In "Findet mich" von Doris Wirth geht es um den Aufbruch und Ausbruch eines Familienvaters, der eine manische Psychose durchlebt. Die Autorin schreibt auch über Erwartungen, die Eltern an ihre Kinder haben und Kinder an ihre Eltern, über gesellschaftliche Zwänge und den Druck, es allen recht zu machen. Als Leserin oder Leser wird man sich in den unterschiedlichsten Rollen wiederfinden.Wir folgen Erwin auf seinem Roadtrip ohne Plan, ohne Ziel, ohne Geld und ohne Familie. Immer schon hat sein Vater ihm das Gefühl gegeben, nicht genug zu sein. Dann der Tod des Vaters, der Jobverlust, das Gefühl, sein Leben nicht mehr im Griff zu haben: Erwin reicht es. Er sehnt sich nach dem unverfälschten, echten Leben in der Wildnis, bricht mit allen Regeln und Konventionen und verschwindet einfach aus dem Leben seiner Familie.Zunächst wirkt es so, als hätte Erwin einfach nur genug von seinem gewohnten Leben. Sein Wunsch nach Freiheit ist für mich greifbar, auch dass er das Gefühl hat, diese nur draußen in der Natur zu erreichen. Wer ist der Mensch, wenn er sich frei und ohne Regeln bewegt? Diese Frage stellt die Autorin immer wieder. Ich habe mich gefragt, ob dieser Wunsch nach Freiheit unabhängig von der Krankheit ist oder in Beziehung steht. Das wird bis zum Schluss nicht deutlich, wenn sich sogar die Kinder fragen, ob sie Erwin nicht lassen hätten sollen. Denn am Ende wirkt er lustlos, desinteressiert und lässt jegliches Feuer vermissen. Interessant ist für mich auch, dass ich Erwin und seinen Wunsch nach Freiheit auch ohne die psychische Erkrankung nachvollziehen konnte, da großer Druck auf ihm lastet. Ich habe mit Erwin mitgefühlt, als er sich nach Pflanzen und feuchter Luft gesehnt hat, als er raus wollte aus dem grauen, kleinen Raum. Ich habe richtig gespürt, wie beengt er sich fühlt.Doris Wirth erzählt ihr Familienpanorama aus unterschiedlichen Perspektiven: Wir lesen nicht nur über Erwin, sondern auch aus der Sicht von Maria, Lukas und Florence. Das ist besonders eindringlich, da wir erfahren, wie sich Erwins Verhalten auf alle auswirkt und wie die Beziehungen untereinander sind. Dabei hat jede Figur für sich ihre Probleme und Sorgen und ist auf der Suche nach dem Platz in der Welt. Besonders Lukas konnte ich gut verstehen, er bäumt sich immer wieder leise gegen den Vater auf, ist rebellisch und hat eine vollkommen unterschiedliche Vorstellung vom Leben. Beide Parteien haben es schwer, aufeinander zuzugehen und Gemeinsamkeiten zu entdecken.Dabei erzählt die Autorin unaufgeregt, nicht übertrieben, und dadurch besonders authentisch und glaubwürdig, als würde man über eine Familie aus der Nachbarortschaft lesen. Besonders gefallen hat mir, dass sich Form und Inhalt des Buches angleichen. Je manischer, lauter, verwirrter Erwin am Ende seiner Reise wird, desto unvollständiger und abgehackter werden die Sätze im Buch. Dadurch werden die Geschehnisse temporeich erzählt und man hat das Gefühl, sich direkt in Erwins Gehirn zu befinden. Das hat mich beim Lesen sehr begeistert und macht das Buch einzigartig."Findet mich" bleibt vor allem aufgrund seiner Authentizität in Erinnerung. Es ist eine tragische Geschichte, die zum Nachdenken anregt. Ich habe diese außergewöhnliche Familiengeschichte sehr gerne gelesen und kann das Buch wärmstens empfehlen.