
Besprechung vom 20.12.2025
Sein frivofiktiofragillistisches Gastgelage
Wucht und Witz auch noch nach 650 Jahren: Das Werk von Giovanni Boccaccio, vorgeführt in zwei Neuübersetzungen und einer Biographie
Von Christiane Pöhlmann
Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Wer zunächst ein wenig im gerade von Luis Ruby frisch ins Deutsche übersetzten "Decameron" von Giovanni Boccaccio blättert (Manesse, München 2025. 880 S., geb., 98,- Euro), stößt bald auf die Bildbeigabe zur zweiten Novelle des neunten Tages. Ein Paar, Priester und Nonne, im Kuss vereint. Sofort ist alles präsent: die Werbekampagnen für Benetton, deretwegen teils Gerichte zusammentreten mussten. Schlagartig wird auch klar: Es funktioniert. Das Foto taugt nicht nur zu kommerziellen Zwecken im zwanzigsten Jahrhundert, sondern auch hervorragend als Kommentar zu einer Erzählung aus dem vierzehnten Jahrhundert. Warum? Was genau ist das verbindende Element?
Das Stichwort, das sich aufdrängt, lautet "Provokation". Oliviero Toscani, vor dessen Linse das klerikale Kusspaar stand, hat stets darauf beharrt, Kunst müsse provozieren, sonst sei sie bloß belanglose PR. Ijoma Mangold fragt im Nachwort zum neuübersetzten "Decameron", ob es Boccaccio mit seinen erotischen Schilderungen um die bewusste "Überschreitung einer Grenze" gehe. Auch Franziska Meier kommt in ihrer zum 650. Todestag erschienenen Biographie des italienischen Schriftstellers ("Giovanni Boccaccio. Dichter in schwarzen Zeiten". Eine Biographie. Verlag C. H. Beck, München 2025. 415 S., geb., 32,- Euro) rasch auf dessen Skandalpotential zu sprechen: Das "Decameron" gelte laut dem "New Yorker" als eines der "säuischsten Bücher".
Ist es mit dieser Antwort getan? Keineswegs. Boccaccio hat zwar in der Tat mit seinem "Decameron" an zehn Tagen, die die Welt erschütterten, die bis dahin gültige Ordnung gewaltig aus den Fugen gebracht, doch es ging ihm mit seiner Provokation nie um eine pornographische.
Giovanni Boccaccio, 1313 in der Toskana geboren, hatte bereits einiges an literarischen Werken geschaffen, als er sich mit gut dreißig Jahren an seine heute legendäre Novellensammlung machte. Schon in der Bezeichnung klingt das Neue der literarischen Gattung an, die sich nur schwer definieren lässt. Am ehesten nähert man sich ihr über den Vergleich. Von dem im Mittelalter verbreiteten kurzen Formen zeigte das Fabliau der Novelle den Weg auf. Diese schwankartige Erzählung wurde zwar noch in Versen vorgetragen, lieferte mit ihren satirischen, frivolen und espritreichen Momenten aber Werkzeuge, die Boccaccio gern übernahm. Eine zweite zentrale Rolle spielte für ihn das Exemplum, gegen das er sich abgrenzte. Diese Form hielt zu vorbildlichen Taten an und bejahte die bestehende Ordnung. Boccaccio schaltet am vierten Tag den Novellen eine kurze exempelhafte Erzählung von einem streng gottesfürchtigen Mann vor, erzählt sie aber nicht einmal zu Ende: zu viel Einfalt, zu wenig Einfall.
