
Besprechung vom 28.10.2025
21 Sorten Kuchen
Helle Helles Selbstfindungsroman "Hafni sagt"
Eine der großen Damen der dänischen Gegenwartsliteratur, Helle Helle, Jahrgang 1965, legte 2023 mit dem nun auf Deutsch vorliegenden Buch ein Reisestückchen vor, ein kleines Roadmovie durch Dänemark - einmal von Fredrikslund im Norden Seelands bis nach Gråsten (bekannt durch den Gravensteiner Apfel) an der nördlichen Seite der Flensburger Förde. Ausgangspunkt der Reise ist keine Reiseabsicht, sondern eine Scheidung - Hafni sagt, dass sie sich scheiden lässt. Titel und Nebensatz bilden den Anfangssatz des Buches. Ihre neu gewonnene Freiheit wird sie mit einer Reise feiern, die man vermutlich nur in Dänemark begehen kann, mit einer smørrebrødsrejse, was mit Butterbrotreise oder meinethalben Stullentour ziemlich hilflos zu übersetzen wäre und deswegen auch - in deutscher Orthographie - sinnvoll so von der Übersetzerin belassen wird.
Von Fredrikslund geht es über das ehrwürdige Roskilde weiter nach Ringsted und Korsør, über die im Jahr der Handlung, 2013, längst gebaute Brücke über den Großen Belt, dann nach Nyborg, Svendborg, Faaborg und Bøjden, dann auf die Fähre nach Fynshav auf der Halbinsel Als, und, damit die Literatur nicht zu kurz kommt, vorbei an des großen Hermann Bangs Geburtshaus in Asserballe, schließlich als Finale zur großen südjütländischen Kaffeetafel mit den "dreimal sieben verschiedenen Sorten Kuchen".
Schon auf den ersten paar Seiten wird klar, was die Heldin vorhat: "Ich will nicht Ich sein. Ich will mich selbst neu erfinden. Und ich weiß nicht, wie ich mich neu erfinden soll." Sie hält sich während der Reise auf Campingplätzen ebenso auf wie in häufig sehr angenehmen Wirtshäusern längs des Weges; Erinnerungskrümel mischen sich mit dem Echo des Familienlebens, aus dem sie ausgebrochen ist, verbunden mit Hausfrauentipps allerlei Arten. Die Erzählweise kann einem eintönig vorkommen, denn Hafni erzählt unaufhörlich von großen und kleinen Sachen, von einer (vermutlich größeren) Sache allerdings nichts: von der initialen Scheidung. Sie räumt ein, Erzählprobleme zu haben und die Grenze zur Bagatelle nicht einhalten zu können.
Was der Unterhaltsamkeit des Erzählflusses dieser Reisenden keinen Abbruch tut. Wir kriegen alle Details mit, woher die flotten Ortsnamen kommen, was für schräge Existenzen in den Örtchen wohnen und wie viel gute Smörrebröds in ihnen vertilgt werden können. Sie besucht das anmutige Valdemars Slot auf der Insel Taasinge südlich von Fünen und lehrt uns, wie man eine Avocado mit einem Autoschlüssel und einem Kamm mundgerecht zerteilen kann. Dass sie auch noch mal eben auf Langeland landete, ist ein Versehen.
Die Reise, hastig nach der Scheidung für eine Woche geplant, dauert mehr als einen Monat (was richtig viel ist - Dänemark ist nicht sehr groß), denn Hafni braucht Zeit, um ihren Neuerfindungsvorsatz (siehe oben) umzusetzen. Das fällt ihr schwer, denn Nein zu sagen, hat sie offenbar nicht gelernt, was ihr zunehmend klarer wird. Sie scheut es, Leute zu enttäuschen, und braucht deswegen Zeit, um sich rauszureden und derart den Ansinnen vieler Leute, die sie trifft, aus dem Wege zu gehen. So kommt sie aus der Reise heraus mit einem anderen Blick auf sich selbst und einer durchaus brennenden Scham über all das Verbohrte und Verkehrte, das sie bisher machte und sagte. Und bekommt ihre eigene kleine Kaffeetafel zur Belohnung im Hotel in Gråsten aufs Zimmer gebracht: "Drei Glasglocken, und unter diesen sieben Sorten weiche, sieben Sorten trockene, sieben Sorten feste Kuchen". Ein Schluss fast wie in einem Märchen von Hans Christian Andersen.
Warum der sehr gut wörtlich zu übersetzende Titel "Hafni erzählt" für die deutsche Ausgabe nicht gewählt wurde? Man weiß es nicht; es wäre diesem Buch mit einer komplexen Erzählung einer großen Autorin aber allemal angemessener gewesen. STEPHAN OPITZ
Helle Helle: "Hafni sagt". Roman.
Aus dem Dänischen von Flora Fink. Penguin Verlag, München 2025.
208 S., geb.
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