
Der Klimawandel stellt die Menschheit vor ein großes Dilemma. Es fällt uns schwer, das Streben nach einem guten Leben aufzugeben. Doch dieses Leben, das auf einem unstillbaren Hunger nach Energie beruht, die hauptsächlich aus fossilen Brennstoffen gewonnen wird, schädigt das geobiologische System, das die Existenz aller Lebensformen auf der Erde ermöglicht. Es gibt nur diesen einen Planeten. Aber zugleich ist er gespalten - in viele Welten, Kulturen, Staaten.
Die globale Herrschaft des Finanz- und Rohstoffkapitals verbindet die Menschen zwar technologisch, aber entlang tiefgreifender Achsen der Ungleichheit bleiben sie zugleich voneinander getrennt. Im Rahmen der von ihm entwickelten historischen Erzählung unserer Gegenwart erkundet Dipesh Chakrabarty in seinem neuen Buch die zeitlichen und intellektuellen Verwerfungen, die die Kollision des Planetarischen und des Globalen in der Geschichte der Menschheit hervorruft. Der große indische Historiker bietet uns damit einen einzigartigen Blick auf den Klimawandel und das Verhältnis zwischen Menschen und Natur - und nicht zuletzt auch auf vergangene und zukünftige globale Pandemien.
Besprechung vom 29.11.2025
Das Hyperding namens Mensch
Die Erde ist eins, ihre Bewohner nicht: Dipesh Chakrabarty wendet seine Theorie der Verstrickung von Mensch und Planet ins Politische.
Von Petra Ahne
Wenn sich Historiker einer fernen Zukunft fragen, warum im späten zwanzigsten und im 21. Jahrhundert so zögerlich auf den steigenden Gehalt von Treibhausgasen in der Erdatmosphäre reagiert wurde, werden sie nicht nur feststellen, dass es nicht an fehlendem Wissen um dessen Folgen lag. Sie werden auch nachlesen können, dass, während die Veränderung des Klimas schon spürbar wurde, hellsichtige Analysen jener mangelnden Entschlossenheit verfasst wurden.
Besonders lohnend wird es für die künftigen Forscher sein, sich die Schriften von Dipesh Chakrabarty vorzunehmen, Jahrgang 1948, Historiker an der University of Chicago. Seine Theorie der Unvereinbarkeit des Planetaren mit dem Politischen erhellt die Diskrepanz zwischen dem, was getan werden müsste, und dem, was getan wird: Der Planet ist eine Entität und reagiert als solche auf Einwirkungen. Menschen dagegen sind un-eins, aus diesen Differenzen entsteht erst Politik. Ein "Wir", das dem Einssein der Erde entspräche, gibt es nicht. Die UN-Klimakonferenz in Belém hat dafür gerade reichlich Anschauungsmaterial geliefert. Das Kohlenstoffbudget, das laut Weltklimarat noch zur Verfügung steht, um die angestrebte maximale Erwärmung von 1,5 Grad einzuhalten, bezieht sich auf den Planeten als Ganzes. Der zerfiel bei den Verhandlungen jedoch wieder einmal in viele Planeten: den der öl- und gasfördernden Länder, die sich auf einen Abschied von diesem Geschäftsmodell nicht festlegen wollen; den aufstrebender Länder des globalen Südens, die den verbrennungsgetriebenen Wohlstand der Industrieländer beanspruchen; den der Ehrgeizigen wie Finnland, das in zehn Jahren klimaneutral sein will.
Das fehlende "Wir" nennt Dipesh Chakrabarty in seinem neuen Buch den entscheidenden Aspekt der Klima- und Biodiversitätskrise, es gab ihm den Titel: "Ein Planet, viele Welten". Das Buch kann als Ergänzung seines wegweisenden, 2022 auf Deutsch erschienenen "Das Klima der Geschichte im planetarischen Zeitalter" gelesen werden. In drei Kapiteln und einem langen Vorwort lotet er die Konsequenzen jener Erkenntnis weiter aus, die ihm einen Perspektivwechsel zwingend erscheinen ließ: Um zu analysieren, was die planetare Krise für die Situation des Menschen bedeutet, so seine nach der Jahrtausendwende gewonnene Einsicht, reiche das theoretische Werkzeug des Historikers nicht aus.
