
Wenn einer alles hat und alles aufgibt
Ashok Oswald hat diesen Pool bauen lassen, nachdem er im Alter von 35 Jahren zu einem beträchtlichen Vermögen gekommen war. Wie jeden Morgen zieht er seine Bahnen durch das kühle Wasser, doch dieser Morgen ist besonders: Drei Fremde zwingen ihn, sein Ritual zu unterbrechen und das Manuskript herauszugeben, das Peter Bischof ihm vor vielen Jahren anvertraute. Ashok händigt es aus, aber was ist so bedeutsam an diesem Buch, dass diese Leute zu allem bereit scheinen? Um das herauszufinden, gibt Ashok sein altes Leben auf.
Ein abgründiger Roman, in dem Literatur und Leben sich aufs Originellste kreuzen.
»Steinfest erzählt lustvoll, klug, mitreißend. « SZ
»Ungewöhnliche Protagonisten, prachtvolle Stories und eine sehr sorgfältig gewählte Sprache. « FAZ
Besprechung vom 14.10.2025
Hunger, Durst und ein lebender Toter
Ein Roman, in dem alles wild nebeneinandersteht: Heinrich Steinfests "Das schwarze Manuskript" ist ein Sammelsurium, das sich in Sentenzen verläuft.
Ashok Oswald ist ein in jeder Beziehung ins Auge fallender Mann. Von seinen festen Beziehungen hat er gerade die zweite hinter sich. Mit Marion, seiner ersten, hat er zwei Söhne. Das ehemalige Model Christine war dann deutlich jünger als der heute vierundsechzigjährige Zweizentnermann. Nun ist sie mit einem Anwalt durchgebrannt. Das wäre für Ashok zu verschmerzen, doch leider hat sie den Klimt mitgenommen. Ashoks Vornamen könnte man mit "der Sorglose" übersetzen. Den und die hübsche Gesichtsfärbung hat er von seiner indischen Mutter, die Ashoks Vater 1959 bei einem Schachturnier kennenlernte. Noch heute, mit 87, schlägt sie den amtierenden Weltmeister in wenigen Zügen. Das ist eine der allpräsenten Übertreibungen und Eskapaden im neuen Roman von Heinrich Steinfest, der wie sein Protagonist als Österreicher in Deutschland lebt.
Ashok Oswald war vor mehr als vier Jahrzehnten als Lebensmittelchemiker und Steinpilzforscher von Wien nach Köln gekommen. Wie das nur in einem der zufallsgeladenen Romane von Heinrich Steinfest passieren kann, fand er sich bald als Chef und CEO des internationalen Mischkonzerns Vitnam & Friends wieder, wo es im Produktportfolio zwischen Solaranlagen und Tiefkühlkost, Baumaschinen und Küchengeräten, Golfausrüstung und Medizintechnik eigentlich nichts gibt, was es nicht gibt. Nur gibt es im Verlauf dieses zügellos vor sich hin mäandernden Romans bald keinen Konzernchef und CEO mehr: Ashok Oswald möchte andere Prioritäten setzen. Er hat einfach keine Lust mehr. Gern ist er in seinem raumgreifenden Pool allein, wo er in erstaunlicher Beweglichkeit seine Bahnen zieht.
Wie mit allem in diesem Buch hat es auch mit dem Pool eine besondere Bewandtnis. Das Vorgängerschwimmbecken hatte Ashok Oswald aus geschliffenen Natursteinen auf einem großen Kölner Grundstück unter alten Bäumen noch vor dem Haus errichten lassen - weil man nun einmal Prioritäten setzen muss. Dann hatte ein Meteoriteneinschlag einen zweiten Versuch notwendig gemacht. Hier also wohnt Ashok Oswald in großem Stil und freut sich an seiner Kunstsammlung von Tintoretto bis Mondrian. Aber nun fehlt der Klimt. Sei's drum, der Seurat hängt noch im Hauptraum überm Sofa: badende Frauen. Es gibt nichts Schöneres; der Besitzer bleibt auch im Trockenen in seinem Element.
