Ich weiß nicht, wie es mit Papas anfängt und aufhört, aber bald schon werde ich begreifen, dass die Familiengrenzen lose sind und Papas binnen kurzer Zeit herein- oder hinausschlüpfen können. (S. 53)
Weihnachten 1983, irgendwo in den schwedischen Wäldern.
Während draußen leise der Schnee fällt, zerbricht drinnen eine Familie. Inmitten eines Streits erfährt der siebenjährige Andrev, dass sein Vater nicht sein leiblicher Vater ist. Sein echter Vater lebt weit weg und hat lange dunkle Haare. Er wird für Andrev sofort zur Projektionsfläche für alle seine Träume.
Für einen Moment fühlt sich diese Wahrheit wie Magie an. Wie der Anfang eines Abenteuers. Wie das Versprechen auf ein anderes, besseres Leben. Doch statt eines Märchens folgt die Realität: Keine Rettung, kein Zauber, keine Ankunft. Nur neue Männer, die kommen und gehen und ein Junge, der lernt, was Verlust wirklich bedeutet.
Ich weiß, dass ich die Art von Kind bin, bei der andere Leute Gänsehaut bekommen. Es ist schwer, mich zu lieben, für alle bis auf eine [] (S. 148)
Das ist nur einer der vielen Sätze in dem Buch, bei dem ich den siebenjährigen Andrev am liebsten in den Arm genommen und getröstet hätte. Denn er ist fest davon überzeugt, dass keiner ihn wirklich lieben kann, außer seiner Mutter. Der Abend, an dem er erfährt, dass der Pflanzenmagier nicht sein echter Papa ist, stellt einen Schicksalsabend dar. Von da an muss Andrev mit den wechselnden Freunden seiner Mutter klar kommen den Ersatzvätern. Seiner Mutter würde ich durchaus ein Händchen für besonders toxische Männertypen attestieren.
Mit großer Fantasie gibt der kleine Andrev den Papas Namen. So gibt es in seiner Realität z.B. nur den Künstler, den Dieb oder den Kanuten. Ich hatte das Gefühl, dass er durch diese Namensgebungen die Männer nicht so sehr an sich heranlassen muss.
Scheißkerle ist ein stark autobiofiktionaler Roman. Andrev Walden verarbeitet darin seine eigene Kindheit in Schweden. Dabei verweist er schon zu Beginn des Buches darauf, dass wenn etwas erfunden klingt, kannst du sicher sein, das es wahr ist.
Der Stil ist humorvoll und direkt und es wird aus der Perspektive eines Kindes erzählt, ohne dabei an Tiefe zu verlieren. Das Buch handelt vom Aufwachsen mit verschiedenen Vätern und der Suche nach dem eigenen Vater und der eigenen Identität. Vermutlich wollte der Autor dadurch auch ein Stück weit seine eigene Kindheit verarbeiten.
Der Roman hat in Schweden den renommierten August-Preis erhalten, der seit 1989 jährlich von der schwedischen Verlegervereinigung verliehen wird.
Es ist eine leise, berührende Geschichte über Herkunft, Hoffnung und das Erwachsenwerden zwischen Wunsch und Wirklichkeit, die ich gern gelesen habe und Fans von emotionalen Familiengeschichten werden dabei sicher auf ihre Kosten kommen.