Half his age handelt von Waldo, aus deren Ich-Perspektive die ganze Geschichte erzählt wird. Sie ist 17 Jahre alt, wie sie selbst sagt "ein weißes Unterschichts-Kind" und sie verliebt sich in ihren Lehrer für kreatives Schreiben, Mr Korgy. Verlieben klingt allerdings netter, als das, was dann folgt - Waldo, die bereits sexuell recht erfahren ist für ihr junges Alter, verführt ihn und erlebt mit ihm zusammen rauschhafte Leidenschaft - mit allen Höhen und Tiefen, die zum Leben einer "Geliebten" dazu gehören...
Die Geschichte ist eindeutig sehr gut geschrieben, die Sprache klar und deutlich und gut lesbar. Auch die vielen expliziten Szenen sind nicht pornographisch geschrieben oder - was ich schlimmer finde - verklemmt umschrieben, nein, sie sind deutlich und realistisch, so realistisch, dass es beim Lesen manchmal fast weh tut.
Auch das Setting in Alaska fand ich interessant, ich glaube, ich habe noch nie ein Buch gelesen, das in Alaska spielte.
Einige Gedanken und vor allem die Beziehung Waldos zu ihrer Mutter sind wirklich spannend gewesen zu lesen und haben mich emotional berührt - eine 16jährige, die Mutter wird und ihre Tochter mehr schlecht als recht aufzieht. Eine Tochter, die schon viel zu früh erwachsen wird und ihrer Mutter mehr Stütze und Hilfe ist als es je andersrum der Fall gewesen ist. Immer wieder blitzen in Waldo Gedanken an ihre Kindheit auf, in der sie sich verlassen, einsam und ungeliebt gefühlt hat - und das erklärt (auch), was sie in Mr Korgy zu finden hofft: einen Menschen, der SIE sieht und - ja, abgedroschen, aber vermutlich wahr - eine Vaterfigur. Sie gibt ihm das, was sie bei ihrer Mutter beobachtet hat - ständige Verfügbarkeit, Offenheit für alle (vor allem erotische) Wünsche und Vorstellungen, Hingabe, Selbstaufgabe.
Die Figuren bleiben alle für mich leider zu blass. Mr Korgy, immerhin die männliche Hauptperson, wird von Waldo ausschließlich bei seinem Nachnamen genannt und sie hat ihn auch so in ihrem Telefon abgespeichert, erst spät im Buch erfahren wir seinen Vornamen, ausgerechnet (und eigentlich typisch) aus dem Mund seiner Frau Gwen.
Waldos beste Freundin, die einzige, der sich Waldo anvertraut, ist eine Mormonin, mit der Waldo eine komplizierte langsam sterbende Kinderfreundschaft verbindet - und ihre Empörung über die Problematik der Beziehung verpufft, weil sie eine lächerliche Figur ist. Die Jungen, mit denen Waldo "zusammen" ist, werden aus Waldos Sicht beschrieben und wirken linkisch, naiv und vor allem austauschbar. Und Waldo selbst ist ebenfalls unreif und launenhaft, sie hat keine Ambitionen oder Vorstellungen für ihr späteres Leben, keinen Ehrgeiz oder Träume. Sie lebt vor sich hin und hadert mit dem Leben an sich, hängt am Handy, konsumiert in jeder Hinsicht das Falsche und zu viel, macht Bulimie-Internet-Shopping und lebt von Fastfood. Obwohl anfangs andedeutet, kommt es durch die Beziehung zu ihrem Lehrer nicht zu einer intellektuellen Entwicklung bei ihr - egal, wie viele Filme, Musik oder Bücher er ihr versucht nahezubringen, sie lässt sich nicht darauf ein und es fällt schon früh auf, dass das einzige, was sie verbindet, ihre körperliche Anziehung ist sowie bei ihm der Verlust der Jugend und bei ihr die Suche nach einer Vaterfigur.
Als Mutter dreier Töchter (eine davon 17, also in Waldos Alter) hat mich vieles an dem Plot verstört und dazu geführt, dass ich trotz des guten Schreibstils und einiger Gedanken, die mich gefesselt haben, das Buch nicht guten Gewissens weiterempfehlen kann.
Die Problematik der "Beziehung", die Waldo mit ihrem Lehrer eingeht, wird zwar ab und an (vor allem von ihm selbst) halbherzig angesprochen, sie steht aber nicht wirklich in der Kritik. Alles in allem endet das Buch für mich zwar einigermaßen versöhnlich, doch sowohl die Ausgangslage als auch der Großteil des Plots sind für mich absolut problematisch und könnten einem Lesenden vermitteln, dass es realistisch vorkommen kann, dass eine Schülerin ihren Lehrer begehrt, der mitleidslos als Mann in seinen 40ern beschrieben wird und keineswegs als begehrenswert und "jung geblieben" und die beiden eine Beziehung miteinander führen könnten.
Von mir also nur eine eingeschränkte Leseempfehlung, aber eine Autorin, die ich im Auge behalten werde!