
Besprechung vom 06.12.2025
Schwarz wie Schnee
Sebastião Salgado hat dem Eis erstaunlich dunkle Töne abgewonnen. In das Pathos seiner Fotografien mischt sich hier und da Ironie, weil sich auch die Natur kleine Scherze erlaubt.
Von Matthias Alexander
Manchmal erlaubt sich die Natur ihren Bewunderern gegenüber kleine Scherze , wie etwa bei der Gestaltung eines Eisbergs im Weddell-Meer vor der Antarktis. Hoch oben thronte ein beinahe gleichmäßiger Kubus, der geradezu unheimlich an eine mittelalterliche Burgruine erinnerte, und zu dieser führte ein Eisbogen, der einer Zugbrücke ähnelte. Im Jahr 2005 hat der brasilianische Fotograf Sebastião Salgado dieses Doppelsinnbild der Vergänglichkeit aufgenommen. Vier Jahre später gelang ihm eines seiner bekanntesten Bilder; es zeigt eine Gruppe Pinguine, aufgereiht an der Kante eines Eisbergs, um sich einer nach dem anderen mit graziös gespreizten Stummelflügeln ins Meer vor den Südlichen Sandwichinseln zu stürzen. Einer ist gerade abgesprungen und wird gleich ins eisige Wasser eintauchen, doch der, der als Nächster dran ist, hat sich umgedreht, wie ein Kind, das auf dem Dreimeterbrett im Freibad der Mut verlassen hat. Sein leicht vorgebeugter Hintermann scheint ihn zu ermahnen, sich nicht so anzustellen.
In der Welt, wie Salgado sie sieht, sind Spuren von Humor, und lägen sie auch nur in den Augen des Betrachters seiner Bilder, sehr wohltuend. Denn der brasilianische Fotograf hat in seinem Werk stets auf starke Kontraste gesetzt, das Dramatische ist sein Element, Pathos sein Metier. Auch deshalb hat er schwarz-weiß fotografiert. Salgado hatte zunächst als weltläufiger Fotoreporter Karriere gemacht, er gehörte zur legendären Agentur Magnum. Als er in den Neunzigerjahren Zeuge immer monströserer Kriegsverbrechen wurde, verlor er mit dem Glauben an die Menschen auch das Zutrauen in die Fotografie - bis er sich der belebten und unbelebten Natur zuwandte und das Reisen wieder aufnahm.
In acht Jahren unternahm er zweiunddreißig Reisen in alle Welt und fotografierte Landschaften und die dazugehörigen Menschen dort, wo beide ihrem ursprünglichen Zustand noch nahe sind. Unter dem Titel "Genesis" sind die Ergebnisse dieses Großprojekts als epochemachendes Buch veröffentlicht worden. Der nun erschienene Band "Gletscher" ist eine Vertiefung des Projekts "Genesis", manche Aufnahmen aus den Jahren 2005 bis 2011 waren dort schon publiziert, andere nicht. Lélia Wanick Salgado, die Frau des im Mai im Alter von 81 Jahren gestorbenen Fotografen, hat als Herausgeberin auf 128 Seiten Bilder von Gletschern und artverwandten Eisformationen versammelt, die Salgado auf Reisen nach Argentinien, Chile, Kanada, Bhutan, Kamtschatka und eben in die Antarktis aufgenommen hat.
Wer glaubt, dass Schnee und Eis weiß oder durchscheinend seien, wird hier eines Besseren belehrt. Gefrorenes Wasser kann bei Salgado jede Graustufe bis hin zu Schwarz annehmen. Ebenso groß ist der Formenreichtum: Von samtig-glatt über rhythmisch-strukturiert bis zu chaotisch-verworren reicht das Spektrum der Erscheinungsformen, das mit den gezackten Berglandschaften im Hintergrund wechselweise kontrastiert oder deren Gestalt variiert, oft modelliert von einer tief stehenden Sonne. Immer wieder aber reicht schon ein diffuses Licht aus, die gewünschte Steigerung ins Erhabene zu erzielen.
Von Menschen findet sich in "Gletscher" fast keine Spur, es ist nicht ihr Habitat. Auf zwei Bildern ist ein Segelschiff zu sehen, ganz klein in der lebensfeindlich anmutenden Umgebung der Antarktischen Halbinsel; an Bord des Zweimasters, noch viel kleiner, ein paar Menschen, nur in Umrissen zu erkennen. Auch die Tierwelt macht sich rar: Gerade einmal zwei Robben, zwei Sturmschwalben, ein Kondor sind zu sehen. Allerdings sind da noch die Pinguine; so oft tauchen sie auf, dass man fast von einer Obsession Salgados sprechen möchte. Meist werden sie in großen Gruppen gezeigt, beinahe wie eine Volksversammlung, weitläufig verteilt in der Landschaft. Es kommt der Gedanke auf, dass der Fotograf sie als Wesen versteht, an denen sich die Menschen ein Vorbild nehmen sollten; jene Menschen, die am Ende eben doch überall präsent sind in den Bildern dieser abgelegenen Landschaften, weil sie sie mit ihrem Lebensstil zugrunde richten.
Ob solche Überlegungen Projektion sind oder sie Salgado tatsächlich bewegt haben, erfährt der Leser des Buches nicht. Ein kundiger Kurzessay einer Klimawissenschaftlerin zur Bedeutung der Gletscher für das Weltklima und die Wasserversorgung von Milliarden Menschen, der das Buch einleitet, legt es nahe. Zu den Fotografien und ihrer Entstehung gibt es nur denkbar knappe Angaben über Aufnahmeort und -jahr. Das ist ein wenig schade, aber andererseits passt es zur Verschlossenheit der gezeigten Landschaft.
Sebastião Salgado: "Gletscher".
Hrsg. von Lélia Wanick Salgado. Prestel Verlag, München 2025. 128 S., Abb., geb.
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