Wenn mir das Buch etwas gezeigt hat, dann unsere Gegenwart: alles offenhalten, alles wollen, aber nichts wirklich tragen.
Alex und Viktoria leben zusammen, und von außen soll das wohl eine toxische Beziehung sein. Für mich lag das Problem genau dort: Ich hatte nie das Gefühl, hier wirklich eine Liebesbeziehung zu sehen. Eher eine ungleiche Zweckgemeinschaft mit Sex, Komfort, Abhängigkeit und völlig verschiedenen Vorstellungen davon, was diese Verbindung überhaupt ist. Viktoria scheint etwas Verbindliches zu wollen, Alex dagegen vor allem Freiheit, Sex und ein bequemes Leben. Genau daraus hätte ein spannender, schmerzhafter Roman werden können. Aber das Buch geht für mich nirgends wirklich hinein.Erzählt wird in der Du-Form und nur aus Alex' Sicht. Das hätte interessant sein können, bleibt aber erstaunlich oberflächlich. Alex beschreibt und erinnert sich, aber sie geht nie wirklich tiefer. Viktoria bleibt die besitzergreifende, kontrollierende Andere, ohne dass ihre Seite je ernsthaft sichtbar würde. So entsteht keine wirkliche Spannung, sondern ein schiefes Bild, das sich selbst dauernd bestätigt. Gerade deshalb fand ich es auch schwierig, hier einfach von einer toxischen Beziehung zu sprechen. Für mich ist das eher eine Konstellation, in der zwei Menschen von völlig verschiedenen Dingen reden, ohne es auszusprechen: Die eine will offenbar Beziehung, die andere eher Freiheit, Sex, Komfort und offene Möglichkeiten.Auch formal wollte der Roman für mich mehr, als er am Ende tragen kann. Die kurzen, fragmentierten Kapitel mit Überschriften wie "Früher", "Noch früher" oder "Am Anfang" klangen zunächst spannend, wirkten auf mich aber eher unsauber als raffiniert. Vieles sprang hin und her, ohne dass daraus eine echte innere Notwendigkeit entstanden wäre. Es wirkte eher wie ein Roman, der besonders wirken will, statt wirklich präzise gebaut zu sein.Am meisten enttäuscht haben mich die drei Schlussversionen. Für mich öffnen sie nichts, sondern machen alles noch beliebiger. Statt einen Gedanken wirklich zu Ende zu führen, bietet der Roman mehrere Varianten an, als könnte man sich einfach eine aussuchen. Genau das hat bei mir den Eindruck verstärkt, dass hier etwas auf modern und originell gemacht wird, ohne wirklich in die Tiefe zu gehen. Diese Form wirkt auf mich nicht klug, sondern eher wie ein Symptom unserer Gegenwart: Hauptsache Optionen, Hauptsache Auswahl, Hauptsache nichts festlegen.Besonders schade finde ich, dass das Buch eigentlich Potenzial hätte. Die Grundidee ist stark: Macht, Besitz, Klasse und Abhängigkeit in einer queeren Konstellation zu zeigen, ohne auf das klassische Mann-Frau-Schema zurückzufallen. Aber daraus wird viel zu wenig gemacht. Statt einer literarischen Auseinandersetzung mit toxischen Dynamiken bekam ich vor allem Sex, Unklarheit und eine Hauptfigur, die ich zunehmend als narzisstisch und innerlich leer empfand.Wenn dieser Roman mir überhaupt etwas gezeigt hat, dann die Gegenwart selbst: alles haben wollen, nichts geben, nichts festlegen, alles als Option behandeln. Gerade dadurch wirkt das Buch für mich weniger tiefsinnig als vielmehr wie ein Symptom unserer oberflächlichen Zeit.