
Deutschland in der Mitte Europas: 500 Jahre Ringen um Krieg und Frieden
Die deutsche Außenpolitik der Gegenwart steht in historischen Traditionen. Über Jahrhunderte war die Mitte Europas Ort der Auseinandersetzung um Frieden und Vormacht. Krieg und Gewalt waren - und sind - Teil dieser Geschichte. Im Scheinwerferlicht der Zeitenwende ein Buch von höchster Aktualität. So wichtig eine verteidigungsfähige Bundeswehr ist, so wenig dürfen Außenpolitik und Diplomatie in den Hintergrund treten, wenn man dem Friedensgebot des Grundgesetzes gerecht werden will. Eckart Conze verbindet in seinem starken geschichtlichen Abriss das Streben nach Frieden mit der Gewalt des Krieges. In historischer Perspektive geht es um die Frage nach deutschen Interessen und der deutschen Rolle in Europa und der Welt.
Besprechung vom 30.06.2026
Vierhundert Jahre und kaum Frieden
Eckart Conze hat eine souveräne Geschichte Deutschlands in der internationalen Politik seit 1648 geschrieben
Es ist immer etwas heikel, ein ganzes Werk - zumal eines von über 500 Seiten - von seinem Titel aus zu deuten. Im Falle des neuen Buchs von Eckart Conze ist es angebracht. Denn was der Marburger Zeithistoriker in seiner Geschichte der "Deutschen zwischen Kriegsgewalt und Friedenssuche" seit 1648 zu erzählen hat, ist mit "friedlos" zweifellos treffend überschrieben. Es geht um Instabilität, Unsicherheit, europäische wie globale Unordnung und eben kriegerische Gewalt. Mit wirklichem Frieden, einem Frieden also, der über die bloße Abwesenheit von Krieg hinausginge, hat diese Geschichte tatsächlich wenig zu tun. Eher fühlt man sich bei der Lektüre an Eric Hobsbawms Charakterisierung der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts als "Katastrophenzeitalter" erinnert - nur dass es hier eben nicht um fünfzig, sondern fast vierhundert Jahre deutscher Geschichte geht.
Angelegt ist das Buch als eine Geschichte Deutschlands in der internationalen Politik. Insofern steht es in einer Reihe mit den Gesamtdarstellungen der deutschen Außenpolitik im 19. und 20. Jahrhundert, wie sie Klaus Hildebrand oder Gregor Schöllgen vorgelegt haben, nur dass Conze mit seinem Beginn im Dreißigjährigen Krieg noch einmal deutlich früher ansetzt. Die erhebliche Aktualität des Buches ergibt sich aus dem Zusammenbruch der nach 1945 begründeten internationalen Ordnung, wie wir ihn heute erleben. Angesichts dessen sei es an der Zeit, so Conze, über das komplexe Verhältnis von "Krieg und Frieden", von "Kriegsgewalt und Friedenssuche" neu nachzudenken. Seine Geschichte ist insofern auch ein historischer Kommentar zur "Zeitenwende".
Dabei beginnt das Buch durchaus hoffnungsvoll. Mit "Friedenslob und Krieges Leid" des schlesischen Dichters Andreas Scultetus zitiert Conze ganz am Anfang seiner Darstellung ein Werk, in dem mitten im Dreißigjährigen Krieg die Hoffnung auf Frieden präsent geblieben war. Doch als es 1648 nach drei Jahrzehnten Krieg endlich so weit war, entstand eben kein dauerhafter Frieden, sondern eine Ordnung, deren Brüchigkeit in den gefundenen Regelungen bereits angelegt war. Die bis heute oft gehörte Rede vom "Westfälischen System", das mit dem Friedensschluss von 1648 grundgelegt worden sei, suggeriert eine Stabilität, die die Ordnung von Münster und Osnabrück nie hatte.
Auch an den Friedensbemühungen anderer Epochen betont Conze vor allem die Brüchigkeit. Zwar gesteht er dem auf dem Wiener Kongress 1814/15 vereinbarten Vertragswerk durchaus zu, mit der Orientierung am Recht oder einer neuen Art von Multilateralismus Prinzipien in die internationale Politik eingeführt zu haben, die auf Ordnung und Stabilität zielten. Doch von langer Dauer war das so geschaffene "Konzert", folgt man Conze, nicht.
Zu den bald einsetzenden Differenzen zwischen den Regierungen kam nicht nur, aber eben auch in Deutschland mit dem Nationalismus eine gesellschaftliche Kraft hinzu, die außenpolitisch das pure nationale Interesse immer mehr an erste Stelle rückte. Eine Trennung zwischen früher, friedlicher Bürgernation und späterem, zunehmend gewaltbereitem Nationalismus lässt Conze nicht gelten. Man müsse stattdessen von Anfang an von einer Ambivalenz des nationalen Denkens ausgehen, zu dem "fortschrittliche, friedlich-universalistische" Elemente ebenso gehörten wie "aggressive", "kriegs- und gewaltaffine".