Beeindruckend ist die geistige Beweglichkeit, mit der Chakrabarty - längst ein renommierter Autor des Postkolonialismus - die Neujustierung vollzog. Für sie ist die Unterscheidung von "Globus" und "Planet" zentral. Globus, das ist der Ort der vor fünfhundert Jahren in Gang gesetzten Globalisierung. Die nicht zuletzt von dieser Globalisierung beschleunigte Erderwärmung wiederum ist eine Reaktion des Planeten, genauer des Erdsystems, also der physikalischen, chemischen, biologischen Prozesse, die sich zum Zustand der Erde summieren.
Chakrabarty fordert zu einer Historiographie der zwei Blickwinkel auf: jenem, der auf den Globus fokussiert, mit dem Menschen als Urheber und Mittelpunkt. Und einem, der sich auf die geologische und biologische Geschichte des Planeten weitet, innerhalb derer der Mensch eine Lebensform unter vielen ist, gleichwohl eine mit nie dagewesener Wirkungsmacht. Je nach eingenommener Perspektive verschiebt sich das ins Visier genommene Objekt, der Mensch. Das ist, so darf man deuten, die "Klima-Parallaxe" aus dem Untertitel des Buchs.
Wie im vorigen Buch bestehen die Kapitel aus unabhängig voneinander verfassten Aufsätzen, was zu Wiederholungen führt. Das stört dann weniger, wenn man mit Chakrabartys Thesen noch nicht so vertraut ist. Im ersten Drittel geht es um ein Ereignis, das ihm erlaubt, sein Projekt einer neuen anthropologischen Philosophie auf seine Anwendbarkeit zu testen: die Covid-19-Pandemie. Die Verstrickung der menschlichen Existenz mit der Tiefenhistorie, die diese hervorkehrte, ist für Infektionsforscher selbstverständlich, für den Historiker der zwei Blickwinkel faszinierend. Chakrabarty zitiert insbesondere aus einem Paper, bei dem der US-Virologe Anthony Fauci Mitautor war und das den evolutionären Konflikt zwischen sich schnell anpassenden, seit Milliarden Jahren existierenden mikrobiellen Lebensformen und dem im Vergleich trägen, vor 300.000 Jahren entstandenen menschlichen Wirt thematisiert. Wie die Klimakrise ist der Anstieg von Zoonosen das Ergebnis eines zunehmend extraktiven Verhältnisses dieses Wirts zur Erde.
Im zweiten und dritten Teil des Buchs bringt Chakrabarty sein ursprüngliches Feld, die postkoloniale Geschichtsschreibung, ins Gespräch mit der Betrachtung des Menschen als geophysikalische Kraft, die das Konzept des Anthropozäns hervorbrachte. Wenig überraschend wurde Chakrabarty, der aus Indien stammt, kritisiert für seine Hinwendung zu dem, was aus postkolonialer Perspektive ein "westliches" Thema ist, und auch dafür, dass er nicht vom "Kapitalozän" oder "Ökonozän" spricht, um die Verantwortung der Industriestaaten für die planetare Krise hervorzuheben. Dipesh Chakrabarty fragt zurück, warum auch postkoloniale Historiker so lange blind für Umweltfragen waren, und besteht auf der vereinheitlichenden Bezeichnung, die allein die ungeheuren Folgen der "Großen Beschleunigung" vor Augen führe: Die das Erdsystem verändernde Spezies agiert wie ein "Ding", ein Himmelskörper, ein Hyperobjekt.
Gibt es die Chance auf ein menschliches Wir, das in dieser Lage als politisches Subjekt auftreten kann? Chakrabarty weist auf die Botanikerin Robin Wall Kimmerer hin, die Gemeinsamkeiten zwischen zunächst unvereinbar scheinenden indigenen und westlichen Wissenssystemen aufspürt. Sie macht Verwandtschaften aus, ohne die Unterschiede zu negieren. Über alle Unterschiede hinweg zu sprechen, das ist allerdings schon jetzt die Leistung der Klimaverhandlungen. Heraus kommt ein ums andere Mal ein Minimalkonsens, der die Klimakrise in der gebotenen Zeit nicht beenden wird.
Dipesh Chakrabarty: "Ein Planet, viele Welten". Die Klima-Parallaxe.
Aus dem Englischen von Christine Pries.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2025. 185 S., geb.
Alle Rechte vorbehalten. © Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt am Main.Es wurden noch keine Bewertungen abgegeben. Schreiben Sie die erste Bewertung zu "Ein Planet, viele Welten" und helfen Sie damit anderen bei der Kaufentscheidung.