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Besprechung vom 11.10.2025
Nicht erst die Drohnen machten nackt
Aber was hilft heute gegen mögliche Aggressionen von morgen? Das fragten sich Offiziere der NATO auch schon lange vor dem Ukrainekrieg. Wurde jemals rechtzeitig auf sie gehört? Armin Wagner hat nach Antworten gesucht.
Von Thomas Speckmann
Von Thomas Speckmann
Nackt steht man mal wieder da. Aber dieses Mal nicht allein selbsterklärt in Berlin. Auch in Kopenhagen, Oslo, Helsinki, Stockholm und Warschau sieht es nicht wirklich besser aus - von Tallinn, Riga und Vilnius ganz zu schweigen. Paris und London haben zwar einen nuklearen Schutzschirm, zumindest für sich selbst, aber einen gegen Drohnen? Dabei kommt die Bedrohung durch diese - ob gefühlt oder real dürfte im hybriden Krieg Russlands gegen Europa kaum einen psychologischen Unterschied machen - alles andere als überraschend. Von Sicherheitsexperten kann man bereits seit Jahren ausführliche Analysen über die stark zunehmende Bedeutung von Drohnen für die Kriegführung nicht nur der Zukunft, sondern auch der unmittelbaren Gegenwart lesen - spätestens seit den Kriegen von Aserbaidschan gegen Armenien ab September 2020 und von Russland gegen die Ukraine ab Februar 2022. Neu ist das alles also nicht. Neu ist lediglich die Intensität der politischen Debatte bei den nördlichen und westlichen Nachbarn der Ukraine, die nun aufschrecken, da auch sie sich plötzlich direkt bedroht fühlen durch russische Drohnen. Dabei ist es hier - noch - nur ein Gefühl. In der Ukraine ist es seit allmählich mehr als dreieinhalb Jahren blutige Kriegsrealität.
Für so manchen Offizier der NATO muss sich all dies wie ein Déjà-vu anfühlen. Diesen Eindruck kann man zumindest nach der Lektüre des "ABC der Apokalypse" von Armin Wagner gewinnen. Der Historiker und Forschungsbereichsleiter am Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr in Potsdam erzählt die Geschichte der vielen - fiktiven - Erzählungen, die im Westen bereits im alten Kalten Krieg von militärischer Seite in die Öffentlichkeit getragen wurden, um diese anhand von möglichen Szenarien für Gegenwart wie Zukunft sicherheitspolitisch zu sensibilisieren. Verbunden mit diesen Erzählungen waren ab Ende der 1970er-Jahre auch rüstungspolitische Forderungen hochrangiger Offiziere des westlichen Bündnisses an ihre Regierungen.
Schon damals spielten nicht nur Atomkriegsszenarien eine große Rolle - ihre Renaissance erleben sie seit Russlands Vollinvasion der Ukraine, getrieben von russischer Seite als ultimative Drohkulisse vor allem gegen ein Europa, das nicht müde werden will, die Ukraine zu unterstützen. Darüber hinaus erinnern auch damalige Mahnungen im Westen, massive konventionelle Aufrüstung sei das Gebot der Stunde, und Vorstellungen über technologisch innovative Waffensysteme an das heutige Denken und Handeln.
Beinahe zeitlos mit Blick auf die gegenwärtigen Debatten erscheint, was Wagner von Robert Close berichtet. Der belgische General veröffentlichte 1976 eine Studie mit dem provozierenden Titel "Europa ohne Verteidigung? 48 Stunden, die das Gesicht der Welt verändern". Nach Wagners Zusammenfassung handelte es sich hierbei um ein aus westlicher Sicht deutlich unbefriedigendes Gedankenexperiment zum nächsten möglichen Krieg: Aufgrund konventioneller Schwäche der NATO wurde ein überwältigender Sieg der östlichen Militärmacht bei einem Angriff in Mitteleuropa vorhergesagt. Wagner weist dieser Untersuchung eine besondere Relevanz zu: Geradlinig argumentierend, habe sie nicht nur explizit die Stärken der Sowjetunion und des Warschauer Paktes sowie die Defizite der NATO offengelegt, sondern auch die Notwendigkeit einer gemeinsamen europäischen Verteidigungsanstrengung betont und dafür konkrete politische wie militärische Vorschläge gemacht. Und indem Close den damaligen Vizepräsidenten der EG-Kommission und späteren belgischen Außenminister Henri Simonet für ein längeres Vorwort habe gewinnen können, hätte der General seinem Buch einen offiziösen Anstrich gegeben.