Am Ende verschmolzen die Interessen der Nationalbewegung und Otto von Bismarcks preußische Machtpolitik in der Gründung des Reichs von 1871 im und durch Krieg. Die folgenden zwei Jahrzehnte bismarckscher Außenpolitik, lange von Historikern als diplomatisches Meisterstück gewürdigt, werden bei Conze ebenfalls von ihren sicherheitspolitischen Grenzen aus betrachtet. Vor allem mangelte es dem Kanzler an einem Konzept für eine dauerhafte internationale Ordnung. Statt um Frieden in diesem Sinne ging es Bismarck um die Verbesserung der deutschen machtpolitischen Position auf Kosten der anderen. Der Übergang zur wilhelminischen Welt- und Machtpolitik war damit fließend, der Erste Weltkrieg, dessen Entstehung Conze ausführlich und sehr differenziert schildert, in manchem schon Jahrzehnte zuvor angelegt.
Lichtblicke gibt es bei Conze auch im 20. Jahrhundert nur wenige. Er widersteht damit insbesondere der Versuchung, die Jahrzehnte nach 1945 zumindest für die Bundesrepublik nachträglich zu einer Epoche zu verklären, in der die Deutschen nach langen historischen Verirrungen endlich auch für sich selbst in einer friedvollen Welt ankamen. Die Bilanz des Kalten Krieges blieb stattdessen gemischt. Sicher, der "große Krieg" wurde vermieden, aber die gegenseitige Vernichtungsdrohung bestand weiter, und blickt man nicht nur auf Europa und das Verhältnis der beiden Supermächte zueinander, wurde im Kalten Krieg sehr wohl Krieg geführt.
Hier fügt sich die Epoche nach Ende des Kalten Krieges ein, für die Conze zu Recht darin erinnert, dass das wiedervereinigte Deutschland mit dem Golfkrieg von 1990/91 sofort mit Krieg konfrontiert wurde. Und so ist es bis heute geblieben. Die internationale Ordnung, die sich Ende der 1980er Jahre so fundamental zu ändern begann, tat dies von Anfang an keineswegs nur friedlich.
Eckart Conze hat eine souveräne Geschichte Deutschlands in der internationalen Politik seit 1648 geschrieben, der man die lange Beschäftigung des Autors mit dem Thema immer anmerkt. Gekonnt werden die verschiedenen Stränge einer internationalen Geschichte verknüpft. Conze schreibt sowohl eine Geschichte der Entscheidungen staatlicher Akteure als auch eine der gesellschaftlichen Kontexte sowie von Ideologien und deren Wirkungen auf die Außenpolitik.
Die Darstellung ist dabei keineswegs auf eine deutsche Perspektive beschränkt. Vielmehr wird die europäische, ja die globale Ebene stets mit berücksichtigt. An manchen Stellen geschieht dies so stark, dass der nationale Fokus gegenüber der allgemeinen Weltpolitik sogar ein wenig aus dem Blick gerät. Aber das ist kein Mangel angesichts einer historiographischen Tradition, die gerade das Deutsche Reich außenpolitisch lange viel zu stark ins Zentrum gerückt hat. So im Mittelpunkt der internationalen Politik - das ist eines der vielen Dinge, die man aus der Lektüre mitnimmt - stand selbst das Deutsche Reich vor 1914 nicht.
Waren aber die vier Jahrhunderte wirklich durchgehend so "friedlos", wie es Conzes lange Vorgeschichte der heutigen Friedlosigkeit suggeriert? An manchen Stellen seien dann doch Zweifel angebracht. So erscheinen die im europäischen Konzert sicher vorhandenen Spannungen gegenüber der in ihm erstmals angelegten Institutionalisierung der internationalen Beziehungen doch sehr stark betont. Auch dass Conze an Bismarcks Diplomatie kaum ein gutes Haar lässt, ebnet den Unterschied zur Außenpolitik der wilhelminischen Reichsleitung am Ende zu stark ein. Dagegen werden die vielen historischen Ambivalenzen des Kaiserreiches, dessen Gesellschaft keineswegs so eindeutig auf den Krieg zusteuerte, zu wenig beachtet. Hier wären durchaus andere Gewichtungen möglich gewesen. Doch Conze ist auch ein streitbarer Historiker. An seiner Interpretation des Kaiserreichs wird dies am stärksten deutlich.
An anderen Stellen ist Conzes Ansatz, vor allem die Brüchigkeit internationaler Ordnungen zu betonen, aber auch für heute sehr erhellend. Gerade was unseren Blick auf die internationale Ordnung nach der Wiedervereinigung anbelangt, ist es ohne Zweifel richtig, daran zu erinnern, dass der Krieg eben nicht erst 2022 nach Europa zurückkehrte. Wirklich stabil war der Frieden, so gesehen, auch nach 1990/91 höchstens in Teilen des Kontinents. Unter globaler Perspektive, auch das zeigt Conzes gelungene Synthese, war er es nie. FRIEDRICH KIESSLING
Eckart Conze: Friedlos. Die Deutschen zwischen Kriegsgewalt und
Friedenssuche. Von 1648 bis heute.
Deutscher Taschenbuch Verlag,
München 2026.
576 S.
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