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Die Kinder des Prometheus

Eine Geschichte der Menschheit vor der Erfindung der Schrift. 5. , durchgesehene Auflage. mit 110 Abbildungen…
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Hermann Parzinger, international renommierter Prähistoriker und Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, bietet erstmals ein weltgeschichtliches Panorama der Frühzeit einen wahrhaft atemberaubenden Überblick von den Anfängen der Menschwerdung … weiterlesen
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Produktdetails

Titel: Die Kinder des Prometheus
Autor/en: Hermann Parzinger

ISBN: 3406666574
EAN: 9783406666575
Eine Geschichte der Menschheit vor der Erfindung der Schrift.
5. , durchgesehene Auflage.
mit 110 Abbildungen und 19 Karten, größtenteils in Farbe.
Beck C. H.

1. April 2015 - gebunden - 848 Seiten

Beschreibung

Hermann Parzinger, international renommierter Prähistoriker und Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, bietet erstmals ein weltgeschichtliches Panorama der Frühzeit einen wahrhaft atemberaubenden Überblick von den Anfängen der Menschwerdung vor 5 Millionen Jahren bis zur Entstehung der frühen Hochkulturen vor wenigen Jahrtausenden. Hermann Parzinger verfolgt in diesem monumentalen, reich mit farbigen Abbildungen und Karten ausgestatteten Werk die Spuren des Menschen vom Australopithecus zum Homo sapiens. Er begleitet ihn auf seinem Weg durch alle Weltteile von dessen Urheimat Afrika über Europa und Asien bis in die Inselwelt der Südsee und auf den amerikanischen Doppelkontinent. Stets nimmt er sich Zeit, die Einflüsse von Klima und Umwelt auf unsere Vorfahren zu erläutern und ihre bewundernswerten Anpassungsleistungen zu würdigen der Eiszeitjäger in Europa wie der Reisbauern am Yangtse, der Bisonjäger in den Great Plains Nordamerikas wie der frühen Hirsebauern in der Sahelzone. Er beschreibt die Kunst der Höhlenmaler von Lascaux ebenso wie die Felsbilder der Aborigines oder die ersten Großskulpturen in den Anden. Aber er widmet sich auch den Anfängen von Eigentum und Herrschaft, von Totenkult und Jenseitsglauben in den verschiedenen Kulturräumen der Erde. So ist ein eindrucksvolles Buch entstanden, das angesichts des Entstehens und Vergehens zahlloser Menschheitskulturen helfen könnte, den modernen Menschen Demut zu lehren.

Portrait

Hermann Parzinger war Präsident des Deutschen Archäologischen Instituts und ist Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. 1998 wurde er mit dem Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft ausgezeichnet.

Leseprobe

1
Mit Greifhänden und Geröllgeräten: frühe Hominiden in Afrika


Die Geschichte vom Werden des modernen Menschen ist noch nicht zu Ende geschrieben. Immer wieder wartet die Wissenschaft mit überraschenden Neufunden auf, die es erlauben, die verschlungenen Wege der Familie der Menschenaffen, der sogenannten hominidae, bis zum Homo sapiens noch genauer nachzuzeichnen. Wichtige Erkenntnisse bringen in diesem Zusammenhang inzwischen auch paläogenetische Untersuchungen an alter DNA. Der Werdegang des Menschen erscheint dadurch jedoch nicht immer nur klarer, sondern eher noch komplexer und verworrener. Die Forschung wird auf diesem Feld also noch viel zu leisten haben, ehe sicheres Terrain erreicht ist. Wir wissen, dass unser Genom zu 95 Prozent mit dem des Schimpansen übereinstimmt; das heißt zwar nicht, dass der Mensch vom Schimpansen abstammt, es bedeutet aber, dass es gemeinsame Vorfahren gegeben haben muss irgendwo und irgendwann in ferner Vergangenheit vor 10 bis 5 Millionen Jahren.

