
Besprechung vom 21.06.2025
Was hat Hamlet mit der Geschichte Palästinas zu tun?
Hochreflektiert, aber viele blinde Flecke: Isabella Hammads Roman "Enter Ghost"
Mit ihrem Debütroman "Der Fremde in Paris" hat die junge britisch-palästinensische Autorin Isabella Hammad international Aufsehen erregt. Während sie darin vor allem die Geschichte ihres palästinensischen Urgroßvaters verarbeitete, nähert sie sich in ihrem zweiten Roman "Enter Ghost" nun mit vielen autobiographischen Bezügen der Gegenwart an.
Hauptfigur ist die britisch-palästinensische Schauspielerin Sonia. Nach dem Scheitern ihrer Ehe und einer ungut verlaufenen Affäre mit einem Regisseur kehrt sie der Londoner Theaterszene erst einmal den Rücken und besucht ihre Schwester Haneen, die in Haifa an der israelischen Universität arbeitet - in jener Stadt also, wo Juden und Araber noch vergleichsweise problemlos zusammenleben. Zwar ist Sonia seit der zweiten Intifada nicht mehr in Israel gewesen. Als Kind aber hat sie ihre Großeltern und Verwandten alljährlich im Sommer besucht.
Es ist eine Rückkehr in vermintes Gelände, was die Familiengeschichte, noch mehr aber, was die Lage des Landes betrifft. Und es ergibt sich, dass Sonia unversehens in ein Theaterprojekt involviert wird. Eine palästinensische Theatergruppe sucht noch eine Schauspielerin für die Rolle der Königin Gertrude in einem "Hamlet"-Projekt. Geplant ist, die Inszenierung (zur Selbsterkenntnis der israelischen Grenzsoldaten?) auf einer eigens errichteten Bühne direkt an der Mauer von Bethlehem aufzuführen. Diese Mauer, die nach der zweiten Intifada zur Verhinderung der ständigen Selbstmordattentate mit über 1000 Toten errichtet wurde (worüber der Roman schweigt), ist für Palästinenser ein Monument der israelischen Gewaltherrschaft (was im Roman deutlich wird).
Mit subtiler Psychologie beschreibt Hammad, wie in der Theatergruppe Gereiztheiten und Rivalitäten entstehen, schon deshalb, weil für die Figur des "Hamlet" der Popstar Wael Hejazi engagiert wird, dessen Lied "Mein Herz stammt aus Palästina" zum Hit wurde. Wael soll Publikum anziehen, auch wenn er kein guter Schauspieler ist - was die guten Schauspieler in der Gruppe kränkt.
Isabella Hammad zielt aber auf mehr als einen Theaterroman unter erschwerten Umständen. In den Proben erweist sich "Hamlet" als Spiegel der verworrenen Gegenwart. Die Zeit ist aus den Fugen und allerhand faul im Staate Israel. Hamlet müsste zur Tat schreiten, den Verrat rächen; warum zaudert er, zum Märtyrer zu werden? Wird die Königin vom Usurpator und Brudermörder Claudius vergewaltigt wie Palästina, fragt ein Schauspieler. Oder ist sie eine Verräterin wie jene Palästinenser, die den Juden Land verkauft haben? "Das ist eine ziemlich spezielle Lesart des Stückes", wendet Sonia anfangs noch mit britischer Reserve ein. Dann muss sie allerdings erfahren, dass auch das großelterliche Haus ihrer Kindheitssommer verkauft wurde - ein Schock. In einer zentralen Szene fährt sie noch einmal dorthin, wird vom neuen israelischen Besitzer aber schroff abgewiesen. Als sie sagt, sie sei doch "nur nostalgisch", entgegnet der Mann kränkend: "Sehr hübsch. Aber behalten Sie Ihre Nostalgie für sich."
Der Roman spielt 2017, während der Tempelberg-Krise. Im Lauf der Probewochen dringen zudem immer wieder Nachrichten von israelischer Siedlergewalt herein. Es wabert das Tränengas der Polizeieinsätze, Schüsse fallen, Menschen sterben. Solche Medienbilder lassen sich auch anderswo verfolgen, aber für Sonia bekommen sie durch die räumliche Nähe eine intensivere Realität. "Ich fühlte mich in die Intifada-Sommer unserer Kindheit zurückversetzt", heißt es. Die Schlüsselszene ihrer Kindheitserinnerungen ist der Besuch bei einer Familie im Westjordanland, deren Sohn Rashid sich in finalem Hungerstreik befand - schon zu Lebzeiten verklärt als Märtyrer, aber dennoch ein verstörender Anblick. "Der Körper wird zum Schlachtfeld. Sterben wir, dann haben die Israelis die Schlacht verloren" - solche Sätze des Romans, der im Original ein halbes Jahr vor dem 7. Oktober 2023 erschien, haben eine fatale Triftigkeit, wenn man sie auf den Gazakrieg und die Ideologie der Hamas bezieht, die im Roman freilich kein einziges Mal erwähnt wird. "Enter Ghost" ist ein hochreflektiertes Buch mit vielen blinden Flecken. Es gibt darin furchteinflößende israelische Grenzsoldaten, aber keinen palästinensischen Terroristen.
Hammad betreibt zwar keine offene antiisraelische Hetze, aber sie und ihre Figuren folgen unbeirrt den palästinensischen Sprachregelungen und Narrativen. Da "stirbt jemand den Märtyrertod", arabische Israelis haben sich "von ihren Wurzeln losgesagt", und die israelischen Soldaten an den Checkpoints mustern arabische Frauen mit "ekelhaften Blicken". Und alle Palästinenser hegen und pflegen die "Nakba-Stories" ihrer Familien. Israel firmiert schlicht als "48" - eine Bezeichnung für das "1948 besetzte palästinensische Land, das heute als Gebiet des Staates Israel gilt", wie man vom Übersetzer Henning Ahrens erfährt.
Als während der Proben zwei israelische Wachen vor der Al-Aqsa-Moschee getötet werden, verschärft sich die Situation für die Theatergruppe noch einmal. Bei den Schikanen, die sie an einem Checkpoint erdulden müssen, vollzieht sich mit Sonia eine entscheidende Wandlung: Sie verliert ihre britische Distanz und wird zur aufgebrachten Palästinenserin. Die anderen im Auto, die solche Situationen kennen, nehmen ihr das riskante Verhalten allerdings übel. "Ich hasse Israel", sagt sie wie zur Entschuldigung. Und ihre Schwester antwortet: "Willkommen zuhause." So wundert es nicht, dass auch das Finale des Romans ein klares Signal gibt: Versöhnung ist nicht zu erwarten. Mitten in der "Hamlet"-Aufführung an der Mauer von Bethlehem kommt der Geist auf die Bühne - in Gestalt israelischer Soldaten.
Die Metapher des Theaters ist auch deshalb stimmig, weil die palästinensische "Tragödie" wie ein Schauspiel auf allen Kontinenten verfolgt wird. Die Palästinenser haben zwar kein Land, aber die Weltöffentlichkeit. "Palästinenser, die ein Publikum suchten, waren ziemlich gut darin geworden, eins zu finden", lautet eine der vielen klugen Beobachtungen dieses bei allen Fragwürdigkeiten sehr aufschlussreichen Romans. WOLFGANG SCHNEIDER
Isabella Hammad:
"Enter Ghost". Roman.
Aus dem Englischen
von Henning Ahrens. Luchterhand Literaturverlag,
München 2024. 480 S., geb.
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