
Wie kommt es, dass Wladimir Putins imperiale Komplexe und aggressive Wunschträume sich in der russischen Gesellschaft als mehrheitsfähig erweisen, warum gab es unter Russen, auch unter Auslandsrussen, so viel Kriegsbegeisterung, warum fällt der offiziell propagierte Hass gegen die Ukrainer, die Amerikaner, die Europäer auf so fruchtbaren Boden?
Der gebürtige Moskauer und in Köln lebende russische Journalist Andrey Gurkov geht in seinem Buch den historischen, kulturellen, politischen und massenpsychologischen Gründen für dieses Phänomen auf den Grund. Zugleich warnt er eindringlich vor der illusorischen Erwartung, es könne nach einem Ende des Ukrainekriegs eine Wiederherstellung früherer Beziehungen Deutschlands bzw. Europas zu Russland geben - die russische Gesellschaft sieht sich längst nicht mehr als Teil der europäischen Wertegemeinschaft, Europa ist zum Feindbild geworden.
Andrey Gurkovs Blick auf sein Heimatland ist so analytisch wie schonungslos - schonungsloser als ihn möglicherweise deutsche Autorinnen und Autoren wagen würden.
»Den Europäern und vor allem den Deutschen darf nicht noch einmal der Fehler unterlaufen, im Russischen sträflich das latent aggressive Großrussische, das der Putinismus freigesetzt und angefacht hat, zu übersehen und zu unterschätzen. « Andrey Gurkov
Besprechung vom 09.12.2025
Moskau zählt nicht mehr zu Europa
Andrey Gurkov zeichnet die fundamentale Entfremdung zwischen Russland und dem Kontinent nach. Putin habe einen Großteil der Bevölkerung aufgehetzt.
Die Amerikaner sind es nicht mehr - zumindest derzeit nicht. Nun sind es die Deutschen. Nach jüngsten Umfragen führt Deutschland die Rangliste der in Russland als "unfreundlich" wahrgenommenen Länder an - "unfreundlich" vom russischen Staat seit Beginn seiner Vollinvasion der Ukraine definiert als Sanktionen erlassend und den politischen Austausch auf ein Minimum beschränkend. Die Vereinigten Staaten - traditionell als machtpolitischer und direkter militärischer Rivale zunächst von der Sowjetunion und dann von Russland betrachtet - finden sich unter Donald Trump nicht mehr auf Platz eins, sondern auf vier wieder, nach Großbritannien und der Ukraine.
Wen derlei Entwicklungen überraschen, sollte sie sich von Andrey Gurkov erklären lassen. Der 1959 in Moskau geborene, in Ostberlin und später in Bonn aufgewachsene Journalist, wo bereits sein Vater als Korrespondent einer sowjetischen Tageszeitung aus dem westdeutschen Regierungsviertel berichtet hatte, scheint dafür prädestiniert zu sein, die russische Gesellschaft zu spiegeln: Er kennt sie von innen. Er studierte Journalistik in Moskau und Leipzig. Zur Wochenzeitung "Moskowskije Nowosti", die als eine Vorreiterin der Glasnost-Politik galt, zog es ihn 1987. Er wurde Chefredakteur ihrer deutschen Ausgabe, die von 1988 bis 1993 in Kooperation mit deutschen Verlagen unter dem Titel "Moskau News" in Köln erschien, wo Gurkov bis heute lebt. Von 1993 an gehörte er dann der russischen Redaktion der Deutschen Welle in Bonn an. Einem größeren Publikum dürfte er inzwischen als Gast reichweitenstarker Sendungen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks bekannt sein, wo er regelmäßig als Russlandexperte befragt wird.
Seine Antworten wirken an Klarheit kaum übertreffbar. Bereits direkt zu Beginn seines Buchs warnt er eindringlich vor - in seinen Augen - naiven Zukunftserwartungen: Die Geographie könne man vergessen: Russland gehöre nicht mehr zu Europa - und wolle es auch nicht. Zwar räumt Gurkov selbst ein, dass formell, auf der Landkarte, die Russische Föderation bis zum Uralgebirge auch weiterhin Teil des europäischen Kontinents bleiben werde. Aber von einer weltanschaulichen, politischen, mentalen und selbst wirtschaftlichen Zugehörigkeit kann für ihn nach dem russischen Krieg gegen die Ukraine keine Rede mehr sein: "Wir erleben eine fundamentale Entfremdung, schlimmer noch: Für meine Heimat ist Europa jetzt der Feind." Nach seiner Wahrnehmung meint genau das der in Deutschland so populär gewordene Begriff "Zeitenwende".