Der Australopithecus afarensis

Der Mensch konnte zum Menschen werden, weil seine Vorfahren zum aufrechten Gang fanden, während sich gleichzeitig das Hirnvolumen vergrößerte und der Gesichtsschädel flacher wurde. All dies kennzeichnet den nur in Afrika verbreiteten Australopithecus, dessen erstes Auftreten man derzeit vor etwa 7 Millionen Jahren datiert (Abb. 1; Karte 1). Erste Funde kamen im Becken des Tschadsees zum Vorschein, etwas jüngere Funde aus dem südafrikanischen Taung sind 5 Millionen Jahre alt. Ob alle Arten von Australopithecinen von Anfang an bereits den aufrechten Gang beherrschten, gilt inzwischen als unsicher. Gerade die frühesten Vertreter des Australopithecus afarensis vor über 3 Millionen Jahren hatten möglicherweise auch eine Fortbewegung ganz eigener Art. Ihr Lebensraum dürfte aus lichten Wäldern bestanden haben, wo sie anfangs höchstwahrschei
nlich die Lebensweise der Menschenaffen noch beibehalten hatten. Sie hielten sich häufig auf Bäumen auf, insbesondere zum Schlafen, vermochten aber bereits, gelegentlich aufrecht auf dem Boden zu gehen eine Fortbewegungsart, die sie in der Folgezeit immer weiter entwickelten.

Aufrechter Gang und Greifhand

Der aufrechte Gang selbst ist jedoch keine Leistung des Menschseins, sondern stellt eine wichtige Voraussetzung dafür dar. Aufrechter Gang und die vielfältig einsetzbare Greifhand gehören zunächst einmal zum tierischen Erbe des Menschen. Mit dem aufrechten Gang kam den Händen plötzlich eine ganz neue Bedeutung zu. Sie wurden immer sensibler. Aus der Greifhand wurde ein Organ des Verstehens, indem sich das sprichwörtliche Fingerspitzengefühl entwickelte. Diese enge Verbindung von Hand und Verstand wird noch heute in unserem Alltag durch die unwillkürliche Gestik, die häufig das Sprechen begleitet, erkennbar. Im Unterschied zum stärker instinktgelenkten Fuß ist die Hand das Organ des Handelns. Durch sie konnte der Vormensch handelnd begreifen und durch Hand- und Fingerzeichen auch eine erste Art der Verständigung mit seinen Artgenossen entwickeln. Beobachtungen an blindgeborenen Kindern zeigen, dass das Sprechen mit den Händen ein integraler Bestandteil des Sprachprozesses ist. Durch die Differenzierung der die Körpersprache begleitenden Laute dürfte die Begriffssprache entstanden sein. Dieser sprachliche Ausdruck unterstützt bzw. ersetzt Mimik und Gestik, freilich ohne dass diese vollends aufgegeben werden.

Abb. 1 Stammbaum des Menschen und seiner Verwandten: Gestrichelt dargestellt sind unsichere, durchgezogen wahrscheinliche Verwandtschaftsbeziehungen.

Die bei unseren Urahnen zunehmende Feinfühligkeit der Hände begünstigte die spezifisch menschliche Fähigkeit zur darstellenden Erläuterung, die ihrerseits wiederum Mimik und Gestik beförderte und am Ende sprachliche und sogar musikalische Artikulation er
möglichte. Dieser komplexe Prozess ging einher mit einer immer weiter fortschreitenden Ausformung des Gehirns, und am Ende stand ein zergliedernder Intellekt ebenso wie ein zur Lösung von Problemen geeignetes ganzheitliches Denken. All dies ist mit dem Weg zum Menschsein untrennbar und ursächlich verbunden.

