Dies ist ein Roman, darauf macht der Autor gleich in der Überschrift zu seinem Vorwort aufmerksam und kein Sachbuch. Diese Information ist absolut notwendig, denn was hier angeboten, diesem AH in den Mund gelegt wird, geht oft an die intellektuelle Schmerzgrenze, zum Teil darüber hinaus. Zumal die historischen Personen, die in diesem Roman direkt oder indirekt zu Wort kommen, eine Einordnung in ist das nun real oder fiktiv?, nicht gerade vereinfachen. Die jeweiligen Psychogramme sind großenteils stimmig, die im Hintergrund aufscheinenden Gräueltaten ebenfalls.
Man könnte sich also fragen, warum sich dann noch einmal mit dieser Thematik auseinandersetzen sollte. Wurde dieses Thema nicht schon bis zur geistigen Erschöpfung rauf und runter dekliniert, gibt es überhaupt noch etwas, was an dieser Gestalt noch unklar geblieben ist? Alles berechtige Fragen, die allerdings bereits beim Hineinlesen schlüssig beantwortet werden, zumindest zum Weiterlesen animieren: Denn das gefährlichster an AH [Abkürzung des Rezensenten] war seine Fähigkeit, Menschen zu manipulieren. Er verstand sich als Werkzeug der Vorsehung ein Selbstbild, das nicht nur politisch, sondern auch spirituell aufgeladen war. Der Nationalsozialismus war mehr als eine Ideologie. Er war eine Religion, die hinter dem Deckmantel der Weltherrschaft Herrenmenschentum, Hass und Untergang gepredigt hat und AH war ihr Prophet.
Diese ausführlichen Zitate machen deutlich, wohin die Reise in diesem Buch gehen könnte. Aber zuvor ein kleiner Einschub. Der Verfasser dieser Rezension erlaubt sich die Freiheit, in der Nachbetrachtung eines in seiner Argumentationsschärfe brillanten Buches, dessen Hauptperson lediglich mit seinen Initialen auftreten zu lassen: AH. Er sorgt damit für sich selbst, um die notwendige Distanz gegenüber den fiktiven, aber dennoch stimmigen Aussagen zu behalten und nicht von den Scharaden dieses Menschen überrollt zu werden, die in diesem Buch ihre breite Wirkmächtigkeit entfalten. Es ist also kein leicht(fertig) zu lesendes Buch, das soll bereits an dieser Stelle festgehalten werden.
Gleichzeitig ist es die Möglichkeit, die hier angebotene Variante von AH in die Verhandlungen der sogenannten Nürnberger Prozesse einzubeziehen, der historischen Gestalt AH und deren Gedankengebäude, in einem anderen Kontext zu sehen, sie so greifbarer, vielleicht sogar verstehbarer zu machen. Dabei ist ein raffiniertes Wechselspiel entstanden, bei dem sich Richter, Ankläger, Verteidiger und Angeklagter nichts schenken. Man blickt in teils widerliche Abgründe und braucht hin und wieder den Mut zum Weiterlesen. Dennoch wird gerade durch diese zugespitzten Dialoge (oft in Monologe des AH übergehend) die gesamte Bandbreite dieser Ideologie (siehe oben), dieses Wahns sichtbar. Es ist nur, wie eingangs erwähnt, ein Roman, aber einer, der es schafft, eine gewaltige Bandbreite von Emotionen zu wecken, eben weil die historische Basis detailreich einbezogen wird.
Zunächst bleibt unklar, ob die hier auftretende Person AH real ist, die angenommene Verbrennung also überlebt hat, oder ob es sich doch nur um einen Doppelgänger handelt, der gut ausgebildet hier das Gericht zu provozieren weiß. Die Frage, ob man dieser Person erneut eine Plattform bieten sollte, um seine perfiden Gedanken ausbreiten zu können, wird hinsichtlich der sich durchaus bietenden Chance, nämlich die Selbstentzauberung des AH, schließlich bejaht. Was sich in der Folge dann abspielt, ist großes Kino, um es einmal so salopp zu formulieren. Hier geht es nicht um Effekthascherei im Sinne eines spannenden Thrillers (spannend bleibt es dennoch ), sondern um einen tiefenpsychologischen Zugang zu dem kleinen Menschen AH, dem Gefreiten des 1. Weltkriegs, dem Männerheimbewohner und gescheiterten Maler, der sich (zunächst) in seinen Gedanken zum Größen-Selbst aufschwingt, und sich schließlich zu einer Art religiösen Wahn (Sendungsbewusstsein, Auserwähltsein und schließlich GRÖFAZ = größter Führer aller Zeiten) auswächst. Und dennoch hier mit entscheidenden Fragen zu räsonieren weiß: Glauben Sie wirklich, ich hätte das alles allein bewerkstelligen können? Ich bin nur ein zu kurz geratener Mann mit einem Schnurrbart. Glauben Sie, Chaplin ist für den Erfolg seiner Filme verantwortlich? Auch er hat sich nur zum Brennpunkt allgemeiner Sehnsüchte gemacht, das ist alles. Und an anderer Stelle: Ohne Lederhosen und Trachtenjacke wäre ich nie zur Macht gekommen.
An dieser Stelle kann nicht die gesamte Dramaturgie dieses Buches dargestellt werden, auch nicht das besondere Verhältnis des fiktiven Verteidigers von AH, Hellmut von Darda, dem in diesem Buch eine persönliche Nähe zu AH (Retter von AH im 1. Weltkrieg, später persönlicher Assistent) assistiert wird, und dem zudem die Rolle des verhinderten Attentäters zukommt. Neben dem Richter und den vier Haupanklägern ist es diejenige Person, die AH durch seine Fragen in die Abgründe seiner Seele blicken lässt.
Immer wieder werden auch Anklänge an die Jetztzeit deutlich, in der offensichtlich die Saat dieser Zeit immer noch fruchtbar ist: Ihr Geist wird wiederkehren im deutschen Volk, []. Und auch individuell zu beantwortende Fragen senden verstörenden Signale: Existiert die Lust an Selbstzerstörung, am Untergang nicht nur AH, sondern in jedem Menschen? Insofern braucht es eine gehörige Portion Wissen und Reflexionsvermögen, um die Perfidie des nationalen Größen-Wir zu durchschauen, um in ruhigerem Fahrwasser die ohnehin bestehenden Probleme (Stichworte: Klimakrise, Rückgang der Biodiversität) lösen zu können. Dieses Buch kann unabhängig von seinem Unterhaltungswert dazu beitragen, die Parolen schwingenden Verführer unserer Zeit zu entlarven, und die notwendigen Auseinandersetzungen zu versachlichen.