Detailreich
Ein ehrgeiziges Unterfangen hat Carolin Otto mit ihrem Roman "Berchtesgaden" angestrengt: ein mögliches breites Panorama des unmittelbaren Nachkriegsdeutschlands im Brennpunkt der Lieblingsstadt des Führers zu zeigen. Ein breites Personal betritt die enge Bühne der idyllischen bayrischen Bergwelt: ein junges Mädchen, Sophie, das neugierig ist auf die Zukunft, aber auch im Rückblick auf die Vergangenheit: wer aus ihrer Familie hat was getan?. Da ist ihr Bruder, der SS-Mann, der sich vor den amerikanischen Besatzern versteckt. Da ist Magda, ein Flüchtlingsmädchen aus dem Osten und Sophies Freundin. Da ist Sam, der schwarze GI, der in Deutschland als Angehöriger der Siegermacht weniger Unterdrückung durch Rassismus erfährt als in Amerika und der sich in Sophie verliebt. Da ist Frank, ehemaliger Deutscher, Jude, jetzt als Jurist der US Army auf der Suche nach den Tätern und nach den Spuren seiner Vergangenheit. Da ist Meg, Pressefotografin an der Frontlinie der Alliierten, immer auf der Suche nach dem perfekten "Schuss". Es gibt Opfer, Täter, Mitläufer, Opportunisten, Idealisten, Displaced Person, ersehnte Heimkehrer. Viele Geschichten verknüpfen sich in diesem Roman, in diesem Örtchen, den Hitler zu seiner idyllischen Residenz erkor. Hier finden sich noch viele Spuren der Nazis und des Unwesens, das sie trieben: Kunstraub, unermessliche Reichtümer, viele alte Partei"freunde" der ersten Stunde. Dabei wirkt Berchtesgaden, abgesehen von ein paar Bombenkratern auf dem Obersalzberg, wie heile Welt, kaum Zerstörung, kaum Mangel, grüne Alpwiesen und malerische Häuschen. Nur die Vertriebenen die Heimatlosen, die Zwangsarbeiter und die Soldaten, eigene wie fremde, die durch die Lande ziehen sowie die Geschichten der Heimgekehrten zeugen vom Krieg. Ein idealer Platz, um die Vergangenheit möglichst schnell vergessen zu wollen, von der man ohnehin nichts gewusst hat.Die Autorin trägt sehr viele Details und sehr viel Wissen zusammen, um die Zeit dank ihrer Romanfiguren möglichst lebendig vor Augen erstehen zu lassen. Auch wenn man schon viel über diese Zeit gelesen hat, ist es erstaunlich, was man in diesem Buch doch noch an neuen Einzelheiten erfahren kann.Allerdings steckt der Teufel manchmal auch im Detail. Denn so viele Figuren, so viele nicht Schau-, sondern eher Kampfplätze erschlagen dann manchmal doch. Und durch das Springen von Schicksal zu Schicksal fällt es bisweilen schwer, Nähe und Empathie mit den Figuren zu entwickeln. Manche auch schaurige Details sind so schnell dahin geworfen und dann schon wieder vorbei, dass man keinen Bezug dazu aufbauen kann. Die Autorin will alles erzählen, da bleibt es manchmal auch beim einfachen Erzählen und wird nicht zur Handlung oder zum Teil einer Spannungskurve. Zum Ende hin findet sie wieder zu ihren Hauptfiguren zurück: zu Sophie, zu Sam, zu Frank, zu Meg. Dass das Ende das sehr schnell und unvermittelt kommt, ist auf der einen Seite etwas überraschend, aber auch folgerichtig, denn der Schauplatz der Schicksale dieser vier liegt nun nicht länger in Berchtesgaden und ist damit nur Epilog zu diesem Roman. Oder vielleicht auch Prolog zu einem nächsten?