
Corinne Low zeigt in ihrem Buch, wie Frauen die unsichtbaren Hürden durchbrechen können, die sie in Beruf und Familie ausbremsen. Es beleuchtet das strukturelle Ungleichgewicht in der Care-Arbeit und die komplexeren Entscheidungen, die Frauen im Vergleich zu Männern treffen müssen - sei es bei Karriere, Ehe oder Kindern. Aus einer datenbasierten, ökonomischen Perspektive liefert es praktische Strategien, um die eigene Work-Life-Balance zu optimieren und langfristig mehr Zufriedenheit zu erreichen. Ein inspirierender Wegweiser zu einem Leben, das Frauen wirklich gehört.
Besprechung vom 09.03.2026
Feminismus trifft Ökonomie
Corinne Low ruft zu mehr weiblichem Egoismus auf
Wir haben dem Versprechen geglaubt, wir können alles erreichen - in der Arbeit und zu Hause, aber für viele Frauen endete das in der Realität nur in Erschöpfung", sagt Corinne Low. In ihrem 2025 in New York erschienenen Buch "Having It All" ("Alles haben"), explizit gewidmet "den Frauen, die nicht mehr können", zeigt die Amerikanerin, wie Frauen die unsichtbaren Barrieren durchbrechen können, die sie in Beruf und Familie ausbremsen. Sie beleuchtet das strukturelle Ungleichgewicht in der Care-Arbeit und die weitreichenderen Entscheidungen, die für Frauen im Vergleich zu Männern mit Karriere, Ehe oder Kindern verbunden sind. Denn obwohl Frauen und Männer heute größtenteils gleichermaßen berufstätig sind, liegen Haushalt und Familie nach wie vor hauptsächlich auf den Schultern von Ehefrauen und Müttern.
Und das besonders in den jüngeren Jahren, wenn sie beruflich vorwärtskommen wollen. Zwar steigt die Einkommenskraft der Frauen in außerhäuslicher Arbeit immer mehr. Aber Männer übernehmen keineswegs zum Ausgleich einen größeren Teil der auf den Frauen lastenden Haushaltsproduktion. Aus datenbasiertem, ökonomischem Blickwinkel sucht Low deshalb nach praktischen Strategien, um die weibliche Work-Life-Balance zu verbessern. Zu diesem Zweck nimmt sie konsequent Frauen als ökonomische Akteure in den Blick. Über die eigene Person als Markt-Teilnehmer sollen sie lernen, rationale Entscheidungen zu treffen, um angesichts bestehender Einschränkungen in Beruf und Alltag weibliches Leben zu optimieren.
Corinne Low, promovierte Wirtschaftswissenschaftlerin knapp unter 40, berät, forscht und unterrichtet in Philadelphia zu Business Economics und Public Policy, darunter Gender-Problematik und Diskriminierung, an der Universität von Pennsylvania. In diesem ersten Buch will sie Geschlechtsgenossinnen ermutigen, "wie eine Ökonomin zu denken", wenn es um wichtige Lebensentscheidungen geht. Deshalb fordert sie ihre Leserinnen auf, "eine persönliche Nutzenfunktion zu ermitteln, um den persönlichen Profit in ihrem Leben wie ein Unternehmen zu maximieren". Zum kämpferischen Anspruch von Lows Ratgeber-Lesebuch passt der pseudowissenschaftlich anmutende Titel "Femonomics" mit seinem altgriechischem Suffix "nomos" = Regel, Ordnung. Der Text, meist im Plauderton, aber durchaus didaktisch einem imaginären Gegenüber vorgetragen, ist eine Mischung aus Daten und Fakten, Forschungspapieren, weiblichen Schicksalen und viel Selbstinszenierung der Verfasserin als Ehefrau, Mutter, Alleinerziehender sowie außerplanmäßigen Professorin und bekennender "queeren Woman of Color an der Wharton Business School".
Lows zwölf Kapitel Schnellkurs in Ökonomie zur besseren weiblichen Ausrichtung im modernen Berufs- und Familienleben verhandelt unter anderem, warum Frauen noch immer weniger verdienen als Männer, wieso weibliches Einkommen nach der Geburt von Kindern kaum mehr steigt und weshalb man künftige Lebenspartner auf gemeinsame höhere Standards verpflichten sollte. Im ersten Kapitel "Das Brot verdienen und es auch selbst backen" wird an einer Forschungsarbeit von Low gezeigt, dass der Zustrom verheirateter Frauen auf den Arbeitsmarkt mit der abnehmenden finanziellen Sicherheit der traditionellen Ehe für Nurhausfrauen in der Folge liberalerer Scheidungsgesetze zu tun hatte. Die Schattenseiten des "Gender Empowerment" zeigen sich für berufstätige Ehefrauen heute verstärkt in ihrer Freizeit- und Gehaltslücke. Für erstere sieht Low die mangelnde männliche Teilhabe an häuslicher Arbeit und Kinderbetreuung ursächlich. Das "Gender-Pay-Gap" im Berufsleben resultiert ihrer Meinung nach daraus, dass Frauen mehr Aufgaben übernehmen, die keine Beförderung nach sich ziehen, weniger verhandeln, kaum Risiken eingehen, nicht wettbewerbsfähig und in Sachen "Profit und Produktivität einfach schlecht sind", eben "Arbeiten wie ein Mädchen" (Kapitel sieben). Umso mehr Grund für Frauen, dass sie unter den gegebenen Umständen künftig das Optimum für die eigene Person herausholen und ihren "Nutzen steigern" (Kapitelüberschrift zehn). Low nennt das "den besten Weg, beinahe alles zu erreichen", und "die neue Version von ,Having It All'". Wenn Arbeit oder individueller Alltag nicht mehr funktionieren und nur noch "Die große Veränderung" mit Jobkündigung, Umzug, Wohnortwechsel oder Scheidung bleibt, skizzieren Kapitel elf und zwölf konkret Rat und Hilfe.
Low stärkt ohne Zweifel von männlicher Dominanz, gesellschaftlichen Vorurteilen und biologischen Gegebenheiten verunsicherten Leserinnen unkonventionell den Rücken, indem sie zu mehr Initiative, vor allem aber zu weiblichem Egoismus aufruft. Sätze wie "Glück zu priorisieren macht Sie nicht zum Monster" ermutigen, eigene Bedürfnisse, Wünsche und Ziele besser einzuschätzen und zu realisieren. Ohne Hilfe von außen geht aber nicht einmal das. Corinne Low möchte ihr Frauenbuch deshalb auch in der Hand von Männern sehen. Sie fordert diese im Nachwort auf, Frauen nicht länger unter Druck zu setzen. Vielmehr "die gewaltige wirtschaftliche Ressource anzuerkennen, die Frauen als Angestellte, Ehepartner und Elternteile darstellen, und zu verstehen, dass diese Ressource über ihre Kapazität hinaus besteuert wird". ULLA FÖLSING
Corinne Low: Femonomics - Wie Daten uns Frauen helfen, kluge Entscheidungen für Arbeit und Alltag zu treffen. Piper Verlag, München 2026, 336 Seiten
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