
Die letzte Reise zur heimatlichen Insel. Ein Sommer, überschattet von einer traurigen Gewissheit.
Ein paar Tage, vielleicht die letzten, möchte der alte Vater mit seinem Sohn auf der Insel seiner Kindheit verbringen. Sofort steigt der Sohn hinab aus den Bergen, die sein Zuhause geworden sind, um ihm den Wunsch zu erfüllen. Der Vater, ein Seemann, war selten zu Hause; der Sohn hat seinen eigenen Weg beschritten, dem Meer den Rücken gekehrt und doch verbindet die beiden eine schier grenzenlose Bewunderung und Zärtlichkeit, über die aber nie gesprochen wurde. Werden die beiden eine Sprache finden? Über der Reise liegt ein Schatten: Der Vater ist krank, sein baldiger Tod gewiss. Der Sohn will dem Vater die Diagnose vorenthalten, um dessen Mut nicht zu trüben. Beide versuchen sie, der sommerlichen Hitze, der geschwätzigen Verwandtschaft und ihren Ängsten zu trotzen.
»Die kurze Form erweist sich hier in ihrer ganzen Stärke. [ ] Ein schmales Buch [ ], das mit eigener Vielseitigkeit zu überzeugen weiß. «
Christiane Pöhlmann / FAZ
»Von einer klassisch anmutenden Schönheit, ergreifend, in der Tradition von Tolstois
Der Tod des Iwan Iljitsch
. Einer dieser wesentlichen Texte, die uns ein Autor im Laufe seines Schaffens schenkt, wenn die Wucht der Erinnerungen und Verletzungen durch die Klarheit des Stils und die Beherrschung der Gefühle gezähmt worden ist. «
Le Monde, Paris
»Eine bewundernswerte und schonungslose Geschichte über das Leben und den Tod. «
Claudio Magris
»In Giani Stuparichs Roman, der eine große lyrische Kraft entwickelt, steht die Erkundung der Psyche im Vordergrund. Manchmal wirkt
Die Insel
beinahe wie eine Psychoanalyse der Figuren. «
Circolo dei Libri, Camorino
»Eine lyrische Prosa im klassischen Stil, wie man sie heute kaum mehr liest. «
Il Riformista, Rom
»Mit präziser knapper Sprache reflektiert der Text die Angst vor Verlust und vorm Sterben. Ein wahres Kleinod, das es zu entdecken gilt. «
Jan Roidner / ekz Bibliotheksservice
Besprechung vom 09.04.2026
Wenn der Berg zum Meer kommt
In Giani Stuparichs "Die Insel" üben sich Vater und Sohn in tröstlicher Toleranz
Wir drucken nur Bücher, die wir selbst lesen können. Auch das ein schönes Verlagsmotto. Doch was tun, wenn die Fremdsprachenkenntnisse für die dicken Romane nicht ausreichen? Dieses Problem hat nämlich Daniel Kampa, der mit seinem Italienisch nach eigener Aussage nur ein schmales Buch lesen könnte. Selten dürfte ein Verleger seine Kurzatmigkeit derart überzeugend in Großherzigkeit verwandelt haben: Nach Carlo Cassolas "Ins Holz gehen" und Mario Rigoni Sterns "Tönle" bringt er nun ein drittes "schmales Buch" heraus, das mit eigener Vielseitigkeit zu überzeugen weiß.
Giani Stuparich (1891 bis 1961) weiß seinen Roman "Die Insel" in der Tat in ein ganzes Füllhorn zu verwandeln. Vordergründig mag die Geschichte um Vater und Sohn, ein Krebsgeschwür und einige Tage am Ort der Kindheit wie eine klingen, die schon allzu oft variiert wurde. Doch erstens kommt es auf das Wie an, und zweitens hält der Text einiges bereit, das über die genannten Stützpfeiler der Erzählung hinausgeht.
