Eine schöne und schmerzhafte Geschichte über Kindheit im Irland der 80er Jahre
Es ist die Geschichte eines jungen Mädchens und beschreibt Vernachlässigung, Zuwendung und die transformative Kraft über Liebe. Das von seinen tatsächlichen Eltern vernachlässigte Kind inmitten vieler Geschwister - es gibt aber nur wenig Geld und der Vater ist alkoholkrank und nur in Form der ewigen Trinksucht präsent - wird bei einer erneuten Schwangerschaft der Mutter zu einer verheirateten Cousine der Mutter für ein paar Monate gegeben. Dort erfährt es zum ersten Mal im Leben, was es bedeutet, gesehen und umsorgt zu werden. Die emotionale Kälte im eigenen Elternhaus wird der Aufmerksamkeit und Fürsorge, satt und sauber gehalten zu werden, gegenübergestellt. Es zeigt sehr schön, wie Kinder in dysfunktionalen Familien oft unsichtbar werden - und wie heilsam es sein kann, wenn jemand sich ihrer annimmt. Schon die berühmte Psychoanalytikerin Alice Miller hat vor vielen Jahren erklärt, wie wichtig es für die Entwicklung von Kindern ist, gerade in desolaten Familienverhältnissen wenigstens eine feste Bezugsperson außerhalb der Familie zu haben, der das Kind vertrauen kann. Sehr typisch für die bekannte irische Autorin Claire Keegan ist, was sie nicht sagt - auch die neue Familie hat ein Trauma erlebt, was zwar angedeutet, aber nicht explizit diskutiert wird. Keegan vertraut darauf, dass der Leser zwischen den Zeilen lesen kann und sich die Hintergründe und was sie für die Personen bedeuten selbst zusammenreimen kann. Die Worte sind immer klar wie Quellwasser und jedes Wort zählt. Es werden konkrete Details beschrieben (wie das Handtuch, das ordentlich aufgehängt wird oder ein Glas Milch, das nachgeschenkt wird) und zusammen gibt das ein Bild von Zuwendung. Die Perspektive des Kindes macht die Erzählung besonders eindringlich - das Mädchen registriert alles, versteht aber oft nicht die Bedeutung. Das alles ist fast wie Lyrik in Prosaform.Das Buch stellt wichtige Fragen: Was bedeutet Familie? Wer hat das Recht, ein Kind zu behalten? Ist biologische Verwandtschaft wichtiger als emotionale Bindung und Fürsorge?Grosse Literatur braucht nicht viele Worte - das wurde ein weiteres Mal unter Beweis gestellt. Wie man mit wenigen Worten ganze Welten erschaffen kann, ist beeindruckend. Und alles wird einfach erzählt, ohne anklagend oder melodramatisch zu werden. Es zeigt einfach, wie es war - die Kälte, die Angst, die kleinen Gesten der Menschlichkeit inmitten systemischer Grausamkeit.Später entstand daraus auch ein Film "The quiet girl" von Caitlín Ci¿in, der 2022 erschien und auch bei Oscarpreisverleihung eingereicht wurde und beim europäischen Filmpreis in die Vorauswahl gelangte. Ein wirtschaftlich sehr erfolgreicher Film. Ich fand ihn allerdings nicht so gut, weil viele Dinge, die im Buch aus der Sicht des Mädchens thematisiert werden, im Film einfach ungesagt bleiben und dadurch entsteht ein bisschen eine bleierne Stille, die schwerer nachzuvollziehen ist, als die ungesagten Worte im Buch.