Am Schluss des Romans werden wir uns wieder mit Ashok Oswald im Wasser befinden, damit der Kreis geschlossen ist, wenn noch einmal ein Ritual unterbrochen wird. Zwischendurch war der unachtsam Kraulende auch mit einer einundsiebzigjährigen Extremschwimmerin zusammengestoßen, die schon den Ärmelkanal durchquert hatte und nun für Weiteres trainierte. Daraus aber hat sich nichts entwickelt, weil Steinfest manchmal seine Ideen einfach aus dem Auge verliert. An einer Stelle kommentiert er das sogar: ". . . aber das ist nun wirklich eine ganz andere Geschichte." Falls ihm jedoch ein nicht unterzubringender Einfall gar zu unentbehrlich erscheint, packt er ihn kurzerhand in eine Fußnote.
So taumeln seine Leser durch ein Gedanken- und Sentenzendorado aus koketten Wortspielen, kunstgeschichtlichen Querverweisen mit Schwerpunkt Malerei und stochernden Peripherieexkursen, von denen manche wie aus den "Handbüchern des nutzlosen Wissens" des Hanswilhelm Haefs geplündert wirken. Da wird abgeschweift zur invasiven Quagga-Dreikantmuschel oder zum keltischen Nationalsport Hurling, da sind Busse am Fahrplan vorbei unterwegs, und lässig fahrende Abfahrerinnen fahren fahrlässig in Abfahrer, woraus dann eine folgenreiche Freundschaft entsteht.
Ashok Oswald war am letzten Tag seines funktionierenden Lebens von drei finsteren Typen aus dem Wasser geholt worden, mit nachdrücklichen Faustschlägen in die Magengrube. Vor vierzig Jahren hatte er ein Manuskript bekommen und ungelesen in die Ecke gelegt, das die drei nun zurückhaben wollen. Ashok erinnert sich vor allem an die Schauspielerin Andrea, die dabei war, als Peter Bischof diese dreihundert Seiten zum Thema Hunger loswerden wollte: Sie hatte ihn damals für das Ausführen ihres Hundes in klirrender Kälte mit intensivem Körperkontakt belohnt. Davor war Oswald so aufgeregt gewesen, dass er das ihm überantwortete Papierpaket in der Bar vergessen hatte. Der Koch dort hatte alles gelesen, um ein paar Stunden später tot zu sein. Immer etwas los bei Heinrich Steinfest.
Nun erinnert sich Ashok Oswald, entlässt Frau, Köchin und Gärtner, weil er nur noch den Chauffeur braucht, der ihn zur Schauspielerin von damals bringt, die im Badischen ihre letzte Rolle als Weinmacherin spielt und ihn auch mit achtzig noch betört. Sie soll ihm den Weg zum toten Manuskriptautor Peter Bischof weisen und weiß, dass der sich nur zum Schein begraben ließ. Scheinbegräbnisse haben von Jean Paul bis Max Frisch literarische Tradition. Heinrich Steinfest fügt dem nun eine alberne Variante hinzu. Peter Bischof hat sich in Irland zu Peeter Bishop gewandelt. Nachdem sein vormals verfasster Text die Realität vorweggenommen hatte, will er nun nicht mehr ins Tatsächliche eingreifen und schreibt wie ein Adalbert Stifter ohne Menschen über die Natur. "Durst" heißt der Roman des lebenden Toten, der keinen Schaden mehr anrichten will, derweil er es sich in Irland gut gehen lässt als Sportreporter.
Man könnte die Orientierung verlieren in diesem sich in Sentenzen verlaufenden Roman, in dem alles wild nebeneinander versammelt steht. Zum Glück gibt es den Klappentext, der immer wieder zur Ordnung ruft in diesem unordentlichen Buch, falls man vergessen hat, worum es hier im Kern geht, dass nämlich "erzählerische Kunst existenzielle Folgen" haben kann. ULRICH STEINMETZGER
Heinrich Steinfest: "Das schwarze Manuskript". Roman.
Piper Verlag,
München 2025.
240 S. geb.
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