
Besprechung vom 11.10.2025
Eine Ohrfeige für den Hollywood-Produzenten
Kompromisslos und gewitzt: Carrie Rickey legt eine Biographie der Fotografin, Feministin und Filmemacherin Agnès Varda vor.
Von Maria Wiesner
Von Maria Wiesner
Als Agnès Varda vor mehr als dreißig Jahren ihre Autobiographie "Varda par Agnès" veröffentlichte, ahnte sie noch nicht, dass der Höhepunkt ihrer Karriere erst noch bevorstand. Die französische Fotografin, Filmemacherin und Feministin legte bei der Darstellung ihres Lebens keinen großen Wert auf Familiengeschichten. Wo sie herkam, bedeutete ihr nicht viel, denn was sie war, hatte sie selbst geschaffen. Die amerikanische Filmkritikerin Carrie Rickey schließt mit ihrer umfangreichen Biographie diese Lücken im Publikumswissen vom Privatleben der Künstlerin, versucht aber auch, der äußerst umtriebigen Filmemacherin, die bis zu ihrem Tod 2019 immer wieder an neuen Projekten arbeitete, in all ihren Werkfacetten gerecht zu werden.
Schon im Vorwort stellt sie Varda zum einen als "Wegbereiterin der Nouvelle Vague" vor, lobt zum anderen ihr feministisches Engagement und betont: "Selbst die Fans ihrer Filme wissen oft nichts von ihren großartigen Fotoarbeiten aus den 1950er-Jahren. Ihre späte Karriere als Installationskünstlerin wiederum fand vor allem Widerhall in der Welt der Museen und Galerien." Wie gelingt es, all diese Aspekte miteinander zu verweben?
Die Journalistin geht strukturiert vor. Sie folgt im chronologischen Aufbau Vardas Lebensweg, beginnt bei der Geburt 1928 im Brüsseler Stadtteil Ixelles, wo Varda als "Arlette" zur Welt kam (den Namen wird sie 1947 ändern lassen). Beim Einmarsch der Deutschen 1940 packten die Eltern ihre Kinder ins Auto und fuhren Richtung Côte d'Azur, wo ihr Segelboot lag. Drei Kriegsjahre verbrachte die Familie im Küstenstädtchen Sète, dann ging es weiter nach Paris. Sète aber lebte in Varda weiter; aus den Erfahrungen in der Fischerstadt zog die junge Frau Inspiration für ihre Kunst.
1955 ließ sie dort ihren ersten Film "La Pointe Courte" spielen. Mit Mitte zwanzig konnte sie noch nicht auf umfassendes Filmwissen zurückgreifen. "Meine völlige Unkenntnis des Kinos erlaubte es mir, mich mit einer gewissen Naivität und Unverfrorenheit ins Filmemachen zu stürzen", erklärte sie später. Was sie entwarf, war eine eigene, sehr eigenwillige filmische Erzählung, die dokumentarische Aufnahmen des Fischerlebens mit einer fiktiven Handlung um ein Liebespaar verband. Das Budget war gering, Varda ließ sich davon in ihrer Kreativität nicht einschränken: "Wir hatten ein Zehntel von dem, was man normalerweise brauchte, und machten das mit zehnmal mehr Frechheit wett, denn eine Regisseurin in meinem Alter, das war damals ganz und gar undenkbar."
Während François Truffaut, Jean-Luc Godard und "die anderen Jungs von den Cahiers", wie Rickey sie nennt, also eifrig in die Kinosäle drängten und dort ihre eigenen Filmtheorien entwickelten, um später Regie führen zu können, drehte Varda längst eigenes Material. Rickey arbeitet heraus, wie schwer es für die junge Filmemacherin war, sich Anerkennung in der Männerdomäne zu verschaffen. Alain Resnais, der für ihren ersten Film die Schnittarbeiten übernahm, führte Varda zwar in den Kreis der Filmkritiker um Godard ein. Sie blieb jedoch Außenseiterin. "Ihre Methoden wurden von der Nouvelle Vague übernommen. Nun filmte plötzlich jeder außerhalb der Studios, mit natürlichem Licht, und fügte den Ton in der Postproduktion hinzu. Die Sparmeisterin hatte den Weg vorgegeben". Die Biographin macht darauf aufmerksam, dass "die Großmutter der Nouvelle Vague", wie Varda später gern genannt wurde, eigentlich im gleichen Alter war wie ihre Kollegen.
Um "La Pointe Courte" aufführen zu können, mietete sie vom eigenen Geld in Cannes einen Kinosaal und zeigte den Film den Kritikern (das ging auf: "Le Monde" lobte ihr Werk als zukunftsweisend). Dieselbe Methode der Eigenvermarktung wird sie auch Jahrzehnte später wieder anwenden, als sich etwa 1985 für "Vogelfrei" kein französischer Verleiher finden lässt, der den Film ins Kino bringen will. Varda schreibt kurzerhand selbst die Leitung des Filmfestivals von Venedig an. Das unsentimentale Drama über eine freiheitssuchende Landstreicherin gewinnt dort im Wettbewerb den Goldenen Löwen - und wird danach in Frankreich zum Publikumshit.
So schlau wie Varda an ihrem Erfolg arbeitete, so kompromisslos blieb sie in der Kunst. Als sie 1966 mit ihrem Mann, dem Regisseur Jacques Demy, für längere Zeit nach Los Angeles zog, bekam sie die Gelegenheit, sich dem Chef eines großen Hollywoodstudios vorzustellen. Man war an einem ihrer Drehbücher interessiert; allerdings lehnte Varda es ab, dem Studio den finalen Schnitt zu überlassen. Als Autorenfilmerin wollte sie das letzte Wort haben. In Hollywood lief das anders. Als der Studio-Chef ihr beim Abschied in die Wange kniff, bekam er eine Ohrfeige. Das Geschäft fiel aus.
Untätig blieb Varda in Los Angeles nicht. Sie drehte Probeaufnahmen mit dem jungen Harrison Ford, interviewte Mitglieder der "Black Panther"-Bewegung fürs französische Fernsehen und empfing in ihrem Haus Roger Corman, Federico Fellini und Jim Morrison. Der Sänger wurde schnell zum Freund der Familie. Später in Paris fand Varda ihn tot in der Badewanne und hielt seinen Tod vor der Klatschpresse geheim.
Auf solche Details geht Rickey ein, ohne dem Voyeurismus zu verfallen. Vielmehr gelingt es ihr, das Bild einer unerschrockenen Künstlerin zu zeichnen, die bis ins hohe Alter kreativ blieb. Das Buch tut, was es soll: Es führt zurück zu den Filmen.
Carrie Rickey: "Agnès Varda". Filmemacherin, Künstlerin, Feministin. Eine Biografie.
Aus dem Englischen von Bert Rebhandl. Henschel Verlag, Leipzig 2025. 312 S., Abb., geb.
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