgendwie durchhält...Sie ist für mich eine ausgesprochen starke und gleichzeitig zutiefst gebrochene Person. Und genau das macht es so schwer. Ich konnte sie oft verstehen, mit ihr fühlen, und dann gab es wieder Momente, in denen ich nur dachte: Warum tust du das nur?Sie war mir demnach sogar öfters unsympathisch, und trotzdem fühlt sich das mit ihr einfach richtig an. Denn ein Trauma ist nichts klar strukturiertes, es ist unlogisch, widersprüchlich und oft sogar selbstzerstörerisch. Ihr Körper ist ihr somit längst entglitten und ihr Herz versucht sich lediglich zu schützen, indem es gefühllos wird... Die Autorin lässt Edens Geschichte hier in einer Vielschichtigkeit zu Wort kommen, die eben nicht immer dem entspricht, was man als Leser erwartet hätte.Trotzdem wuchs in mir mit jeder Seite der Wunsch, ihr irgendwie helfen zu können, und genauso stark das Wissen, dass es unmöglich ist. Diese Machtlosigkeit begleitet einen durch die gesamte Geschichte... Niemand hört sie, niemand sieht sie wirklich, und sie bleibt mit allem, was passiert, völlig auf sich allein gestellt.Es ist erschreckend zu beobachten, wie sie langsam auseinanderfällt, und gleichzeitig so ernüchternd zu erkennen, dass Zeit nicht jede Wunde heilt...Das Buch greift hierbei viele wichtige Themen auf, zwar auf eine Weise, die unter die Haut geht, aber genau deshalb so notwendig ist. Hier wird nichts schön geredet, und genau so sollte es meiner Meinung nach auch sein. Denn genau genommen kann man bei dieser Thematik nichts verharmlosen oder beschönigen...Die Entwicklung, die Eden mit all dem durchmacht, wirkt dabei absolut realistisch. Sie kämpft verzweifelt - auf ihre eigene, oft selbstzerstörerische Weise - doch im Kern geht es nur darum, wieder die Kontrolle über sich selbst zu finden.Auch wenn über allem eine spürbare Schwere liegt und Melancholie, Verzweiflung und Zorn durch die Seiten ziehen, gibt es sie trotzdem, diese kleinen Momente von Freundschaft, Nähe und Wärme, die wie kurze Lichtblicke durch die Dunkelheit brechen.Was dieses Buch besonders schwer macht, sind auch die Gedanken, die danach bleiben. Es sind diese immer wiederkehrenden Fragen, die so viele Betroffene verfolgen... Wieso habe ich es nicht kommen sehen? Warum habe ich nichts getan? Bin ich vielleicht sogar selbst schuld daran, dass es so weit gekommen ist oder habe ich mir das alles womöglich nur eingebildet? Und genau hier zeigt das Buch seine eigentliche Stärke, denn es führt vor Augen, wie ungerecht und zerstörerisch diese Gedanken sind und wie sehr sie sich in den Opfern festsetzen und einbrennen.Es gibt zwar einen zweiten Teil, den ich auch lesen werde, aber ehrlich gesagt hätte das Buch für mich genauso gut für sich allein stehen können. Das Ende lässt sehr viel Raum für eigene Gedanken, und genau so, passt es irgendwie auch.Mal leise, mal überwältigend laut, mal sanft und dann wieder brutal - dieses Buch lebt von seinen Gegensätzen. Es geht unter die Haut und mich persönlich hat es auch noch lange begleitet, nachdem ich es zugeklappt hatte.Ich habe mit Eden gelitten. Und ich habe mir so sehr gewünscht, dass sie irgendwann wieder zu sich selbst zurückfindet.