
Besprechung vom 22.04.2026
Zwischen Verklärung und Schrecken
Den Franzosen war Paroli zu bieten: Golo Maurer beschreibt die Entdeckung Olevanos durch junge deutsche Landschaftsmaler.
Wie konnte ein kleines, felsiges Städtchen im Hinterland von Rom, Olevano an den Hängen der Monti Prenestini, zum Sehnsuchtsort von jungen deutschen Malern werden? Nach seiner durch den Maler Joseph Anton Koch nobilitierten offiziellen "Entdeckung" für die Kunst im frühen neunzehnten Jahrhundert zog es scharenweise hoffnungsvolle, aber bettelarme junge Künstler aus ihrer vorübergehenden Wahlheimat Rom hinauf in die Berge.
Golo Maurer, Kunsthistoriker an der römischen Bibliotheca Hertziana, beschreibt die Gegend in seinem Buch als "ein Land der Aeneis hinter den Sieben Bergen, gattungsgemäß angesiedelt zwischen Vergil, dem Alten Testament und Grimmeschen Märchen". Olevano dient den romantischen Jünglingen als Projektionsort für Ursprünglichkeit, Unverdorbenheit und weibliche Anmut; der Aufenthalt dort wird gerne als Zeitreise in eine bessere Vergangenheit beschrieben und gemalt. Aber schon Zeitgenossen wie Wilhelm Waiblinger attestieren dem Ort und seinen Bewohnern eine auffallend hohe Kriminalitätsrate, Alkoholprobleme und einen rauen Umgang mit ihren Kindern. Spätere Maler wie Anton von Werner zeigen die Schattenseiten der Popularität für die Einwohnerinnen: "Am Brunnen von Olevano" 1875 erwarten bereits zudringliche Maler das Eintreffen der jungen Mädchen. Der englische Karikaturist Penry Williams bevölkert 1839 den Weg nach Olevano mit Malern, die sich überall, auf Felsvorsprüngen, Wiese und Bäumen, zum Zeichnen niedergelassen haben.
Es waren deutsche Landschaftsmaler, die sich für Olevano und sein Umland begeisterten, keine wirklich berühmten oder berühmt gewordenen, dafür starben sie fast ausnahmslos in zu jungen Jahren, oft schon in ihren Zwanzigern, kaum einer erreichte das Alter von Vierzig. Der Aufenthalt hatte seine Tücken, er war, so Maurer, künstlerisch und biographisch für die jungen, im Vergleich zu ihren französischen Kollegen oft sehr rudimentär ausgebildeten Maler desaströs. Italien und Rom lockten nicht nur wegen ihrer Geschichte und Kunst. Die jungen Leute konnten hier ein Stück weit den beengten, restaurativen Verhältnissen zu Hause entfliehen: Man lebte und kleidete sich in Rom nach Gusto und legte sich eine als deutsch empfundene Künstlertracht zu, die zum Beispiel in Bayern als Ausdruck der Rebellion verboten war: Barett, langer Überrock und ein Knebel- oder Schnurrbart zierten die ansonsten gezielt ungepflegt daherkommenden jungen Maler.
Auch ansonsten gerierte man sich im Caffè Greco, der ersten Anlaufstelle für Künstler im Rom, recht "deutsch", um sich von den konkurrierenden Franzosen abzuheben: Man arbeitete mit dem Bleistift und konzentrierte sich auf die sorgfältig ausgearbeitete Feinzeichnung von Blättern, Gräsern, Baumrinden. Und dass man sich ausgerechnet auf die niedrig angesehene Gattung der Landschaftsmalerei als Inbegriff der deutschen Seele verlegte - Landschaftsbilder wurden in der ersten Zeit von ihren Besitzern nur verschämt als "Supraporten" über der Tür angebracht -, sieht Golo Maurer, von dem man all diese Details erfährt, scharfzüngig als ein Pendant zur Untertanenmentalität an. Zwischen der gering geschätzten Gattung und den Deutschen bestünde eine geheime Verwandtschaft in der beiden gemeinsamen Subalternität.