Wie ist es zu dieser Wende gekommen? Ihre Ursprünge führt Gurkov wiederum auf die Wende zuvor zurück: den Zusammenbruch des kommunistischen Systems Anfang der 1990er Jahre. Damals habe es geschienen, dass einer gegenseitigen Annäherung, selbst einer gesamteuropäischen Verbrüderung, nichts mehr im Weg stehe.
Was die allermeisten, zu denen Gurkov auch sich selbst zählt, in jener Zeit, die er als "naiv" charakterisiert, gar nicht oder zu wenig berücksichtigt hätten: Selbst ein gescheitertes System könne sich, zumindest teilweise, wiederherstellen - und in "guten" Menschen könne man "böse" Gefühle entfachen. In Bezug auf Russland verweist er dabei auf Großmannssucht, militaristische Wertvorstellungen und verletzten Nationalstolz, das "Kultivieren des Beleidigtseins" und das Sinnen nach Revanche, imperiale Überheblichkeit und den Glauben an die eigene kulturelle Überlegenheit. Rassismus, Antisemitismus, Homophobie und Machogebaren seien noch hinzugekommen.
Zwar gibt Gurkov selbst zu bedenken, dass es einen ähnlichen Mix auch anderswo auf der Welt gab und gibt. Die entscheidende Frage aber ist für ihn, ob all diese niederen Gefühle und Instinkte vom politischen System und der breiten Öffentlichkeit bekämpft, geduldet oder gar gefördert werden. Wladimir Putin habe sie mithilfe einer gigantischen Propagandamaschine, der sehr viele Kreative ihre Talente zur Verfügung gestellt hätten, zuerst systematisch gepflegt, nach 2014 gezielt angestachelt und von 2022 an mit aller Kraft angeheizt - in Gurkovs Augen das schlimmste historische Verbrechen des russischen Präsidenten neben dem Krieg gegen die Ukraine: Er habe erschreckend viele Menschen in Russland, einen Großteil der russischen Gesellschaft, so indoktriniert und aufgehetzt, dass sie ihr Land blindlings in ein neues "Reich des Bösen" hätten verwandeln lassen - und massenhaft zu Mitläufern oder gar Mittätern geworden seien.
Dabei ruft Gurkov in Erinnerung, dass Putin viel Zeit zum "Umformatieren" seines Landes und dessen Bevölkerung gehabt hatte. Als er die Krim annektiert habe, sei er schon 14 Jahre lang Präsident oder zwischendurch Ministerpräsident gewesen, aber stets der eigentliche Machthaber und Tonangeber. Danach hätten ihm bis zum vollumfänglichen Angriff auf die Ukraine weitere acht Jahre zur Verfügung gestanden, um die russische Bevölkerung noch mehr auf seinen immer aggressiver werdenden außen- und innenpolitischen Kurs einzuschwören. Seit Februar 2022 seien die Menschen in Russland dann der gänzlich schranken- und ruchlos gewordenen, totalen Propaganda der mittlerweile völlig gleichgeschalteten Medien ausgesetzt, die Krieg, Hass und die russische Überlegenheit praktisch rund um die Uhr predigten.