Sicher, auch Stuparich thematisiert den Rollentausch, wenn Kinder im Krankheitsfall ihre Eltern versorgen müssen, und spart Fragen nicht aus, wann eine Lüge Trost bietet, wann sie das Gegenüber durch Bevormundung entwürdigt. Was dabei sofort auffällt, ist sein Tonfall. Weder theoretisiert Stuparich noch wird er gefühlig. "Die Insel" erzählt eine buchstäblich todtraurige Geschichte, lädt aber nicht zum Mitschluchzen ein, sondern zum Mitfühlen und Mitdenken.
Ihren besonderen Reiz zieht sie aus der Gestaltung des Verhältnisses von Vater und Sohn. Die beiden könnten unterschiedlicher nicht sein: Der Vater liebt das Meer, der Sohn die Berge. Das gibt Stuparich nebenbei Gelegenheit, einige eindrückliche Landschaftsbilder zu zeichnen. Als der krebskranke Mann seinen Sohn bittet, aus den Bergen herunterzukommen, um ein paar Tage mit ihm auf der Insel seiner Kindheit zu verbringen, meint er, ihm ein "Opfer" abzuverlangen. Dieser Punkt macht den Text besonders reizvoll. Stuparich zeichnet sehr differenziert nach, wie die beiden Männer im Bewusstsein von tatsächlichen und imaginierten Erwartungen füreinander da sein wollen. Der Vater organisiert einen Ausflug zur Badestelle, an der sein Sohn als Kind gern gewesen ist. Doch dort angekommen, hat dieser "keine Lust zu baden, er wäre lieber bei seinem Vater auf der Terrasse der Badeanstalt geblieben. Aber ihm war klar, dass dieser Wunsch ihn verärgert hätte, und so sprach er ihn nicht aus."
Die beiden kommen einander entgegen, ohne sich dabei zu verbiegen. Sie erkennen die Stärken des anderen an, ohne ihm die Schwächen vorzuwerfen. Unzulänglichkeiten suchen sie eher bei sich selbst. Vor allem der Sohn zweifelt, der schwierigen Situation gewachsen zu sein. "Vielleicht verstand er es wirklich nicht, das Leben leichtzunehmen, und drohte für seinen Vater eher eine Last zu werden, statt ihm ein Trost zu sein."
Aus heutiger Sicht ergeben sich dadurch auch Momente, die Stuparich noch gar nicht bedacht haben konnte - dies ein weiterer guter Grund, zu älteren Werken zu greifen. Der Sohn verbietet dem Vater das Rauchen nicht; das war bei Erscheinen der "Insel" 1942, mitten im Zweiten Weltkrieg, kein Thema. Und was würde es auch ändern? Es ist vielleicht der letzte Genuss, den der Vater kennt.
Die Mutter wird erstaunlicherweise mit keinem Wort erwähnt, und die weitgehende Abwesenheit des Vaters in der Kindheit des Sohns dient nicht als Anlass, die Beziehung zu traumatisieren. Ohne oberflächlich zu sein, schätzen die beiden einander und haben sich nichts zu vergeben. Damit unterläuft der Text teils heute gängige Sichtweisen und Bewertungsmuster für (verwandtschaftliche) Beziehungen. Gerade das lässt ihn zu einem probaten Spiegel werden, der den Blickwinkel entweder grundlegend ändern oder in Vergessenheit geratene Reaktionsmöglichkeiten in Erinnerung rufen kann.
Und Daniel Kampa? Vielleicht ist ihm zu wünschen, das Training an schmalen Büchern möge ihn nicht für die Langstrecke dicker Romane qualifizieren. Die kurze Form erweist sich hier in ihrer ganzen Stärke. CHRISTIANE PÖHLMANN
Giani Stuparich: "Die Insel". Roman.
Aus dem Italienischen von Renate Lunzer. Kampa Verlag, Zürich 2026. 112 S., geb.
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