
Besprechung vom 01.11.2025
Schweigen zum Krieg
Fabio Andinas Roman "Sechzehn Monate"
"Jetzt bin ich hier, es ist vorbei." Mehr wollte Giuseppe zu der Zeit seiner Abwesenheit nicht sagen. Vehement wehrt er sämtliche Fragen ab, als er im Juli 1945 wieder in seinen norditalienischen Heimatort Cremenaga zurückkehrt. Sein Enkel, der 1972 geborene Fabio Andina, achtet diesen Wunsch - und schafft es gerade dadurch, in seinem Roman "Sechzehn Monate" eine neue Perspektive in die Darstellung von Kriegsleiden zu bringen.
Andina benennt die Eckdaten, die Giuseppes Leben in diesem Zeitraum prägen: Angehörige der SS verhaften ihn, er wird ins Konzentrationslager Mauthausen gebracht, wo er als Arbeiter eingesetzt wird, nach der Befreiung des Lagers durch die Amerikaner schlägt er sich zu Fuß nach Italien durch. Diese rund knapp anderthalb Jahre dokumentiert Andina nicht, sondern fängt sie in schlaglichtartigen Momenten ein. "Die genagelten Bergschuhe meiner Bewacher hämmern auf den Marmor. Meine nassen Strümpfe hinterlassen Abdrücke, und ein starker Tabakgeruch hängt in der Luft." Mehr Zeilen benötigt der ausgebildete Filmwissenschaftler nicht, um die abrupte Überfallverhaftung weg vom sonntäglichen Mittagstisch wiederzugeben, bei der Giuseppe nicht einmal die Zeit bleibt, seine Schuhe anzuziehen.
Andina versucht - und auch hier kommt ihm sein Filmblick zugute -, eine Doppelperspektive einzunehmen: Er behält zusätzlich Giuseppes Frau Concetta mit den beiden kleinen Kindern Benedetto und Maria Pia im Blick. Indem Andina abwechselnd dem Ich-Erzähler Giuseppe und dem nachgeborenen Enkel das Wort überlässt, gelingt ihm eine Literarisierung des historischen, weitgehend bekannten Stoffs, die überraschende Denkanregungen mit sich bringt.
Concetta hatte in diesen sechzehn Monaten stets ein Gedeck für Giuseppe auf den Tisch gestellt, ihre Kinder speist sie mit gängigen Erklärungen ab. Insgeheim schreibt sie Briefe an ihren Mann, um ihrer Unwissenheit und Erschöpfung etwas entgegenzusetzen. Giuseppe kennt nur noch Zahlen, den "Eisenbahnwaggon 54", die "Häftlingsnummer 2124" und die "zweihundertsechsundfünfzig Zähne" des Sägeblatts, sie vor allem zählt er ab, "Zahn für Zahn, ein Rosenkranz aus Stahl". Am Himmel hält er nach einem bestimmten Stern Ausschau, den das Paar als den seinen betrachtet. Auch er führt mit Concetta ein stummes Zwiegespräch.
So eröffnet sich die Lesart, die beiden hätten einander bereits alles gesagt. Es deutet sich aber auch - womöglich gegen Andinas Absicht - eine Möglichkeit an, die Schweigemechanismen innerhalb einer Familie besser nachzuvollziehen, also auch jenes Schweigen, das mit dem Wunsch einhergeht, etwas zu verbergen.
Andina zeichnet die Angehörigen seiner Familie warmherzig, aber nicht undifferenziert. Giuseppe wird denunziert, weil er Juden über die Tresa bringt, sie buchstäblich durch das eiskalte Wasser schleppt. Sein Antrieb ist jedoch nicht reine selbstlose Solidarität, denn er lässt sich die Hilfe bezahlen. Pietro, der ihn verrät, betreibt ein ähnliches Geschäft, kassiert aber doppelt ab. Er lässt sich von den jüdischen Familien Geld geben, bringt sie dann zu den Deutschen - und hält auch bei denen die Hand auf. Als er Giuseppe nicht für sein Unternehmen gewinnen kann, schaltet er den Konkurrenten auf diese Weise aus.
Nuancen dieser Art lassen den Roman an keiner Stelle verklärend oder lehrbuchhaft wirken. In einer unaufgeregt eleganten Sprache - im Deutschen in hervorragender Weise von Karin Diemerling nachempfunden - schildert Andina seine Großeltern. Wenn er auch Concettas Innenleben ausleuchtet, zeigt sich darin zwar ein Herangehen aus dem Hier und Heute, doch gerät ihm dieses nie anmaßend. Stattdessen folgt er behutsam jenen Versuchen, in einem Klima von Gewalt und Bespitzelung das eigene Ich nicht zu verraten.
Noch nach der Befreiung des Konzentrationslager durch die Amerikaner beteuert Giuseppe auf dem Weg zurück nach Italien, "ich traue keinem hier" - doch auf Concetta und seine Familie fällt nie ein Schatten des Zweifels. Selbst in diesem Klima ist es mitunter möglich, vor falschen Einflüsterungen die Ohren zu verschließen. CHRISTIANE PÖHLMANN
Fabio Andina: "Sechzehn Monate". Roman.
Aus dem Italienischen von Karin Diemerling. Rotpunktverlag, Zürich 2025. 216 S., geb.
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