
Baumhäuser sind seit jeher Orte der Sehnsucht: Sinnbilder endloser Sommer, stille Rückzugsorte, Brücken zwischen Mensch und Natur. Heute mehr denn je sind sie Ausdruck eines neuen Lebensgefühls - architektonische Kleinode, die moderne Gestaltung mit nachhaltigem Denken verbinden. Diese Sammlung vereint kreative Selbstbauten ebenso wie konstruierte Werke internationaler Architekten - darunter Büros wie Snøhetta, BIG und Baumraum. Kein Entwurf gleicht dem anderen und doch teilen diese außergewöhnlichen Häuser alle dasselbe Ziel: uns der Natur ein Stück näherzubringen. Einige Häuser schmiegen sich auf Stelzen in die Baumkrone, ohne sie zu berühren, andere wachsen wie selbstverständlich aus ihr hervor. Wieder andere schweben frei im Blätterdach und manche Entwürfe nutzen den Baum als Inspiration für ihre eigene Form. In fünf Kapiteln entfaltet sich die ganze Vielfalt des Lebens unter Bäumen: verspielte Hütten, in denen Kinder toben und klettern; versteckte Rückzugsorte für Schreibende und Denkende; Beobachtungsplattformen mit weitem Blick ins Grüne; fantastische Ferienhäuser, die unsere eigenen Kinderträume wahr werden lassen. Und schließlich: Baumhäuser zum Wohnen - als gelebte Utopien eines nachhaltigen Lebens im Einklang mit der Umgebung. Ob als Abenteuerplatz, Oase der Ruhe oder vollwertiges Zuhause: Jedes dieser 62 Häuser ist ein Beweis dafür, dass Glück nicht groß, sondern richtig gebaut werden muss. Sie führen uns zurück zu unseren Wurzeln und laden zugleich ein, den Blick zu heben. Denn auch wenn unsere Füße fest auf dem Boden stehen: In unseren Träumen darf es gern ein wenig höher hinausgehen.
Besprechung vom 19.10.2025
Das ist ja der Wipfel!
Kaum ein architektonischer Typus ist so alt und so aktuell wie das Baumhaus. Ein Bildband zeigt, wie Architekten den ewigen Sehnsuchtsort ins Heute tragen.
Von Florian Siebeck
Als Nerija und Jason Titus den Künstler Jay Nelson beauftragten, auf ihrem waldreichen Grundstück in den Bergen von Santa Cruz ein Baumhaus für die Kinder zu bauen, gefiel ihnen das Ergebnis so gut, dass daraus unversehens ein neues Problem entstand: Jetzt wollten sie nämlich auch eins.
Für Nelson, der in seinen Konstruktionen aus wiederverwertetem Holz große Ingenieurskunst mit seiner fast kindlichen Vorstellungskraft verbindet, war das kein Problem: Er baute einfach an. Über eine Hängebrücke gelangt man in das phantasievolle Gebilde, das sich leichtfüßig (und fast schraubenlos) zwischen die Redwoods schmiegt. Bullaugen öffnen den Blick in den Wald; ein Holzofen wärmt den kleinen Raum. Selbst ein Bett gibt es.
"Wir wollten unseren Kindern das Gefühl von Freiheit geben", sagt Nerija Titus. Und meint damit auch jenen archetypischen Ort der Sehnsucht, den das Baumhaus bis heute verkörpert, als Sinnbild endloser unbeschwerter Sommer und Zuflucht vor den Unbilden der Welt.
Lange waren Baumhäuser nicht mehr als provisorische Zufluchten, ihrer Natur nach ohnehin vergänglich. Inzwischen aber haben auch Architekten das Thema für sich entdeckt. Der neue Band "Modern Tree Houses" versammelt 62 bemerkenswerte Beispiele. Manche schmiegen sich auf Stelzen in die Baumkrone, ohne sie zu berühren, andere wachsen nonchalant aus ihr hervor. Wieder andere schweben frei im Blätterdach. Manche sind für Kinder, andere für Denker, manche heißen jeden willkommen. Obwohl kein Entwurf dem anderen gleicht, teilen sie alle dasselbe Ziel: den Menschen der Natur ein Stück näherzubringen.
"Die größte Freiheit für einen Erwachsenen ist es, wieder wie ein Kind zu sein, wenn auch nur für einen Moment", sagt die Architektin Fei Precht aus Österreich, die eines der Häuser im Buch entwarf - Bert, ein Baumhaus, das weniger an ein Haus erinnert als vielmehr selbst an einen Baum. "Im Wald ist man nicht mehr Mittelpunkt des Universums, sondern nur noch Teil eines größeren Ganzen."
Vielleicht liegt darin das eigentliche Geheimnis des Baumhauses. Wer es erklimmt, entzieht sich - im wörtlichen wie im übertragenen Sinn - der Schwerkraft des Alltäglichen. Je höher man steigt, desto leichter scheint die Welt unten zu werden. Letztlich sind Baumhäuser Orte, an denen Menschen erkennen, dass sie, trotz all ihres Hochmuts, auch nur Menschen sind.
Modern Tree Houses
von Florian Siebeck (Text) und Benjamin Wolbergs (Hg.)
Taschen, 376 S.
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