Wird das wieder aufhören? Kann es überhaupt? Gurkov wirkt mehr als skeptisch. Er bescheinigt der russischen Gesellschaft, in den vergangenen Jahrzehnten bereits bei der Entstalinisierung und der Entkommunisierung nur halbherzig agiert und letztendlich versagt zu haben, wovon die neuerliche Popularität des sowjetischen Diktators Josef Stalin und die weitverbreitete Sowjetnostalgie zeugten. Eine Entputinisierung Russlands bedeutet für Gurkov darüber hinaus eine Absage an Putins wichtigstes Vorhaben: den Versuch der Eroberung der Ukraine. Er könne sich zwar "mit einiger Fantasie" durchaus vorstellen, dass der Kreml unter dem Druck sowohl militärischer Erfolge ukrainischer Streitkräfte und Partisanen als auch sanktionsbedingter wirtschaftlicher Probleme an der Heimatfront - wenn sie denn beide dank kontinuierlicher westlicher Politik groß genug werden sollten - irgendwann bereit sein könne, auf besetzte Gebiete zu verzichten, obwohl dieses Beutegut in der russischen Verfassung bereits festgeschrieben worden sei. Der Propaganda werde dann schon was einfallen, wie man der Bevölkerung das, wenn nicht als Sieg, so doch als Geste guten Willens oder weise Entscheidung zur Schonung der eigenen Kräfte verkaufe.
Was sich Gurkov nach eigenem Bekunden aber ganz und gar nicht vorstellen kann, zumindest in absehbarer Zukunft nicht, ist ein Eingeständnis künftiger Machthaber in Moskau, dass die russische Armee in der Ukraine einen unredlichen Angriffskrieg geführt und dabei massenhaft Verbrechen begangen habe. Schwerlich lasse sich das den zurückgekehrten Frontsoldaten verkünden, die per Gesetz den in Russland traditionell privilegierten und angesehenen Status von Kriegsveteranen genössen. Es lasse sich auch den Familien der Gefallenen kaum vermitteln, werde ihnen doch ständig eingeredet, ihre Söhne, Ehemänner, Väter oder Brüder hätten ihr Leben als Helden für die edle Sache der Verteidigung der Heimat geopfert. Und was solle man mit den Schulen überall im Land machen, die zwecks patriotischer Kindererziehung die Namen der bei der versuchten Eroberung der Ukraine getöteten ehemaligen Schüler verewigt hätten: "Die Gedenktafeln vor aller Augen wieder abnehmen? Die Schulen erneut umbenennen?" Dies würde nach Gurkovs Prognose einen innenpolitisch höchst riskanten Affront gegen breite Schichten der zur Heldenverehrung erzogenen Bevölkerung und vor allem gegen die Armee darstellen, die weitgehend, zumindest im Offizierskorps, noch lange aus Teilnehmern und Aufsteigern dieses Krieges bestehen werde.
Was bedeutet all dies für die in Russland als "unfreundlich" wahrgenommenen Länder? Die Amerikaner dürften damit am ehesten leben können, wenn man Gurkovs Mahnung folgt: Wer heutige russische Denk- und Verhaltensmuster verstehen wolle, der solle stets im Hinterkopf behalten, dass Amerika für Russen der zentrale Bezugspunkt sei - und zwar für die ganze Gesellschaft, vom Präsidenten bis zur sprichwörtlichen Babuschka, der Großmutter, die vor dem Fernsehgerät irgendwo im fernen Sibirien sitze. Die USA seien für seine Landsleute mit ihrem wirren Weltbild oft gleichzeitig Erzfeind und Sehnsuchtsort, Hass- und Neidobjekt, Vergleichsmaßstab und Vorbild.
Mit Blick auf Deutschland nimmt Gurkov hingegen an, dass die Erkenntnis, dass Russen ständig auf die Amerikaner schauten, in den vergangenen zwei Jahrzehnten immer wieder sehr ernüchternd auf jene Deutsche gewirkt haben müsse, die naiv gemeint hätten, Russland definiere sich als europäischer Staat und orientiere sich deshalb an der Europäischen Union. Und in der Tat ähnelte bereits das wirtschaftliche Modell, das sich in Russland in den 1990er Jahren etabliert hatte, mehr dem amerikanischen Kapitalismus als der deutschen Sozialen Marktwirtschaft, die nach Gurkovs Schilderung von der aufstrebenden, ehrgeizigen russischen Mittelschicht als zu bieder und zu gleichmacherisch empfunden worden war - ergänzt heute vom deutschen Spitzenplatz in der russischen Rangliste der "unfreundlichen" Länder. THOMAS SPECKMANN
Andrey Gurkov: Für Russland ist Europa der Feind. Warum meine Heimat mit dem Westen gebrochen hat.
Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln 2025. 288 S.
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