Die derben Streiche oder Ehebruchgeschichten im "Decameron", aber auch in anderen Novellensammlungen aus seiner Feder sind daher kein Zufall. Ihnen wohnt ein sinnesfreudiges, spöttisches Moment inne, das jedoch nie Selbstzweck ist. Worum es Boccaccio ging, lässt sich gut an einer der bekanntesten Novellen aufzeigen, auch dies mit einem Vergleich. Die 73. Erzählung im "Novellino" berichtet von einem Sultan, der einem Juden Geld aus den Rippen leiern will. Üblicherweise repräsentieren solche Figuren Typen, ihre Handlung ist vorbestimmt, ein Abweichen vom Weg nur als Läuterung möglich. Ganz anders bei Boccaccio, der Persönlichkeiten entwickelt, ihnen Namen gibt und, dies vor allem, ihre Charaktere differenziert ausgestaltet. Damit sagt er jedem Schwarz-Weiß-Denken addio und lässt den modernen Menschen die Bühne betreten. Die beiden Charaktere könnten sich ein zweites Mal begegnen, und wer weiß, vielleicht wären ihre Worte und Widerworte dann andere. Eine Variante dieser Geschichte kommt rund vierhundert Jahre später mit der Ringparabel Lessings und dem Werben für religiöse Toleranz auf die Bühne.
Boccaccios Schritt hin zu einem komplizierteren Figurenbild stellt ihn literarisch vor Herausforderungen. Spannung muss erzeugt, raffinierte Wendungen wollen ersonnen, Entscheidungen als plausibel vermittelt werden. Der Stoff ist weniger entscheidend für den Erfolg als die Art des Erzählens. Für Boccaccio fielen Liebesglück und Dichtergeschick nicht so stark zusammen wie für seinen Freund Francesco Petrarca, aber auch er bekennt in einem seiner Sonette, wie sehr er schmachte und brenne, "mit so viel Feuer, dass, mit ihm verglichen / Vulcanus nur ein kleiner Funke wäre". Seine Novellen dürften ihm einiges abverlangt haben - doch wie ermattend ist das allzu Einfache.
All ihre Mühen hielten Petrarca und Boccaccio, diese beiden optimistischen Renaissance-Humanisten, für gerechtfertigt, dienten sie doch dazu, nach Zeiten der Finsternis endlich das Licht der Antike zurückzubringen. Das geistvolle Gespräch würde die Neugier des Menschen schüren und seine Sicht formen. Schon in Platons "Gastmahl", dem, wie es latinisiert heißt, "Symposium", rang man ja im Redenwettstreit um Ideen. Die Novellen im "Decameron" werden nicht nur in trauter Runde diskutiert, nein, oft genug ist die Frage nach Deutung der Ereignisse Teil der Erzählung.
Die Renaissance richtet einen Blick voller Verehrung zurück in die Antike. Wie wird jedoch von heute aus auf die Renaissance geblickt? Franziska Meier spiegelt in ihrer Biographie das Gestern im Heute, parallelisiert Pest und Corona, die Kleine Eiszeit und den Klimawandel. Die Darstellung ist gediegen, häufig aber trocken und letztlich allein auf Boccaccio konzentriert. Den nach ihm bedeutendsten Novellisten, Matteo Bandello, erwähnt sie nicht, obwohl er für Shakespeare eine wichtige Quelle war; auf außerliterarische kulturhistorische Entwicklungen geht sie erst recht nicht ein.
Ein Blick zurück auf die Renaissance kann jedoch auch zeigen, dass diese Rückwärtsgewandten für einen gewaltigen Schritt nach vorne gesorgt haben. Die Lektüre des "Decameron" führt vor Augen, dass zunächst die Heuchelei religiöser Würdenträger angeprangert werden musste, bevor die Kirche ihre Mitsprache bei der Gestaltung des Staates verlor. Oder Frauen mehr waren als bloß Adams Rippe. Dass sich solche Verkrustungen gehalten haben, beweist die Provokation, die von dem Werbeplakat mit Priester und Nonne ausging.