Lucy

Die meisten Belege für die ältesten Vorfahren des heutigen Menschen treten in Ost- und Südafrika auf, und sein aufrechter Gang dürfte sich dabei erst sehr allmählich herausgebildet haben. Als Zeugnisse aus dieser Frühzeit fanden sich in der Regel nur vereinzelte Knochen von ganz unterschiedlichen Körperteilen. Eines der bislang ältesten fast vollständig erhaltenen Skelette genannt Lucy stammt aus Äthiopien und ist 3,9 bis 3,2 Millionen Jahre alt. Das Alter dieser Frau wird auf etwa 25 Jahre und ihre Körpergröße auf 105 Zentimeter geschätzt. Das Körpergewicht der Australopithecinen lag schätzungsweise zwischen 30 und 40 Kilo, ihre Größe dürfte auch bei männlichen Exemplaren 1,30 bis 1,40 Meter nicht überschritten haben. Damit waren sie nicht viel größer als aufrecht stehende Schimpansen.

Vergrößerung des Kauapparats

Vor etwa 3 Millionen Jahren vollzog sich in weiten Teilen Ost- und Südafrikas eine Klimaveränderung, die zu mehr Trockenheit führte, wobei die Wälder, die weiche Früchte- und Blätternahrung boten, verschwanden. An ihrer Stelle breiteten sich zunehmend savannenartige Graslandschaften aus, in denen nur noch vereinzelt Bäume wuchsen. Damit änderte sich auch das Nahrungsangebot, das mit vergleichsweise harten Gräsern, Samen und Wurzeln der Fauna neue Herausforderungen stellte. Der Australopithecus musste sich diesem Lebensraum anpassen; als Vegetarier entwickelte er einen beeindruckenden Kauapparat, seine Backenzähne wiesen extrem vergrößerte Kauflächen auf, und die äußerst kräftigen Kaumuskeln begannen sogar, eine Art Kamm auf dem Schädel auszubilden. Alle diese grun
dlegenden Veränderungen, der aufrechte Gang wie die Vergrößerung des Kauapparats, waren das Resultat allmählicher, sich über Hunderttausende bis Millionen von Jahren vollziehender natürlicher Anpassungsvorgänge. Auch die Tierwelt, zu der man im Hinblick auf diese Epoche die Grenze nicht zu scharf ziehen sollte, war den gleichen Prozessen unterworfen.

Karte 1 Frühe Hominiden in Afrika und die Ausbreitung des Homo erectus bzw. Homo ergaster nach Asien und Europa.

Die ältesten menschlichen Artefakte aus der Olduvai-Schlucht

Inwieweit seinerzeit der Australopithecus über das Niveau von Schimpansen hinaus bereits in der Lage war, Werkzeuge einzusetzen, entzieht sich verlässlicher Kenntnis. Der Australopithecus afarensis (Abb. 1) ist jedenfalls etwa 500.000 Jahre älter als die frühesten Steingeräte, die wir kennen. Diese ältesten Artefakte stammen aus der Zeit vor etwa 2,7 Millionen Jahren. Man hat sie in der ostafrikanischen Olduvai-Schlucht entdeckt, weshalb man die gesamte Periode frühester materieller Kultur des Menschen seither als Oldowan bezeichnet. Inzwischen neigt die Forschung zunehmend zu der Auffassung, dass bereits der Australopithecus als Hersteller von Geräten aus dem frühesten Oldowan in Betracht kommt, auch wenn ein eindeutiger Beweis dafür noch nicht erbracht werden konnte und Homo rudolfensis und Homo habilis ebenfalls als Verfertiger erster Gerätschaften im Gespräch sind; vieles wird hier künftige Forschung noch zu klären haben.

