Ein scheinbar harmloser Friseurbesuch lieferte Anfang dieses Jahres den Anlass für eine interessante Diskussion über Arbeitskultur: In einem viel beachteten LinkedIn-Posting machte ein deutscher Unternehmer seinem Ärger Luft, weil eine Mitarbeiterin während eines Homeoffice-Tages zum Friseur ging, um sich Strähnchen machen zu lassen, bevor sie eine Mittagspause eintrug und danach wieder arbeitete. Der Chef empörte sich darüber, wie produktiv diese Arbeitsform noch sei und ob Homeoffice nicht längst zum Chaos verkommen sei eine Provokation, die mehr als 5000 Kommentare auslöste und eine flammende Diskussion über Vertrauen, Produktivität und Arbeit neu entfacht hat.
Leadership Coach Charlotte Steinhilber würde dem Absender des Posts vielleicht einen großen Anteil an innerem Preußen zusprechen. Was daran nicht mehr zeitgemäß ist und worüber wir in einer neuen Arbeitskultur wirklich sprechen sollten, darüber spricht sie in ihrem Buch Überwinde deinen inneren Preußen.
Haltung aus dem 20. Jahrhundert trifft auf Anforderungen des 21. Jahrhunderts
Statt uns in solchen Einzelfällen wie dem Friseurtermin zu verlieren, müsse die grundlegende Frage neu gestellt werden: Wie verstehen wir Arbeit im 21. Jahrhundert und was ist unser Verständnis von Produktivität? Charlotte Steinhilber benennt ein tief verwurzeltes Glaubensmuster, den sogenannten inneren Preußen: die Vorstellung, dass Arbeit nur dann zählt, wenn sie sichtbar ist. Daraus erwächst ein Präsenz-und-Kontrolle-Denkmodell, in dem Arbeit außerhalb des Büros leicht als weniger wertvoll oder sogar misstrauisch betrachtete Freizeit erscheint.
Und gerade in Deutschland, dem Land der hochgelobten preußischen Disziplin, Korrektheit und Pünktlichkeit, scheint diese Haltung in der DNA zu liegen: Während der Hustle-Modus in vielen Ländern der westlichen Welt virulent ist, gelten die Attribute Obrigkeitshörigkeit und Konformität eher als Stereotype über uns Deutsche, so die Autorin. Aber diese Haltung ist mit den Anforderungen des Marktes nicht mehr vereinbar.
Ergebnisse sprechen lassen
Die Expertin für eine neue Arbeitsmentalität zeigt, wie dieser tradierten Sichtweise die Akzeptanz moderner Arbeitsformen wie Homeoffice, hybride Modelle oder flexible Zeiteinteilung im Weg steht. Eine Kultur, die Anwesenheit über Ergebnis stellt, könne zwar kurzfristig für vermeintliche Sicherheit sorgen, langfristig aber Motivation, Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit gefährden. Statt uns in Debatten über Friseurtermine zu verlieren, sollten wir darüber sprechen, wie wir Arbeit neu denken und warum unser veraltetes Verständnis von Produktivität nicht nur einzelne Unternehmen, sondern unsere gesamte Wettbewerbsfähigkeit gefährdet. Es sollte doch nicht mehr darum gehen, als Beschäftigter acht Arbeitsstunden beschäftigt zu sein wäre es nicht sinnvoller, wenn Arbeitskräfte einfach Ergebnisse liefern würden?
Steinhilbers fordert Leserinnen und Leser dazu auf, Grundannahmen zu hinterfragen: Was bedeutet Leistung heute? Wie messen wir Erfolg? Und worauf sollte moderne Führung wirklich basieren?
Dem Preußen in uns einen neuen Platz geben
Die Autorin betrachtet den inneren Preußen als Anteil unseres inneren Teams, der im passenden Kontext durchaus seine Daseinsberechtigung hat. Sie sieht darin das zutiefst menschliche Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Anerkennung. Aber, so Charlotte Steinhilber, die Sehnsucht, wie ein Puzzleteil möglichst gut in ein Arbeitssystem zu passen, schadet uns selbst und wird nicht den strukturellen Fortschritt bringen, den viele Branchen aktuell für eine globale Wettbewerbsfähigkeit benötigen. Sie zeigt in ihrem Buch, wie Betroffene ihren inneren Preußen mittels Selbstcoaching überwinden und zugleich die Stärken dieser Haltung punktuell nutzen können.
Roter-Reiter-Fazit
Charlotte Steinhilber nutzt das starke Bild des inneren Preußen, um die Differenz zwischen den aktuellen Ansprüchen der Arbeitswelt und einer überholten Arbeitskultur sichtbar zu machen. Doch dabei belässt sie es nicht, sondern zeigt auch, wie wir aus dieser Haltung herauskommen, um die Arbeitswelt neu und gesünder zu gestalten.