Die Landschaft um Olevano indes stellt an die jungen Maler nie gekannte Anforderungen. Der Autor, der im Nachwort seine eigene Erkundung des heutigen Olevano beschreibt, weiß sie trefflich zu schildern. Maurer, der in seinem Buch auch den Lebensweg des jungen Malers Franz Horny verfolgt, besucht die Casa Baldi, dort hatte sich der bereits schwer erkrankte Horny bis zu seinem Tod aufgehalten. Die Aussicht von der Terrasse der Casa zeigt die große Aufgabe bei der malerischen Erfassung der Landschaft, dieser "Mischung aus scharfer Zeichnung der Höhenlinien und dem rauchigen Verschwimmen der Massen". Doch so schön die Landschaft sein mag, so ungesund sind die Wohnverhältnisse und die Lebensumstände der Maler: Sie sterben wie der gerade einmal sechsundzwanzigjährige Horny nach Blutstürzen an der Tuberkulose, ertrinken beim Baden oder wählen aus Verzweiflung den Suizid.
Von einigen, wie von Horny, ist Vielversprechendes erhalten geblieben, so eine lavierte Federzeichnung von Bäumen, deren Wurzelwerk über eine durch Erosion abgerutschte Grasnarbe über einem Hohlweg ragt. Golo Maurer sieht in dieser so bescheiden wie genau daherkommenden Studie ein Gegenstück zu den zeitgleich agierenden Nazarenern, die sich katholischen Themen zuwenden und biblische Szenen in der Landschaft von Olevano und Umgebung spielen lassen. Über Jahrzehnte wurden die Vorstellungen der Deutschen von Palästina durch diese Ansichten geprägt. Hornys Naturskizze dagegen würde das zeitgenössische Lebensgefühl der romantischen Künstler seiner Zeit weitaus besser widerspiegeln, denn der Abgrund beginnt manchmal schon am Wegrand dicht vor unseren Füßen.
Die Hinwendung zur vordergründig schönen, aber doch auch bedrohlichen Landschaft in einer oft unwegsamen Umgebung, der sich die jungen Maler aussetzten, war ein Novum, und ihr künstlerischer Weg unterschied sich im Changieren zwischen Verklärung und Schrecken von den Bildern ihrer französischen oder italienischen Kollegen. Ihre Nachfolger in den kommenden Jahrzehnten - denn noch eine ganze Weile blieb der Ort für junge Maler ein Anziehungspunkt - bewegten sich nach dieser ersten Generation bereits auf gesichertem Terrain: Ihre Vorgänger hatten die Möglichkeiten erkundet, das Neue neu darzustellen.
Golo Maurers liebevolle Bildbeschreibungen, aber auch die Darstellung der kommunalen Besonderheiten kleiner italienischer Städte sind aufschlussreich, ebenso wie die vielen Details zu praktischen Belangen, etwa dem Anrühren von Ölfarben oder den baulichen Besonderheiten der ländlichen Architektur.
Manchmal allerdings wirkt das angenehme Geplauder zu geschwätzig, da müssen immer wieder die "sieben Berge" oder hemdsärmelige Metaphern aus der Milchwirtschaft oder der Wurstherstellung für die Beschreibung des künstlerischen Produktionsprozesses herhalten oder allzu modisch Vergleiche aus der digitalen Welt herhalten. Das wäre nicht nötig gewesen, denn der Autor recherchiert ausgiebig, kann berückend anschaulich schreiben und zeigt, wie weit Sehnsucht, Projektion und Lebensumstände auseinanderliegen - und wie sie dennoch trotz aller Missverständnisse künstlerisch fruchtbar gemacht werden können. ANDREA GNAM
Golo Maurer: "Olevano". Als ein paar romantische Aussteiger in Italien die deutsche Kunst erfanden.
C. H. Beck Verlag, München 2026.
384 S., Abb., geb.,
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