Die Novellen der Renaissance zeichnen mit ihrem Realismus jedoch nicht nur lebendige Bilder ihrer Zeit. Ihr Witz und Esprit garantiert ihnen als literarisches Werk auch eine lange Lebensdauer: Es bereitet auch heute schlicht Freude, sie zu lesen. Oder zu hören, denn Boccaccio kommt vom mündlichen Vortrag her. Das hat Louis Ruby in seiner mitreißenden Übersetzung beherzigt und, wie er es ausdrückt, an den alten Text einen "neuen Satz Ohren" gelegt. Vergleicht man seine Fassung mit der früher bei Manesse erschienenen, zeigt sich, dass die eine die andere nicht ausstechen muss, sondern neue Akzente setzt. Die alte Übersetzung von Gustav Diezel ist elegant, die von Ruby auf eine bestechend nonchalante, nur mühelos scheinende Art rhythmisch. Wo es bei Diezel als Gedicht herausgehoben heißt: "Schmutzig ist er und gefräßig, / Dumm vergeßlich und nachlässig, / Liederlich, gemein und faul, / Lug und Trug nur weiß sein Maul", belässt Ruby ganz wie im Original die Zeilen als Teil der direkten Rede, dichtet aber trotzdem: "Er ist faul, ein Schand- und Lügenmaul; nachlässig, aufsässig, gehässig; wenig verlässlich, äußerst vergesslich und an Manieren grässlich."
Der Lyriker Boccaccio ist weitgehend unbekannt. Nun sind erstmals auf Deutsch Sonette von ihm zu entdecken ("Auf einer Wiese, rings um eine Quelle". Aus dem Italienischen von Christoph Ferber. Dieterich'sche Verlagsbuchhandlung, Mainz 2025. 204 S., geb., 24,- Euro). Diese Form verlangt nach Strenge, lässt aber auch Freiheit. Unentbehrlich ist der Reim, der hierzulande von Andreas Gryphius bis Robert Gernhardt gepflegt wurde - Letzterer stellte bekanntlich sogar in entsprechender Gedichtform fest: "Sonette find ich so was von beschissen." Ohne Reim verlieren diese Texte ihren Reiz, dann lässt sich nur noch von translatorischer Überschreibung sprechen. Boccaccios Sonette reichen vom Trauergedicht für den Freund Petrarca über frivole Liebeslyrik bis hin zur Klerikalsatire.
Boccaccio ist im Winter gestorben. Am 21. Dezember 1375, morgen vor 650 Jahren. Zur kalten Jahreszeit schrieb er: "Zu Glas geworden sind heut Flüsse, Bäche, / und Eiseskälte lässt sie gleich erstarren; / mit weißem Schnee bekleidet sind die Berge, / die Ebenen sind weiß und nackt die Sträucher."
Literarisch bleiben wird er mit dem "Decameron". Die jüngste Übersetzung liefert für alle etwas: Sie ist reines Lesevergnügen, eignet sich aber auch bestens zum Vortrag zu zweit oder in geselliger Runde. Sie bebildert buchstäblich den geschichtlichen Hintergrund. Für seine letzte handschriftliche Fassung hatte Boccaccio ein besonders großes Papierformat gewählt, sodass die Blätter gut auf einen Stehpult gelegt werden konnten. Dieses Format ist dem der Bibel vergleichbar. Oder dem der aktuellen Neuübersetzung. Der Herausgeber Horst Lauinger, der sich schon bei den "Prosaischen Passionen" mit seinen Kurzbiographien der Autorinnen als Kenner der Weltliteratur empfohlen hatte, listet völlig frei von Verlagseigenwerbung in schierer Lesefreude auf, was nach Boccaccio kam: 225 Novellen aus dem neunzehnten, zwanzigsten und 21. Jahrhundert. Nimmt man diese Ausgabe zur Hand, kann es leicht passieren, dass der Tag in die Nacht bricht und es zum Schlafen wird zu licht. Und mit dem Blick in die Edition kann es nur heißen: "Ich habe was zu sinnen, / Ich hab', was mich beglückt: / In allen meinen Sinnen / Bin ich von ihr entzückt."
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