Der "Spiegel" berichtete im Nachgang der Veröffentlichung, die dort vorgenommene pessimistische Bilanz des Ist-Zustandes der NATO habe zur Verärgerung von Alexander Haig geführt. Der damalige Oberbefehlshaber des transatlantischen Bündnisses in Europa soll vor allem über Closes Behauptung erzürnt gewesen sein, ein Durchmarsch des Warschauer Paktes bis zum Rhein sei in nur 48 Stunden zu erwarten. Auch der nachdrücklich und in etlichen Details ausgearbeitete Vorschlag, die gemeinsame Verteidigung in europäischer Gemeinsamkeit voranzutreiben, möge für den Amerikaner zur falschen Zeit gekommen sein, wie Wagner ergänzt. Tatsächlich habe Close jedoch sehr wohl klargestellt, dass es "keine Rettung" für Westeuropa außerhalb der Nordatlantischen Allianz geben könne. Allein die Abhängigkeit von der Entscheidung des amerikanischen Präsidenten über den Einsatz nuklearer Waffen habe durch eine Stärkung der europäischen militärischen Fähigkeiten verringert werden sollen.
Parallel zu Close legte Johannes Steinhoff - zunächst Offizier der Wehrmacht, dann der Bundeswehr - ebenfalls 1976 eine Prognose vor. Der ehemalige Vorsitzende des Militärausschusses der NATO und damit formal ranghöchste Soldat der Allianz fragte schon im Titel seines Buchs: "Wohin treibt die NATO?". Dort zeigte er sich überzeugt, "dass die Europäer unverzüglich handeln müssen, wenn sie die Machtstabilität als unersetzliche Grundlage für Sicherheit und Entspannung erhalten wollen". Nach Wagners Wahrnehmung war Steinhoffs Fokus dabei ein doppelter, gerichtet erstens auf die großen politischen, strategischen und operativen Probleme der NATO - Solidaritätsdefizite und Renationalisierung, Mängel der nuklearen Doktrin und Mangel an konventionellen Fähigkeiten, Verlust Frankreichs in der militärischen Struktur, instabile Südflanke und Dislozierungsprobleme in Mitteleuropa - sowie zweitens auf die vermutete Zielstellung sowjetischer Politik.
Moskaus Handeln betrachtete Steinhoff nach Wagners Auswertung nicht als ideologisch determiniert, sondern als klassisch machtpolitisch: Weil die UdSSR sich als "Ordnungsmacht des Kontinents" verstehe, dulde sie keine gleichgewichtigen Staaten neben sich in Europa. Militärisch prognostizierte der General: "Ein langer konventioneller Abwehrkampf eines sowjetischen Massenangriffs würde die Lebensfähigkeit Europas vernichten." Unverzichtbar müsse deshalb "die nukleare Abschreckung wirksam erhalten bleiben", zugleich aber sei ein derartiger Angriff "so lange wie möglich mit konventionellen Mitteln" zu bekämpfen, wofür die Streitkräfte "modern ausgerüstet, hervorragend ausgebildet und schnell reaktionsfähig" zu sein hätten - "Das fordert erhebliche Mittel".
Wagner fasst Steinhoffs ausführliche Auflistung von Defiziten der NATO auf konventioneller Ebene zusammen: fehlende Standardisierung der Technik und Bewaffnung, vorgeschobene "Rationalisierung" als tatsächlich intendierte Reduktion militärischer Leistungen, zu geringe Beweglichkeit und falsche Stationierung der Truppe - welche "sich dadurch auszeichnet, dass über 50% der Heeresstreitkräfte in Zentraleuropa mehr als 100 km bewegt werden müssen, um die für sie vorgesehenen Verteidigungsräume zu erreichen" - sowie fehlende Bevorratung im vorderen Gefechtsfeld.