Werkzeuggebrauch bei Tieren

Auch Tiere waren und sind in der Lage, durch den gezielten Einsatz unbelebter Objekte Wirkungen zu erreichen, die außerhalb der Funktionsmöglichkeiten ihres eigenen Körpers liegen. Sie verändern dabei meist die Form oder Position des betreffenden Gegenstands, schaffen sich also ein Werkzeug. Besonders aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang die Entdeckung e
iner über 4000 Jahre alten Schimpansenwerkstatt bei Noulo im Tai-Nationalpark durch Mitarbeiter des Leipziger Max-Planck-Instituts für Evolutionäre Anthropologie. Die dort freigelegten Steine wurden zum Zerschlagen von Nüssen verwendet. Solche Funde zeigen, dass bestimmte kulturelle Merkmale, die man lange ausschließlich dem Menschen zugeschrieben und zugetraut hat, wie etwa die Auswahl und das Beschaffen von Rohmaterialien und deren gezielte Verwendung für ganz bestimmte Arbeiten an einem festgelegten Ort, auch Schimpansen zu eigen sind. In dieses Bild fügen sich im Senegal beobachtete Schimpansengruppen, die mit Speeren nach Beutetieren jagen oder mit anderen Gerätschaften Honig sammeln. Werkzeuggebrauch bei Tieren ist jedoch keinesfalls nur auf Menschenaffen begrenzt. Er lässt sich etwa auch bei Elefanten beobachten, und das Gleiche gilt beispielsweise für Delphine, die vor der Küste Australiens abgelöste Meeresschwämme gleichsam wie Handschuhe über ihre Schnauze stülpen, um sich bei der Futtersuche im Meeresboden vor Verletzungen zu schützen.

Die Steingeräte des Oldowan Planungsvermögen und Handlungsabfolgen bei der Steingeräteproduktion

Gleichwohl sind die weltweit...


Pressestimmen

"Ein fesselndes Buch."
Weltkunst, Mai 2015

Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung vom 23.11.2014

30. Eine Welt ohne Schrift

Während die Sprache den ganzen Körper erfasst und nicht nur, wie die Neurowissenschaftler behaupten, ein paar leuchtende Regionen im Gehirn, geht die Schrift noch ein paar Schritte weiter. Mit ihrem Auftauchen und ihrem Gebrauch ändert sich sofort das Denken und das Bild der Gesellschaft fundamental und irreversibel. Einmal eingeführt, gibt es kein Zurück mehr hinter die Schrift. Das war es, was Jacques Derrida meinte, als er klarstellte: Am Anfang war die Schrift. Die Hardware der Schrift braucht keine Software des Sinns oder der Inhalte, um ihre Wirkung durchzusetzen. Die Schrift allein ordnet die Dinge neu. Wer dem nicht folgen will, geht unter, wenn er keinen Raum ohne Schrift findet. Die schriftlosen Indigenen Nordamerikas und Australiens legen davon bis heute Zeugnis ab. Aber vom Himmel gefallen ist die Schrift natürlich trotzdem nicht.

"Fragen wir also, wie jene Welt aussah, als es noch keine Schrift gab!", schreibt Hermann Parzinger zu Beginn seiner umfassenden Studie zur Geschichte der Menschheit vor der Erfindung der Schrift. Und was dann folgt, ist von einer solchen in Schrift gegossenen Übersicht, dass jedes Lob davor zur Lächerlichkeit verkommt. Parzinger, heute Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, war jahrelang als Archäologe und Frühhistoriker selbst als Aktivist an zahlreichen Ausgrabungsprojekten beteiligt. Er überblickt sein Forschungsfeld nicht nur, er kann es auch bis zur Einarbeitung des letzten aktuellen Details anderer Forscher vermitteln. So fehlen in der Betrachtung der vorschriftlichen Gesellschaften auch die Artefakte nicht, die Schimpansen, Elefanten und Delphine hervorzubringen vermögen. Parzinger ist damit selbst ein archäologisches Fossil des Humboldtschen Lehrerideals, nach dem die besten Praktiker auch die Theorie zur Praxis vermitteln sollten. Fossil deshalb, weil die Universitäten im Ökonomisierungswahn die Einheit von Forschung und Lehre systematisch auflösen und somit aktiv an der Vernichtung der Bedingung der Möglichkeit solcher Werke wie diesem hier arbeiten.

Cord Riechelmann

Hermann Parzinger: "Eine Geschichte der Menschheit vor der Erfindung der Schrift". C. H. Beck, 850 Seiten

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