
Besprechung vom 25.04.2026
Er will gelesen werden, nicht gelesen sein
Werbung für den Nationaldichter: Gustav Seibts schön komponiertes Vademecum "Ein Sommer mit Goethe"
Weil Goethe ein unerschöpfliches Thema ist, wuchern Bücher über ihn gerne ins Opulente aus. Dennoch bleibt der Kern der Sache ein bisschen im Nebulösen. Das ermutigt dann wieder den nächsten Biographen. Und immer so fort. Ein Geist wie Goethe ist schwer zu fassen. Vielleicht verzichten deshalb mittlerweile gar nicht so wenige Lehrer, die hierzulande Türen zu universitärer Bildung öffnen, ganz auf die Vermittlung auch nur spärlicher der so wundervoll unikat in Worte gefassten Gedanken des Gelehrten, Autors und Beamten, des wohlhabenden Bürgersohns, der für mehr als 50 Jahre als fürstlicher Favorit in Weimar lebte. Man kann die hinter diversen Pragmatismen verborgene Gedankenfaulheit der Pädagogen bedauern oder die daraus gewachsenen Bildungslücken skandalös finden. Das ändert nichts. Es ist, wie es ist.
Den ausgewiesenen Goethekenner Gustav Seibt hat das jedoch zum schönstdenkbaren Sachbucheinstieg bewogen: "Es ist keine Schande, Goethe nicht gelesen zu haben. Es ist nur schade, und man kann es ändern." Mit seinem Buch.
Seibt weiß nur zu genau, dass heute Halbwissen über den Lebenslauf Goethes dessen Lektüre ersetzt, weil es genügt, um in schnell wieder anderswohin schweifenden Gesprächen zu bestehen. Dagegen wendet sich "Ein Sommer mir Goethe", das sich aus 50 maximal sieben Seiten langen und schön illustrierten Kapiteln zu einer großen Einladung addiert. Jede dieser keine große Lesezeit erfordernden Episteln besteht circa zur Hälfte aus gut gewählten Zitaten, die klug eingeordnet und kommentiert werden. In der Summe ergibt das ganz unaufdringlich ein Themen-Puzzle, mit dessen Zusammenfügung man Goethes Leben näherkommt.
Mehr ist ohnehin nicht zu erwarten, denn Rätsel müssen bleiben, damit die Lust nicht nachlässt. Die Texte selbst liest man ja auch jedes Mal neu, weil immer wieder andere Gänge durch das Textgebirge möglich sind. Eine schönere Werbung für den deutschen Nationaldichter ist kaum denkbar. Zu solchem Ende muss Gustav Seibt an keiner Stelle geschwätzig werden. Darum ist sein Buch so wohltuend anders.
Seibts Sommerkurs-Goethe verortet den Titanen als Beobachter einer Zeit zwischen Alteuropa und Industriemoderne, um sich und uns von ihm Herz und Gedanken weiten zu lassen. Mittendrin markiert die Französische Revolution das Scharnier in Goethes Leben. Seine durchaus unterschiedliche Stellung zu Napoleon wurde zum Belastungstest im Verhältnis zu seinem Brotherrn Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach, der aufseiten der Preußen gegen die Franzosen stand und damit 1815 zu den Siegern zählte, was ihm nahezu eine Verdopplung seines Territoriums einbrachte und einen verschraubt verklausulierten Glückwunsch seines Ministers Goethe. Der hatte über das alles irgendwie anders gedacht und war 1789, als es begonnen hatte, gerade auch noch Vater geworden. Allerdings heiratete er Christiane Vulpius, die Mutter seines Sohnes, erst 16 Jahre später, als Weimar nach der Schlacht bei Jena und Auerstedt geplündert wurde und er die Frau an seiner Seite im Falle seines Todes nicht unversorgt wissen wollte.
Zu Seibts Kennerschaft gehört es, zur Illustration von Ereignissen und biographisch-chronologisch geordneten Unterthemen genau die richtigen Textpassagen parat zu haben. Die setzt er als luststeigerndes Medium ein und als Mittel, um ohne viele Worte und Kommentare unter die Oberfläche zu gelangen. So wird sein Buch zu einem für diese Zeit, in der die Fähigkeit, sich länger ablenkungsfrei in eine Sache zu vertiefen, immer mehr verloren geht. In einem ebenso kleinen wie feinen Exkurs verweist Seibt auf Goethes Brillenphobie als Vorschein auf all die vermeintlich nützlichen Dinge, die unser Verhältnis zur Realität verändern und womöglich unser Denken beeinflussen, indem sie Abhängigkeiten erzeugen.
Das Buch deutet Goethes Fähigkeit des Abstandhaltens als Basis seines Schreibens und Weltverständnisses - auch und vor allem in jener Zeit, als sich Deutschland im Biedermeier einrichtete. Gustav Seibts kursorisch pointiertes Verfahren ist tragfähig für all die angerissenen Themen, von Faust bis Prometheus, Krieg bis Safer Sex, weiblichem Eigensinn bis zu Selbsterprobungen Goethes an Orten der Gefahr. Und es schließt den Kreis zum Beginn: "Es kommt darauf an, Goethe zu lesen, immer wieder, nicht ihn gelesen zu haben." ULRICH STEINMETZGER
Gustav Seibt: "Ein Sommer mit Goethe".
Verlag C. H. Beck,
München 2026. 272 S.,
25 Abb., geb.
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