Erneut war es der "Spiegel", der ausführlich - über drei Ausgaben hinweg - einem weiteren ehemaligen, dieses Mal britischen General eine publizistische Bühne bot. Dort stellte Sir John Hackett, ab 1963 stellvertretender Generalstabschef des britischen Heeres und dann von 1966 bis 1968 Oberbefehlshaber der britischen Truppen in Westdeutschland, im Herbst 1978 eine stark gekürzte Fassung seines Buchs "Der Dritte Weltkrieg. Hauptschauplatz Deutschland" vor. Der kriegserfahrene Offizier, der im Zweiten Weltkrieg eine der beiden im niederländischen Arnheim im Rahmen der Operation "Market Garden" 1944 eingesetzten britischen Fallschirmjägerbrigaden kommandiert hatte, malte nun aus, wie es sich darstellen könne, wenn - so der Untertitel der Serie im "Spiegel" - "der Dritte Weltkrieg im August 1985" ausbräche.
Zwar stand auch in dieser fiktiven Erzählung, von der sich allein in der Bundesrepublik sechzigtausend Exemplare verkauften, ein Landkrieg in Mitteleuropa im Zentrum der Handlung. Aber Wagner arbeitet heraus, dass Hackett nicht nur eine Konfrontation weltpolitischen Ausmaßes entworfen hatte, sondern schon damals eine sich erst Jahrzehnte später manifestierende Tendenz internationaler Politik vorhersagte: Der Pazifik werde eine größere Rolle als der Atlantik spielen.
Noch einen Wandel antizipierte Hackett früh. Wagner erkennt bei ihm ein sich veränderndes Kriegsbild, wie es sich dann in den 1980er-Jahren tatsächlich weiterentwickeln sollte: Wo die NATO bis dahin den konventionellen Krieg gedacht habe, sei das vornehmlich als klassische Anordnung des Zweiten Weltkrieges geschehen: Panzer gegen Panzerabwehr, Artillerie gegen Artillerie - mit Panzerschutz, Feuerkraft und Bewegung als entscheidenden Kriterien. Im "Dritten Weltkrieg" von Hackett dagegen sei es eher ein "Kampf zwischen rivalisierenden elektronischen Systemen", im Bereich der Aufklärung, der Luftabwehr und der gegenseitigen Störung der Kommunikation.
Bei Hackett gelingt dem Warschauer Pakt keine Überraschung, da der Angriff von der NATO erwartet wird - entsprechende Vorbereitungen sind getroffen. Trotz hoher Verluste bei den westlichen Luftstreitkräften erreicht die östliche Seite keine dauerhafte Luftüberlegenheit. Es kommt zu einem Umschwung in der Initiative des Handelns. Aus den USA über den Atlantik gebrachte Verbände bringen die Wende in Europa. Die Sowjets ziehen sich geordnet zurück.
Doch dieser Erfolg der NATO, unterstreicht Wagner die Betonung von Hackett, "damit es alle Leserinnen und Leser auch wirklich begreifen", sei nur möglich gewesen, weil sie in den letzten fünf Jahren mehr für ihre Verteidigung getan habe "wie in der vergeudeten Zeit davor"; ohne diese Kraftanstrengung in der ersten Hälfte der 1980er-Jahre seien die Russen ohne Frage "überall an den Rhein vorgestoßen, das westliche Bündnis wäre auseinandergebrochen und die Bundesrepublik Deutschland brutal ausgelöscht worden".
Damit spiegeln sich bereits hier sicherheitspolitische Debatten, die heute in der zweiten Amtszeit von Donald Trump umso energischer geführt werden - diesseits wie jenseits des Atlantiks. Nur die Drohnen fehlten damals noch. Nackt fühlte sich so mancher auch schon ohne sie - vor allem im westlichen Europa.
Armin Wagner: Das ABC der Apokalypse. NATO-Offiziere erzählen den Dritten Weltkrieg.
Campus Verlag, Frankfurt am Main 2025. 453 S.
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